Hightech Agenda Deutschland
Technologie-Roadmaps in erster Fassung öffentlich
Stakeholder haben monatelang auf sie gewartet: Am Mittwoch wurden die Technologie-Roadmaps der Hightech Agenda Deutschland (HTAD) im Rahmen der HTAD-Tage vom Bundeskabinett vorgestellt. Die Roadmaps beschreiben, was in den sechs Schlüsseltechnologien Künstliche Intelligenz (KI), Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und Batterietechnologie erreicht werden soll und welche innovationspolitischen Maßnahmen dafür von Bund und Ländern in Angriff genommen werden.
Sie wurden erstellt vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) in Konsultation mit den Ländern, sowie mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft. Partnerdialoge mit über 900 Stakeholdern wurden dafür laut BMFTR geführt. Am Mittwochmittag erörterte Forschungsministerin Dorothee Bär die Pläne mit den Mitgliedern des Forschungsausschusses im Rahmen einer öffentlichen Sitzung.
Mit der Veröffentlichung der Roadmaps beginne ein "neuer Abschnitt", sie stellten einen "transparenten Fahrplan für die Zukunft" dar, sagte Bär im Forschungsausschuss. "Papier reicht nicht", es sei wichtig, dass die Zielsetzungen nun "in die Umsetzung kommen". "Ob bei modernen Chips, besseren Krebstherapien oder sauberer Energie aus Fusion – Spitzentechnologie – wir müssen unsere exzellente Forschung noch schneller in Innovationen, neue Technologien, wirtschaftliche Stärke und internationale Wettbewerbsfähigkeit übersetzen", so Bär.
Im Werden befindliche Roadmaps stellen mitunter Teilgebiete dar
Bär erläuterte, dass die Roadmaps als "Version 1.0" und als "lebendige Dokumente" gedacht seien, die sich noch weiterentwickeln müssten. Parallel zur Veröffentlichung hat das BMFTR eine Onlinekonsultation gestartet, die der Öffentlichkeit für sechs Wochen die Möglichkeit eröffnet, Rückmeldungen zu den Vorhaben abzugeben.
Einzelne Roadmaps setzen bei den Schlüsseltechnologien nun andere Schwerpunkte, als es im Juli 2025 veröffentlichten Konzept der HTAD angekündigt war: Statt "Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung" gibt es nun die Roadmap "Fusion", anstelle von "Technologien für die klimaneutrale Mobilität" wird nur das Teilgebiet "Batterietechnologie" beschrieben.
Der Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda berichtete am Mittwoch, dass BMFTR und Wirtschaftsministerium für die Schlüsseltechnologie "Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung" gemeinsam verantwortlich gewesen seien, der Bereich Fusion habe dabei beim BMFTR gelegen. Beim Fahrplan für klimaneutrale Mobilität sei neben BMFTR und Wirtschaftsministerium auch das Verkehrsministerium zuständig gewesen. Bei der KI-Roadmap seien das Digital- und das Arbeitsministerium beteiligt gewesen. Lediglich bei den Roadmaps für Quantentechnologien und Biotechnologie habe die Verantwortung ausschließlich beim BMFTR gelegen.
Konkrete Meilensteine am Beispiel KI-Technologien
Bis zum Jahr 2030 sollen zehn Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung "KI-basiert" sein. Als Meilenstein auf dem Weg dorthin sollen bis 2028 Testzentren und Reallabore für KI-Anwendungen eingerichtet werden, so die Roadmap. Bis 2029 solle der Anteil der kleinen und mittleren Unternehmen im produzierenden Gewerbe, die KI in den Kernprozessen einsetzen, auf über 50 Prozent erhöht werden.
"Wir müssen KI nicht nur breit nutzen, sondern auch selbst entwickeln – und wir haben alles, was es dafür braucht", zitiert das BMFTR Bundesdigitalminister Karsten Wildberger in einer Mitteilung am Mittwoch. "Mit der KI-Roadmap bündeln wir unsere Kräfte."
Auch Joachim Henkel, Professor für Technologie- und Innovationsmanagement an der Technischen Universität München (TUM), sagte gegenüber dem Briefingdienst Table.Media, dass die Ziele der KI-Roadmap "sinnvoll gewählt" seien, wenn auch schwierig zu messen. Die Definition von "KI-basiert" sei unklar. "Als Zielmarken könnten an verschiedenen Stellen Vergleiche mit den USA und China sein", so Henkel gegenüber Table.Media.
Weitere geplante Ziele im Bereich KI-Technologien sind:
- die messbare Verbesserung der Verfügbarkeit und Nutzung von KI-Kapazitäten in Wissenschaft, Forschung, Verwaltung und Gesellschaft,
- Deutschlands Vorreiterrolle für die nächste KI-Generation und im weltweiten Wettbewerb und
- die Nutzung von KI für ein zunehmend personalisiertes, prädikatives und präventives Gesundheitssystem.
Einblick in die "Roadmap Quantentechnologie"
Die "Roadmap Quantentechnologien" definiert als Ziel, dass bis zum Jahr 2030 mindestens zwei fehlerkorrigierte Quantencomputer auf europäischem Spitzenniveau realisiert und Nutzerinnen und Nutzern zugänglich gemacht sind. Auf dem Weg dorthin beabsichtigt die Regierung noch im vierten Quartal 2026 Konsortien aus Wissenschaft und Wirtschaft zu bilden, die an der Realisierung von Quantencomputern arbeiten. Die Roadmap sieht vor, dass bis 2028 erste logische Qubits in Deutschland produziert werden. Bis 2029 sollen mindestens drei Rechenzentren mit Quantencomputern ausgestattet sein und bis 2032 müsste – laut Plan – der Quantenvorteil demonstriert sein, also per Rechnung gezeigt werden, dass der wirtschaftliche Nutzen die Betriebskosten des Quantencomputers übersteigt.
Weitere Ziele, die das BMFTR im Bereich Quantentechnologien anvisiert, sind:
- dass bis 2030 Krankheiten mit Quantensensoren frühzeitiger erkannt werden und mindestens ein weiteres Anwendungsfeld für die Technologie erschlossen ist,
- dass Quantenkommunikation vom nationalen Innovationsökosystem zur internationalen Vernetzung ausgebaut wird
- und dass es mehr Fachkräfte in den Quantentechnologien gibt, wofür bis 2030 an deutschen Hochschulen 25 neue Lehrstühle für Quantentechnologien eingerichtet werden sollen.
"Die Roadmap zum Quantencomputing ist insgesamt schlüssig strukturiert und im deutschen Quanten-Ökosystem umsetzbar", kommentiert Stefan Filipp, Professor für Technische Physik an der TUM und Geschäftsführer des Munich Quantum Valley (MQV) die "Roadmap Quantentechnologien" gegenüber Science Media Center am Mittwoch. Die Ziele seien "ambitioniert, aber erreichbar". Zu wenig adressiert würden hingegen die gezielte Förderung der Grundlagenforschung und die Entwicklung von Schlüsseltechnologien der Quantenforschung der nächsten Generation. "Nur wenn Deutschland in diesen Feldern eigene Stärken aufbaut, lässt sich der internationale Rückstand nicht nur aufholen, sondern in einzelnen Bereichen auch überholen", so Filipp.
Mit Biotechnologie Top-Standort für Gesundheitsforschung werden
Die Biotechnologie-Roadmap möchte Deutschland zu einem Spitzenstandort für die Gesundheitsforschung machen, insbesondere für die Entwicklung, Herstellung und Anwendung von Gen- und Zelltherapien. Bis 2028 etwa soll die erste mRNA-Krebsimmuntherapie zugelassen sein. Bei dieser wird mRNA in den Körper eingebracht, um das Immunsystem auf turmorspezifische Merkmale zu trainieren und Krebszellen anzugreifen. Der Transfer aus der Forschung hin zu wettbewerbsfähigen Unternehmen soll unterstützt und die Verzahnung von Start-ups und Wirtschaft verbessert werden.
Außerdem sieht das Zukunftskonzept vor, dass
- krisenfeste Agrar- und Ernährungssysteme entwickelt werden und
- es mehr Innovationen in Medizintechnik in Deutschland gibt, etwa indem die Zertifizierung von Medizinprodukten vereinfacht wird.
Alois Rainer, Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, betont in einem Statement für das BMFTR am Mittwoch, dass die HTAD "vielfältige Anknüpfungspunkte" für die Forschungseinrichtungen in seinem Geschäftsbereich und die Agrar-, Ernährungs- und Lebensmittelwirtschaft bereithalte. "Sie leisten ihren Beitrag, wenn es darum geht, die Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität Deutschlands als Innovations- und Technologiestandort zu stärken." Profitieren würden davon vor allem die ländlichen Räume. "So sichern wir Arbeitsplätze und Zukunft für unsere Heimat", sagte Rainer.
"Insgesamt hätten wir uns in Hinblick auf regulatorischer Umsetzung, aber auch bezüglich der verbindlichen Finanzierung, der föderalen Koordination und der Stärkung der biologischen Grundlagenforschung mehr Mut gewünscht", kommentierte der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO). In seiner Mitteilung vom Mittwoch hob VBIO hervor, Deutschland brauche neben Translationszentren, Start-ups und Verfahrensbeschleunigung ebenso mehr Unterstützung für die Forschung. "Starke Universitäten, leistungsfähige außeruniversitäre Forschung, moderne Forschungsdateninfrastrukturen, sichere Datenräume, klare regulatorische Zuständigkeiten und eine umfassende Strategie für systematische Nachwuchs- (und Fachkräfte)sicherung" seien notwendig. Diese Punkte hätten deutlicher adressiert werden können.
Nur Meilensteine ohne veränderte Rahmenbedingungen?
Im Forschungsausschuss betonte auch Andrea Lübcke von Bündnis 90/Die Grünen, dass sie sich – trotz Zustimmung zu den in den sechs Roadmaps genannten Zielen – von diesen Fahrplänen mehr erhofft hätte. Erläuterungen, wie die Rahmenbedingungen von Innovation in Deutschland verbessert und die Wertschöpfung verstärkt werden könnten, seien nötig. Sie verwies auf das am Dienstag von elf Grünen-Politikerinnen und -Politikern aus der Bundestagsfraktion und den Ländern veröffentlichte Positionspapier "Von der Agenda zu Hightech: 12 Punkte für neue Wertschöpfung und technologische Souveränität". Die beteiligten Politikerinnen und Politiker stellen darin dar, was für eine funktionierende bundesdeutsche Innovationspolitik nötig sei, etwa eine klare Strategie zum Schutz und der Verwaltung von Geistigem Eigentum (Intellectual Property, IP), die Ausgründungen und Transfer erleichtern könne.
Ayse Asar, forschungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, erläuterte im Anschluss an die Ausschusssitzung ihre Zweifel hinsichtlich der Finanzierung der HTAD im Rahmen eines Pressegesprächs: Bei den geplanten 18 Milliarden Euro bis 2029 befürchtet sie, dass es sich um umgewidmete Gelder handele und nicht um zusätzliche Investitionen in die Schlüsseltechnologien. Lübcke ergänzte, dass es neben der staatlichen Finanzierung darum ginge, Kapital aus der Wirtschaft anzulocken. Dazu, wie dies gelingen solle, äußerten sich die Roadmaps zu wenig.
Was die Roadmaps noch nicht enthalten
Die veröffentlichten Versionen der Fahrpläne für die Schlüsseltechnologien enthalten keine konkreten Budgetzuweisungen. Im Gegenteil betonen sie immer wieder, dass die Finanzierung nur gemeinsam mit privatwirtschaftlichen Investitionen möglich sei, die erst noch angelockt werden müssten.
Umsetzungspartner werden je nach Roadmap und Meilenstein deutlicher oder weniger deutlich genannt: So erwähnen die Pläne für die Schlüsseltechnologie Fusion als Umsetzungspartner teilweise schlicht "wesentliche Akteure", teilweise werden Firmen und Forschungseinrichtungen aufgezählt wie Proxima Fusion, Gauss Fusion, das IPP oder das KIT. Die KI-Roadmap bleibt da deutlich unkonkreter und nennt "Forschung, Wirtschaft", einzelne Bundesministerien, die Bundesnetzagentur und die Länder.
Der Wiarda-Blog berichtet währenddessen, dass bereits am Dienstagnachmittag Fassungen der Roadmaps im Kanzleramt im Beisein von Vertreterinnen und Vertretern von Wirtschaft und Wissenschaft vorgestellt wurden, die ausführliche Listen mit Umsetzungspartnern enthalten hätten. Diese fehlen in den veröffentlichten Varianten.
Auch zum vielfach angekündigten Monitoring der HTAD und ihrer Erfolge steht in den Roadmaps wenig: Die Meilensteine ermöglichten das Monitoring, heißt es. Auf Nachfrage verschiedener Mitglieder des Forschungsausschusses erläuterte Bär zusätzlich, dass das BMFTR ein Dashboard anlegen werde, mittels derer die Erreichung der einzelnen Meilensteine verdeutlicht würde.
Weitere Ankündigungen aus dem BMFTR
Forschungsministerin Bär kündigte im Rahmen der Pressekonferenz am Mittwoch an, dass weitere Roadmaps geplant seien. Beispielsweise werde eine ressortübergreifende Robotik-Roadmap gestaltet. Diese werde von dem KI-Robotik-Booster begleitet, den bereits das HTAD-Konzept aus dem letzten Sommer enthielt. Nun berichtete Bär, dass das BMFTR 100 Millionen Euro in das Programm investieren werde. Diese flössen zu gleichen Teilen in zwei neue Förderstränge, einer zur Einrichtung sogenannter Robo-Hubs und einer, um die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) mit der Entwicklung einer Challenge zu KI-basierten Mehrzweck-Robotern zu beauftragen.
Ebenso werde im Juli eine neue Förderrichtlinie über vier sogenannte Hightech-Spaces (im vergangenen Juli noch Hightech-Regionen genannt) veröffentlicht. Diese sollen den Aufbau von "klaren Kompetenzprofilen in den jeweiligen Teilen Deutschlands" ermöglichen. Diese Public-Private-Partnerships werden mit einer Finanzierung von 115 Millionen Euro über fünf Jahre ausgestattet, kündigte Bär am Mittwoch an.
Die Technologie-Roadmaps
Das BMFTR hat die Pläne für die Schlüsseltechnologien online veröffentlicht:
grundlegend aktualisiert am 22.05.2026 um 11.10 Uhr [Ergänzung zu veränderten thematischen Schwerpunkten der Roadmaps; Zitat Wildberger; Abschnitte zu den Roadmaps zu Quanten- und Biotechnologie; Abschnitte zu dem, was die Roadmaps noch nicht enthalten sowie zu den weiteren Ankündigungen], zuerst veröffentlicht am 20.05.2026
cpy