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picture alliance / Sipa USA | Michael Brochstein

Wissenschaftssystem
US-Regierung diskutiert Umbau der Forschungsförderung

Zwei neue Berichte erlauben Einblick in den US-Hochschulbereich: Es geht auch darum, wie viel Einfluss die Politik auf die Forschung haben soll.

27.07.2026

Der oberste wissenschaftliche Berater der US-Regierung Michael Kratsios hat am vergangenen Dienstag ein an US-Präsident Donald Trump adressiertes Strategiepapier veröffentlicht, in dem er die Zukunft der US-Wissenschaft skizziert. Mit den Vorschlägen, die Kratsios in "Science: A New Golden Age" macht, sollen die amerikanische Forschung und Entwicklung durch Reformen wie eine veränderte Förderstrategie "wiederbelebt" werden. So soll für mehr Innovation und eine stärkere Ausrichtung der Forschung an den Zielen der Regierung gesorgt werden.

Nahezu zeitgleich hat die American Association of University Professors (AAUP, eine Vereinigung amerikanischer Universitätsprofessorinnen und Universitätsprofessoren) am Mittwoch einen eigenen Report veröffentlicht, der der Regierung Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit vorwirft. Nach Darstellung der AAUP zwinge die Trump-Administration die Hochschulen durch gekürzte Fördermittel zu politischer Anpassung. Beide Papiere berühren dieselbe Grundfrage: Wer soll künftig über Forschungsprioritäten, Fördermittel und die institutionellen Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit entscheiden?

Wie die US-Wissenschaft reformiert werden soll

Bereits im Geleitbrief des von Kratsios erarbeiteten politischen Strategiepapiers fasst er seine Empfehlungen zusammen: Das US-Wissenschaftssystem solle einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler priorisieren statt traditioneller Institutionen, dazu müsse direkt in die Forschenden investiert werden. Die Vergabe von Fördergeldern solle flexibler werden und auch sehr schnelle Verfahren und langfristige Förderungen erlauben.

Der Regierungsbericht hält etwa das konsensorientierte Peer-Review-Verfahren für zu vorsichtig und will einzelnen Programmverantwortlichen sowie Gutachterinnen und Gutachtern mehr Entscheidungsspielraum geben. Die Regierung müsse klare wissenschaftliche Ziele vorgeben und den Transfer von Innovationen an den Markt unterstützen.

Forschungsförderung außerhalb von Universitätsstrukturen

Bundesbehörden sollen Kooperationen mit Unternehmen und staatlichen Laboren künftig stärker fördern – so schlägt es Kratsios vor. Forschung solle auch außerhalb klassischer Universitätsstrukturen unterstützt werden, etwa in unabhängigen Forschungsorganisationen oder Unternehmen. "Die Universität ist nicht länger der einzige Ort der innovativsten wissenschaftlichen Forschung in Amerika", heißt es im Strategiepapier.

Universitäten seien allerdings weiterhin zentral für Grundlagenforschung und die wissenschaftliche Ausbildung, so der Bericht. Das bisherige Modell kleiner, von einzelnen Forschungsleiterinnen und leitern geführter Teams genüge allerdings nicht für alle wissenschaftlichen Herausforderungen: Für die Bereiche Künstliche Intelligenz (KI), Quantencomputing und die fortgeschrittene Arzneimittelforschung reichen die Forschungsmöglichkeiten von Universitäten allein laut Bericht heutzutage nicht mehr.

KI für die Wissenschaft

KI selbst sieht Kratsios als eine Schlüsseltechnologie an, die die Wissenschaft grundlegend verändern wird. Ein eigenes Unterkapitel widmet das Strategiepapier daher der sogenannten Genesis Mission von Präsident Trump. Die nationale KI-Initiative soll Supercomputer, KI-Modelle, wissenschaftliche Instrumente und Datenbestände der nationalen Laboratorien verbinden und damit die Produktivität und Wirkung der amerikanischen Wissenschaft innerhalb eines Jahrzehnts verdoppeln. Laut Kratsios sollten zudem automatisierte Labore und autonome Experimente gefördert werden. Zugleich fordert er in dem Papier neue Verfahren zur Überprüfung und Reproduktion wissenschaftlicher Ergebnisse. Wichtig sei, dass KI Teil der experimentellen Infrastrukturen wird. Durch autonomes Experimentieren und automatisierte Labore könnten Entdeckungen beschleunigt werden.

Ausblick zur Umsetzung

Im Anhang zum Regierungsbericht erläutern Kratsios und Russ Vought, Direktor der zentralen Haushalts- und Verwaltungsbehörde (Office of Management and Budget, OMB) in einem Prioritätenmemorandum für das Haushaltsjahr 2028, dass die Forschungsförderung stärker an für die Regierung relevante Themen gebunden sein soll – darunter KI, Halbleiter, Quantentechnologie, Kernfusion, Raumfahrt, Robotik. Das Memorandum beauftragt große Forschungsbehörden damit, innerhalb von 90 Tagen Maßnahmen und Zeitpläne vorzulegen.

Die Bundesregierung beansprucht für sich zwar das Recht, öffentliche Mittel entsprechend politischer Prioritäten zu verteilen. Konkrete Angaben zu Geldern, die von den Universitäten weg hin zu anderen Forschungsträgern verlagert werden sollen, enthält das Papier allerdings nicht.

AAUP kritisiert Strategiepapier der Regierung

Für die AAUP sei Kratsios Strategiepapier ein Anlass, über die Zukunft der öffentlich finanzierten Wissenschaft besorgt zu sein, ließ die Professorenvereinigung in einer Pressemitteilung am 23. Juli verlauten. Reformen sollten die wissenschaftliche Unabhängigkeit stärken und sie nicht schwächen. Forschungsprioritäten sollten demnach von wissenschaftlicher Expertise, Transparenz, dem öffentlichen Interesse und Peer-Review-Verfahren geleitet sein, nicht von politischen Interessen. "Die Zukunft der amerikanischen Wissenschaft muss auf Forschungsfreiheit, öffentlichen Investitionen und demokratischer Rechenschaftspflicht aufbauen – und nicht auf politischer Kontrolle", so die AAUP.

"Die Zukunft der amerikanischen Wissenschaft muss auf Forschungsfreiheit, öffentlichen Investitionen und demokratischer Rechenschaftspflicht aufbauen."

American Association of University Professors

Professor Holden Thorp, Chefredakteur des Magazins Science, hält das Strategiepapier für ein "rhetorisches Mittel", bei dem unklar sei, ob es von den Bundesbehörden tatsächlich umgesetzt würde. So wird er von dem Onlinemagazin Inside Higher Ed zitiert. Allerdings ermögliche der Bericht einen Blick auf die Ansichten der Regierung zum Hochschulsektor. Erkennbar sei das Bemühen, Leserinnen und Leser gegen die Universitäten einzuschwören, so Thorp, der bis 2019 Prorektor der Washington University in St. Louis war. Gleichzeitig versuche Kratsios mit seinem Bericht, privatwirtschaftliche Forschungslabore aufzuwerten, die zuletzt im Niedergang gewesen seien.

Eigener Bericht der AAUP beschreibt Eingriffe in Hochschulautonomie

Im AAUP-Report "Extorted Compliance: A Threat to Institutional Autonomy, Academic Freedom, and Shared Governance" analysiert die Vertretung der Professorinnen und Professoren ihrerseits die bisherige US-Hochschulpolitik der Trump-Administration. Die Regierung hat seit Anfang 2025 bei zahlreichen Hochschulen Gelder gekürzt oder eingefroren. Laut der AAUP bedroht die Regierung damit die institutionelle Autonomie der Hochschulen und nutzt Hochschulfinanzierung und Fördergelder als Druckmittel, um die Universitäten zur politischen Anpassung zu zwingen.

Die Kürzungen geschehen laut AAUP unter dem Vorwand des Kampfes der Regierung gegen Antisemitismus an den Universitäten sowie gegen diskriminierende Regelungen zur Diversitäts- und Transgenderpolitik der Hochschulen. Die AAUP bestreitet dabei nicht, dass Antisemitismus und andere Formen der Diskriminierung an Hochschulen ernst genommen werden müssen. Sie kritisiert jedoch, dass die Regierung Antidiskriminierungsinstrumente verwende, um den Hochschulsektor allgemein zu diskreditieren.

Nutzt Regierung existierende Verfahren gegen Hochschulen?

Die AAUP sieht eine Vorgeschichte der heutigen Kontrollinstrumente. Bereits unter den Regierungen Barack Obamas und Joe Bidens seien Antidiskriminierungsverfahren ausgeweitet worden. So weist der Bericht darauf hin, dass bereits frühere Regierungen Verfahren geschaffen hätten, auf die die Trump-Regierung nun zurückgreife. Die Maßnahmen beruhten auf früheren Angriffen auf das Hochschulwesen durch Kongressausschüsse, bundestaatliche Entscheidungen, von Kuratoriumsmitgliedern sowie Spenderinnen und Spendern, erläutert Henry Reichmann, Mitglied des Autorenteams hinter dem Bericht. "Die Bemühungen der Regierung bündeln und verstärken diese unterschiedlichen Angriffe", so Reichmann laut Mitteilung.

"Die Bemühungen der Regierung bündeln und verstärken die unterschiedlichen Angriffe."

Henry Reichmann

Um Fördergelder zurückzuerhalten oder nicht zu verlieren, haben einige Hochschulen sogenannte Compliance Agreements unterzeichnet, in denen sie zusichern, dass sie politische und organisatorische Bedingungen der Regierung annehmen, und teilweise hohe Zahlungen geleistet.

Im Falle der Columbia University habe die Regierung zunächst Bundeszuschüsse und Verträge im Umfang von 400 Millionen Dollar gestrichen, erklärt das Autorenteam im Report. Die Universität habe sich später unter anderem zu einer Zahlung von 200 Millionen Dollar, zur Übermittlung bestimmter Zulassungsdaten und zu umfangreichen Kontroll- und Berichtspflichten verpflichtete. Die AAUP wertet dies als Beispiel dafür, dass Forschungsförderung zur Durchsetzung institutioneller Veränderungen eingesetzt werde.

Die AAUP argumentiert, eine Hochschule würde der Regierung durch ihre Unterschrift allerdings Rechte einräumen, die diese nach geltendem Recht gar nicht besitze. Sie warnt daher vor vorauseilendem Gehorsam und einzelnen Abkommen mit der Regierung. Der Verband fordert stattdessen ein gemeinsames Vorgehen der Universitäten und ihrer Mitglieder gegen staatliche Übergriffe.  

Beide Berichte setzen an realen Schwächen des US-Wissenschaftssystems an, ziehen daraus aber gegensätzliche Konsequenzen. Kratsios will Förderentscheidungen stärker strategisch steuern, institutionell verbreitern und an nationale Ziele binden. Die AAUP warnt, dass genau diese Verbindung von politischer Prioritätensetzung und finanzieller Abhängigkeit der Regierung einen weitreichenden Zugriff auf Hochschulen ermöglichen könnte.

cpy