Potsdam
Resilienz-Konferenz mit Plädoyer für gemeinsame Verantwortung
Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle und Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Petra Olschowski haben am 8. Juli gemeinsam in den Brandenburger Landtag zur Veranstaltung "Resilienz des deutschen Wissenschaftssystems – Verantwortung gemeinsam übernehmen" eingeladen. Ziel der Veranstaltung war es, die nächsten Schritte zu diskutieren, um das Wissenschaftssystem in Deutschland zukunftssicher aufzustellen und seine Unabhängigkeit, Offenheit und Dialogfähigkeit zu bewahren. Gleichzeitig beabsichtigten die Initiatorinnen laut Programm, "die Akteure und Kräfte sichtbar zu machen, die das System stützen und tragen".
Neben Bundesforschungsministerin Dorothee Bär sowie zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern von Institutionen, Verbänden, Hochschulen und Forschungseinrichtungen waren auch die Wissenschaftsministerinnen und Wissenschaftsminister Timon Gremmels (Hessen), Bettina Martin (Mecklenburg-Vorpommern), Falko Mohrs (Niedersachsen) und Jakob von Weizsäcker (Saarland) anwesend sowie Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (Berlin).
Hintergrund sind dem Programm zufolge die weltweit zunehmenden Angriffe auf die Freiheit von Wissenschaft und Forschung in den vergangenen Jahren. Die Wissenschaftsministerinnen von Baden-Württemberg und Brandenburg befassen sich im Auftrag der Wissenschaftsministerkonferenz (Wiss-MK) federführend mit Resilienz in der Wissenschaft. Eine erste Veranstaltung zu dem Thema hatte im Februar 2026 in Mannheim stattgefunden.
Wissenschaft soll proaktiv die Verbindung zur Gesellschaft suchen
In ihrer Begrüßungsrede betonte Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke, dass Wissenschaft prüft, abwägt und vergleicht, so dass es nicht immer klare Antworten gebe, nach der die Gesellschaft so oft zur Orientierung verlange. Diese gewünschte Orientierung müsse die Politik geben.
Professor Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, konzentrierte sich in seiner Begrüßung auf drei Botschaften. Er sagte, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich als aktive Akteurinnen und Akteure der Demokratie begreifen und nicht nur auf deren Gefährdung blicken möchten. Hochschulen seien "demokratische Impulsräume" und verlässliche Quellen für Information und kritisches Denken. Wick fügte als zweiten Punkt hinzu, dass die Wissenschaft proaktiv die Verbindung zur Gesellschaft suchen und sich nicht abschotten sollte. Abschließend warb er für eine selbstkritischere Betrachtung von bisherigen Versäumnissen bei der Verbesserung des Wissenschaftssystems und nannte Beispiele wie den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten oder die Publish-and-Perish-Logik bei der Forschungsbewertung.
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär sagte in ihrem politischen Impuls, die Demokratie brauche Wissenschaft und die Wissenschaft brauche Freiheit. Letztere sei nicht mehr selbstverständlich. Es gebe politische Stimmen, die zwar lautstark Freiheit verlangten, diese aber so umsetzen wollten, dass nichts mehr davon übrigbleibe. Deshalb müsse man gemeinsam "im Schulterschluss" Verantwortung für die Freiheit des Wissenschaftssystems übernehmen, um sie vor Angriffen von innen und von außen zu schützen. So schaffe beispielsweise die GWK aktuell die Basis, um Blockaden zu vermeiden und handlungsfähig zu bleiben.
Brosius-Gersdorf spricht aus eigener Erfahrung von Anfeindung
Die Keynote von Frauke Brosius-Gersdorf, Professorin für Öffentliches Recht an der Universität Potsdam, beschäftigte sich mit der notwendigen Unabhängigkeit von Justiz, Medien und Wissenschaft als "Stützpfeiler der Demokratie". Würde sie ausgehöhlt, befände man sich auf dem Weg in die Autokratie wie in den USA. Bei Angriffen auf die Wissenschaft würde diese in einem ersten Schritt diskreditiert und als unglaubwürdig schlecht geredet.
Auf institutioneller Ebene würde Wissenschaft beispielsweise durch Blockaden und Finanzierungsverweigerung behindert, so die Rechtswissenschaftlerin. Hinzu kämen direkte Angriffe und Anfeindungen auf Personen aus der Wissenschaft. Auf das Prinzip Hoffnung zu setzen, würde bei Angriffen auf die Wissenschaft nicht funktionieren. "Ein Allmählichkeitsschaden ist schon da!", konstatierte Brosius-Gersdorf. Besonders wichtig sei die ausreichende rechtliche Absicherung beispielsweise der Wissenschaftsfreiheit. Vieles sei zum Glück verfassungsrechtlich geschützt. Sie schlug außerdem vor, Einstimmigkeitsprinzipien bei Ländergremien wie der GWK abzulegen zugunsten eines Mehrheitsprinzips. Zudem sei "systematischer Zusammenhalt" im Sinne der Wissenschaftsfreiheit innerhalb der Ministerien, Institutionen und Gremien unabdingbar.
Im Vorfeld der gestrigen Veranstaltung sagte Rechtswissenschaftlerin Brosius-Gersdorf in einem Interview mit Table Briefings, sie habe durch ihre gescheiterte Wahl zur Verfassungsrichterin (2025) selbst erlebt, wie Angriffe auf einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aussehen könnten. Persönlichen Rückzug aus dem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Dialog halte sie allerdings nicht für den richtigen Weg, da er Wissenschaft und Politik schade.
Auch die Finanzierung könne als Schutzmechanismus der Wissenschaft dienen, erläuterte Brosius-Gersdorf: "Wissenschaft hängt in vielen Bereichen stark von staatlicher Finanzierung ab. Deshalb sollten wir über das Verhältnis von Grundfinanzierung und Programmförderung sprechen. Die Grundfinanzierung gibt Institutionen größere Freiheit. Programmförderung ist dagegen viel volatiler und politisch leichter steuerbar".
Themenschwerpunkt "Wissenschaftsfreiheit"
Wie steht es um die akademische Freiheit? Ausgewählte Artikel über Entwicklungen und Diskussionen zum gesetzlich verankerten Recht der Wissenschaftsfreiheit finden Sie in unserem Online-Schwerpunkt "Wissenschaftsfreiheit".
"Professionalisierungsschub bei der Verantwortungsübernahme"
Professor Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, schloss in seiner Keynote an das Zusammenspiel von Politik und Wissenschaft an und beschäftigte sich mit Wissenschaft und Politikberatung in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung. Die repräsentative Demokratie beinhalte das zentrale Versprechen, dass vernünftige kollektive Entscheidungen erzielt werden können. Wissenschaft sei durch das Zur-Verfügung-Stellen von Wissen Teil der Infrastruktur, erläuterte Edenhofer. Man befinde sich allerdings in einem Zeitalter der "destabilisierenden Konflikte" mit neuen Spaltungslinien, in dem Wissenschaften zunehmend "polarisiert und attackiert" würden. Edenhofer bezeichnete diese Spaltungslinien als "enorme Gefahr", da demokratische Kompromisse unmöglich würden. Institutionen gerieten dadurch "unter Beschuss" und verlören das Vertrauen der Gesellschaft. In Bezug auf die Wissenschaft sei "epistemische Willkür" das Ziel autoritärer, antidemokratischer Kräfte. Eine funktionierende wissenschaftliche Infrastruktur könne diese Entwicklung nicht alleine bewältigen, aber zu ihrer Bewältigung mittels wissenschaftlicher Erkenntnisse beitragen.
In einem moderierten Austausch zwischen Professorin Ulrike Tippe, Präsidentin der Technischen Hochschule Wildau, und Professor Christoph Markschies von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wurde deutlich gemacht, dass Solidarität innerhalb der Wissenschafts-Community eine zentrale Schutzfunktion bei Anfeindungen einzelner Personen einnimmt. Tippe betonte, dass ihre "kleine Hochschule" nicht alle Beratungs- und Hilfsstrukturen alleine aufbauen könne, sondern nur im Verbund mit Kolleginnen und Kolleginnen im Land oder auch auf Bundesebene über die Hochschulrektorenkonferenz. Es sei wichtig, gemeinsame Strukturen aufzubauen.
Markschies sagte, es gehe darum, Kompetenzen in der Wissenschaftskommunikation und bei der Beratung im Fall von Anfeindungen aufzubauen. Es brauche einen "Professionalisierungsschub" bei der "Fähigkeit zur Zivilcourage und zur Verantwortungsübernahme", um den Bedrohten und dem bedrohten System beizustehen. Er fügte an, dass bei politischen Stellungnahmen die Differenzierung "schlechterdings entscheidend" sei, mit welchem Mandat man spreche und mit welcher wissenschaftlichen Basis. Die Autorität der Wissenschaft müsse dabei unbedingt gewahrt bleiben.
Schüle brachte in ihren abschließenden Worten ihre ostdeutsche Perspektive ein: "Die Strukturen unseres Wissenschaftssystems, die Gremien, die Verfahren, das Vertrauen in den immerwährenden Konsens – sie beruhen auf einer Erfahrung, die man so nur im Westen machen konnte." Der Osten habe keine 75-jährige Erfahrung "stabiler Demokratie" und die Menschen dort wüssten, "wie schnell Systeme kippen können, wie schnell aus Gewissheit Geschichte wird." Wer das erlebt habe, der halte Freiheit nicht für selbstverständlich. Es sei dringend notwendig, die derzeit noch recht schwache innere Solidarität innerhalb des Wissenschaftssystems zu stärken. Wer mit seiner Fürsprache und Gegenwehr warte, bis er selbst von Angriffen betroffen ist, der habe "den Ernst der Lage nicht erkannt". Eine entsprechende Haltung und Verantwortungsübernahme aller sei unabdingbar. "Was es heute braucht, ist der Mut zur Selbstbehauptung, etwas zu verteidigen, was man verlieren kann", resümierte sie ihre Ausführungen.
Ausblick
Am heutigen Donnerstag trifft sich die Wiss-MK zu einer Sondersitzung in Berlin. Laut Wiarda Blog soll eine gemeinsame Erklärung zur Wissenschaftsfreiheit verabschiedet werden.
cva