Auf einem Handy ist das blaue Logo der Ruhr-Universität-Bochum zu sehen zusammen mit der englischen Bezeichnung Research Departments.
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Hochschulkarriere
Reformideen für Personalstrukturen steuern Richtung Umsetzung

Der Forschungsausschuss hat sich im Fachgespräch über die Weiterentwicklung von Hochschulkarrieren beraten. Machbarkeit bestimmt den Diskurs.

28.01.2026

Die Einführung von Departmentstrukturen an Hochschulen sollte nicht per Gesetz vorgeschrieben, sondern durch finanzielle Anreize staatlich gefördert werden. Das ist eine zentrale Anregung aus dem Fachgespräch zum Thema Weiterentwicklung von Stellenprofilen und Departmentstrukturen an Hochschulen, das heute im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags stattgefunden hat. 

Diskussionsgrundlage der Ausschusssitzung war eine Stellungnahme der Sachverständigen Lisa Niendorf, Bildungsforscherin und Lehrkraft für besondere Aufgaben (LfbA) an der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin. Niendorf ist unter anderem durch ihr aktuelles Buch "UNIversal gescheitert" als Kritikerin des aktuellen Wissenschaftssystems bekannt. 

Sachverständigen-Stellungnahme als Diskussionsgrundlage 

In ihrer Stellungnahme für den Forschungsausschuss hat Niendorf neben Zitaten aus ihrem Buch diverse Eindrücke aus ihrem Arbeitsalltag als LfbA und daraus resultierende Reformbedarfe als "machbare Lösungen" formuliert. Sie fordert darin unter anderem Mindestvertragslaufzeiten für Promovierende, die Trennung von Betreuung und Begutachtung von Dissertationen, Dauerstellen für Postdocs, gesetzlich festgelegte Befristungshöchstquoten sowie flexible Stellenprofile. 

Insbesondere bezüglich flexibler Stellenprofile weicht Niendorf von den im Sommer 2025 vom Wissenschaftsrat veröffentlichten Reformempfehlungen zu den Personalstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem ab. Darin schlägt der Wissenschaftsrat neben deutlich weniger Befristungen vier Stellenkategorien vor, die für wissenschaftliche genauso wie für wissenschaftsnahe Aufgabenprofile gelten. "Aber statt starrer Funktionen, die in sich schon wieder Hierarchien schaffen (Juniorprofessur, LfbA, Senior Researcher), bevorzuge ich die Idee, für Postdocs Flexibilität in den Arbeitsplatzbeschreibungen zu schaffen", schreibt Niendorf in ihrer Stellungnahme und skizziert darin sogenannte Portfolio-Stellenprofile im Rahmen von Departmentstrukturen. 

Diese "Portfolio-Stellenprofile" könnten beispielsweise 50 Prozent zur Abdeckung der Departmentziele enthalten, einen Entwicklungsbereich von 30 Prozent, den die Person mitgestalten kann, und eine Experimentierzone von 20 Prozent. Die Einführung könne ihrer Ansicht nach für mehr Durchlässigkeit sorgen und entlasten, da eine Personalentwicklung im Department Freiraum für die Professuren schaffe. 

Forschungsausschuss diskutiert über Departmentstrukturen 

Unter der Leitung von Professor Karl Lauterbach diskutierten die Mitglieder des Forschungsausschusses heute Vormittag mit den geladenen Sachverständigen schwerpunktmäßig darüber, welche Vorteile Departmentstrukturen an Hochschulen haben könnten und wie sie umzusetzen seien. 

Dr. Carolin Wagner (SPD) fragte nach Gründen für die fehlende Akzeptanz von Departmentstrukturen seitens einiger Hochschulen. Aktuelle Probleme wie Dauerbefristungen, die Unvereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familie oder Brain Drain würden von vielen als unakzeptabel angesehen, sodass ein gewisser Wille zur Veränderung notwendig sei. 

Jura-Professorin Anja Steinbeck, Rektorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Sprecherin der Mitgliedergruppe Universitäten in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) betonte, dass es an ihrer Hochschule bereits Entwicklungen in Richtung Departments geben würde und die Abneigung seitens der Hochschulleitung nicht vorhanden sei. Allerdings sei dies nicht an allen Hochschulen so. Steinbeck nahm an, dass die vorhandene Offenheit wahrscheinlich bei vielen in Widerstand umschlagen würde, sollte der Staat diese Strukturen per Gesetz vorschreiben. Dem pflichtete Tobias Rosefeldt, Professor für Klassische Deutsche Philosophie an der HU Berlin, bei. Er hob hervor, dass es sich um einen "sozial anspruchsvollen Prozess" handele, bei dem es auch darum gehe, Macht abzugeben. Hierfür brauche es seitens der Politik "Anschub und Rückenwind", die Förderung von Pilotprojekten und notfalls auch etwas Druck seitens Drittmittelgebern. 

Wie finanzielle Anreize konkret aussehen müssten, fragten unter anderem Ayse Asar (Die Grünen) und Nicole Gohlke (Die Linke). Rosefeldt äußerte sich skeptisch bezüglich Formaten wie dem 1.000-Köpfe-Plus-Programm. Er forderte, dass es nur Geld für konkrete strukturelle Änderungen geben sollte. Niendorf unterstützte dies und schlug die finanzielle Förderung von "Experimentierräumen" mit nachfolgender wissenschaftlicher Auswertung vor, um die Vor- und Nachteile von Modellen besser überprüfen zu können. 

Einen finanziellen Anstoß für die Einrichtung von Dauerstellen vorzusehen, bezeichnete die Professorin der Wirtschaftswissenschaften Birgitta Wolff, CDU-Politikerin und Rektorin der Bergischen Universität Wuppertal, als eine "gute Idee". Wolff hob hervor, dass das Tenure-Track-Programm es geschafft habe, einen "Kulturwandel" anzustoßen und sich bewährt habe. Steinbeck fügte hinzu, dass es nicht ausreiche, nur kurzfristig "Geld ins System zu kippen", sondern dies dadurch flankiert werde müsse, dass den Hochschulen eine langfristige Planung für die Einrichtung von Dauerstellen zu ermöglicht werde. 

Der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Professor Tilman Reitz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena führte an, dass es notwendig sei, substantiell etwas am derzeitigen Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) zu verändern, damit neue Personalstrukturen geschaffen werden könnten. Abschließend merkte Lauterbach an, dass es zum Thema noch Diskussionsbedarf gebe und der Austausch wohl bei der kommenden Ausschusssitzung am 25. Februar weiter fortgesetzt werde. 

Wissenschaftsrat und Stifterverband tagten zur Umsetzung 

Im Rahmen eines zweitägigen Workshops haben der Wissenschaftsrat und der Stifterverband bereits vergangene Woche in Berlin zentrale Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Wissenschaftsmanagement und Politik zusammengebracht. Diskussionsthema waren mögliche Umsetzungsschritte für die Reformempfehlungen des Wissenschaftsrats. 

Etwa 80 Vertreterinnen und Vertreter von Universitäten, Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und außeruniversitären Forschungseinrichtungen tauschten sich in Workshops darüber aus, wie neue Personalstrukturen strategisch geplant und organisatorisch verankert werden können. Dabei stand der gemeinsamen Pressemitteilung zufolge im Fokus, wie zwischen Qualifizierungs- und Dauerstellen klar unterschieden werden kann und differenzierte Profile für wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Tätigkeiten entwickelt werden können. 

"Wir können das System gemeinsam attraktiver, leistungsfähiger und international anschlussfähiger machen", sagte demnach der Vorsitzende des Wissenschaftsrats Professor Wolfgang Wick. Entscheidend sei, eine größere Vielfalt an unterschiedlichen Zielpositionen in der Wissenschaft zu schaffen und die Durchlässigkeit zu anderen Sektoren wie der Wirtschaft deutlich zu erhöhen. 

Workshop-Beteiligte fordern politische Anreize 

Die Workshop-Teilnehmenden kamen zum Ergebnis, dass Länder und Bund für den notwendigen Kulturwandel im Wissenschaftssystem eine zentrale Rolle spielen. Durch engagierte ideelle Unterstützung, aber auch durch konkrete rechtliche Anpassungen und gezielte Anreiz- und Unterstützungsmaßnahmen könne der vom Wissenschaftsrat vorgezeichnete Wandel gelingen. Psychologie-Professorin Birgit Spinath, Vorsitzende des Ausschusses Tertiäre Bildung des Wissenschaftsrats, sagte: "Das Ziel sind attraktive und vielfältige Karrierewege mit klaren Entwicklungsperspektiven – auch jenseits der Professur." 

Die stellvertretende Generalsekretärin des Stifterverbandes Andrea Frank kündigte in der gemeinsamen Pressemitteilung an, dass der Stifterverband ab Herbst 2026 interessierte Hochschulen im Rahmen einer Peer-to-Peer-Strategieberatung bei ihrer Entwicklung und Umsetzung von zukunftsgerichteten Personalstrukturen unterstützen werde. Désirée Bösemüller, Programmmanagerin für Strategie- und Organisationsberatung beim Stifterverband, betonte in ihrem LinkedIn-Beitrag im Nachklapp der Veranstaltung, dass es kein "one size fits all"-Modell gebe.

cva