Rentenalter
Späterer Renteneintritt für Akademikerinnen und Akademiker?
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat Sympathie für die Idee, den Renteneintritt nicht mehr an das Alter zu koppeln – sondern an die Zahl von Beitragsjahren. Bas sagte im ARD-Bericht aus Berlin: "Ich finde die Idee grundsätzlich ganz gut." Es gebe zwei unterschiedliche Modelle. Zum einen könne man das Renteneintrittsalter nach der Lebenserwartung formulieren oder danach, wer eine bestimmte "Strecke" eingezahlt habe.
"Wer später anfängt, der muss dann auch länger arbeiten."
Bärbel Bas, Bundesarbeitsministerin
Bas nannte ein Beispiel: Wenn jemand mit 16 schon angefangen habe mit einer Ausbildung und dann eine gewisse Strecke in die Sozialversicherungssysteme einbezahle, der könne dann auch früher aussteigen. "Und wer später anfängt, vielleicht erst ein Studium macht und dann später erst in die Kassen einzahlt, der muss dann auch länger arbeiten." In der Rentenkommission würden sicherlich beide Modelle diskutiert werden.
Wirtschaftsprofessor: Lebensarbeitszeit und Rentenalter koppeln
Der Wirtschaftsprofessor Jens Südekum hatte sich zuvor dafür ausgesprochen, den Renteneintritt an die Zahl von Beitragsjahren zu koppeln. "Die Lebensarbeitszeit ist eine Stellschraube, an die wir ranmüssen, um die gesetzliche Rente zu sichern", sagte Südekum am 8. Dezember der Bildzeitung. "Rente für alle mit 70 ist falsch. Besser ist es, den Renteneintritt nicht an eine starre Alterszahl zu koppeln, sondern an eine Mindestanzahl von Beitragsjahren."
"Den Rentenbeginn an die Beitragsjahre zu binden, ist gerechter."
Jens Südekum, Professor für Volkswirtschaft, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Er sagte weiter, dass Akademikerinnen und Akademiker deutlich später in die Rentenkasse einzahlten als jemand, der mit 16 oder 18 Jahren eine Lehre beginne und dann durcharbeite. "Den Rentenbeginn an die Beitragsjahre zu binden, ist gerechter." Südekum ist persönlicher Berater von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD).
Laut Medienberichten halten auch CSU-Chef Markus Söder, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sowie SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf den Vorschlag einer Kopplung des Renteneintrittsalters an die Beitragsjahre für erwägenswert. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sowie Professorin Veronika Grimm und Professor Martin Werding von den Wirtschaftsweisen lehnen den Vorschlag demnach als nicht zielführend ab.
Bas Ausführungen im "Bericht aus Berlin" zufolge wird ebenso ein zweites Modell diskutiert, wonach das Rentenalter entsprechend der statistischen Lebenserwartung bestimmter Personengruppen steige.
Fachleute widersprechen der Logik einer Koppelung
Gegenüber dem Tagesspiegel äußerte sich Jochen Pimpertz, Leiter des Themenclusters "Staat, Steuern und Soziale Sicherung" am Wirtschaftsforschungsinstitut IW Köln, skeptisch bezüglich der Idee, das Renteneintrittsalter an die Anzahl der Beitragsjahre zu koppeln. Er bezeichnete dies als grundsätzliches Missverständnis des Rentensystems und "ökonomischen Unfug". Eine längere Einzahldauer hätte bereits heute eine höhere Rente als positive monetäre Konsequenz.
Die Sympathie von Bas für den Vorschlag von Südekum basiert Pimpertz zufolge auf einer Umverteilungsidee zwischen Akademikerinnen und Akademikern auf der einen und Arbeiterinnen und Arbeitern auf der anderen Seite. Dem pflichtet Joachim Ragnitz, Renten-Experte des Ifo-Instituts in Dresden, gegenüber dem Tagesspiegel bei: Das vorgeschlagene Modell impliziere eine erhöhte Gerechtigkeit, die allerdings nicht erreicht werden könne. Stattdessen produziere es neue Ungerechtigkeiten. Hart und langjährig arbeitende Personen könne vor allem mit einem erleichterten Zugang zur Erwerbsminderungsrente geholfen werden.
Die Wochenzeitung DIE ZEIT zitiert den Volkswirtschaftsprofessor Marcel Thum, Rentenexperte vom Ifo Institut für Wirtschaftsforschung, mit der Einschätzung, dass die Orientierung an Beitragsjahren nicht zielgenau sei, wenn man die Belastung durch bestimmte Berufe adressieren wolle. Es würden nicht nur Akademikerinnen und Akademiker durch eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Beitragsjahre zu längerem Arbeiten "zwingen", sondern auch "Bauarbeiter, Pflegekräfte oder Kassiererinnen, die nicht auf die nötigen Beitragsjahre kommen". Für ihn gehöre dazu, dass alle ein bisschen mehr arbeiten – nicht nur die Akademikerinnen und Akademiker.
Fratzscher äußert sich im Hinblick auf die Gleichberechtigung gegenüber DIE ZEIT zudem kritisch: Frauen kämen bereits jetzt nur selten auf 45 oder gar 47 Beitragsjahre und seien tendentiell eher von Altersarmut bedroht als Männer.
Forsa-Umfrage zeigt gespaltene Meinung zum Rentenvorschlag
In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für das Magazin Stern und RTL-Deutschland sprach sich die Hälfte der Befragten für den Vorschlag des Wirtschaftsprofessors Jens Südekum aus, 48 Prozent waren dagegen. Das berichtete die Deutsche Presseagentur (dpa) am 16. Dezember. Zwei Prozent machten demnach keine Angaben. Befragt wurden für die repräsentative Erhebung rund 1.000 Menschen am 11. und 12. Dezember.
Deutsche mit Abitur oder Studium lehnen eine Kopplung an die Beitragsjahre mehrheitlich (51 Prozent) ab, 46 Prozent finden sie demnach sinnvoll. In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen sind 63 Prozent gegen den Vorschlag. Unter den Bürgerinnen und Bürgern mit Hauptschulabschluss fände dagegen eine Mehrheit (56 Prozent) eine Bindung des Renteneintrittsalters an die Beitragsjahre sinnvoll, 42 Prozent sind dagegen. In Ostdeutschland liegt die Zustimmung bei 58 Prozent.
Aufgeschlüsselt nach Parteipräferenz sprachen sich mehrheitlich Anhängerinnen und Anhänger von CDU/CSU (56 Prozent) und AfD (54 Prozent) für eine entsprechende Reform aus. Gegen eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Beitragsjahre waren laut der Umfrage überwiegend Wählerinnen und Wähler von SPD und Grünen (je 53 Prozent) sowie der Linken (55 Prozent).
Ausblick auf Rentenkommission mit Wissenschaftsbeteiligung
Bis 2031 steigt nach derzeitigem Stand das Rentenalter schrittweise auf 67 Jahre. Wer 45 Beitragsjahre vorweisen kann, darf früher in den Ruhestand gehen. Für Versicherte, die nach dem 1. Januar 1953 geboren sind, steigt die Altersgrenze laut Arbeitsministerium mit jedem Jahrgang stufenweise um zwei Monate. Wer nach dem 1. Januar 1964 geboren wurde, kann abschlagsfrei in Rente gehen, wenn er das 65. Lebensjahr vollendet hat.
Nach monatelangen Diskussionen hatte der Bundestag am 5. Dezember für das Rentenpaket gestimmt, es muss noch den Bundesrat passieren. Streit gab es in der Frage nach der Stabilisierung des Rentenniveaus und der Ausweitung der Mütterrente. Am 17. Dezember soll die von der schwarz-roten Koalition vereinbarte Rentenkommission ihre Arbeit aufnehmen. Vorsitzende sollen der frühere Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, und die Sozialrechtsprofessorin Constanze Janda sein.
Linnemann sagte einer dpa-Meldung vom 15. Dezember zufolge, von den 13 Mitgliedern sollten drei politische Mandatsträgerinnen und Mandatsträger sein. Insofern sei es klar eine Kommission, die nicht parteipolitisch geprägt sei.
Die Union entsendet vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in das Gremium, wie Linnemann mitteilte:
- das Mitglied des Sachverständigenrats Professor Martin Werding,
- den Präsidenten der Berliner Wirtschaftshochschule European School of Management and Technology, Professor Jörg Rocholl,
- die Mannheimer Finanzwissenschaftlerin Professorin Tabea Bucher-Koenen und
- Professorin Silke Übelmesser, Finanzwissenschaftlerin aus Jena.
Die SPD benennt aus der Wissenschaft demnach
- Camille Logeay, aktuell Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin,
- Dr. Monika Queisser, Leiterin der Sozialpolitik-Abteilung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD),
- den Volkswirtschaftler Professor Peter Bofinger sowie
- Georg Cremer, außerplanmäßiger Professor und früherer Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes.
Bis Mitte 2026 sollen Vorschläge vorliegen – die dann rasch in ein Gesetzgebungsverfahren münden sollen.
zum zweiten Mal aktualisiert am 16. Dezember um 10:55 Uhr [Ergänzung Forsa-Umfrage und Besetzung Kommission], bereits aktualisiert am 11. Dezember [Ergänzung diverser Reaktionen und Einordnungen]; erstmals veröffentlicht am 8. Dezember
Arbeiten im Alter? – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Die Dezember-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich mit einem Themen-Schwerpunkt der Gestaltung der dritten Lebensphase. Die Beiträge:
- Denis Gerstorf/Hans-Werner Wahl: Rasante Entwicklung. Alter und Altern im Wandel der Zeit
- Hans Martin Hasselhorn: Eher früher als später? Der Übergang in den Ruhestand in Zahlen
- Im Gespräch mit Axel Börsch-Supan: Aus dem Gleichgewicht. Das Rentensystem zwischen höherer Lebenserwartung und wirtschaftlicher Stagnation
- Im Gespräch mit Anne Schäfer: Verlangsamen und verjüngen. Einblicke in die aktuelle biologische Alternsforschung
- Julia Reuter/Oliver Berli: Professorale Abschiede. Vom Umgang mit dem Ende der wissenschaftlichen Karriere
- Martin Hellfeier: Was danach möglich ist. Über die Seniorprofessur und Alternativen
Die Redaktion hat außerdem persönliche Einblicke von Professorinnen und Professoren in die Zeit vor und nach der Pensionierung zusammengestellt. Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!
cva/dpa