Ein älterer Mann in blauem Anzug mit Brille und grau meliertem Bart.
picture alliance / Anadolu | Nathan Posner

Klimaforschung
USA schließen globales Zentrum für Klimaforschung NCAR

Das Aus für das Forschungszentrum NCAR führt zu Kritik. Internationale Fachleute warnen vor globalen Folgen für Wissenschaft und Meinungsbildung.

23.12.2025

Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump hat angekündigt, ihr Klimaforschungszentrum National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder, Colorado zu schließen. Am 16. Dezember eröffnete Russell Vought, Leiter des Haushaltsbüros des Weißen Hauses, auf der Social-Media-Plattform X, dass die Auflösung des NCAR eingeleitet werden soll. Er begründete dies damit, dass das Zentrum eine der größten Ursachen für den sogenannten Klima-Alarmismus in den USA sei. Gleichzeitig kündigte er an, dass alle wichtigen Forschungsaktivitäten an andere Einrichtungen oder an einen anderen Standort verlegt würden. 

Das NCAR ist ein weltweit anerkanntes Forschungsinstitut, an dem die Atmosphärenforschung im Mittelpunkt steht. Diese umfasst sowohl die Mikrophysik der Wolkenbildung und die Chemie der Luftverschmutzung als auch die Forschung zu großräumigen planetarischen Wellen sowie zu den Auswirkungen erhöhter Treibhausgasemissionen auf das Klima. Es wurde 1960 gegründet und beschäftigt mehrere hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. 

Zunehmend scharfe Kritik aus der Wissenschaft 

Aus der internationalen Wissenschaft kommt zunehmend scharfe Kritik an den Plänen der US-Regierung, eines der weltweit wichtigsten Klimaforschungszentren zu schließen, berichtete die Deutsche Presse-Agentur am 22. Dezember. Die Entscheidung füge nicht nur den USA selbst, sondern der weltweiten Wetter- und Klimaforschung erheblichen Schaden zu, betonten zahlreiche Fachleute US-Medienberichten zufolge. 

"Das NCAR stellt Ressourcen, Infrastruktur und Expertise bereit, die einzelnen Institutionen nicht zugänglich wären."
Markus Rapp, Professor für Physik der Atmosphäre, LMU

Auch Fachleute aus Deutschland äußerten sich auf Anfrage des Science Media Center (SMC) alarmiert. Professor Markus Rapp, Direktor des Instituts für Physik der Atmosphäre am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie Professor für Physik der Atmosphäre an der Fakultät für Physik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, ordnet das Forschungszentrum als "weltweit führendes Atmosphärenforschungszentrum" ein. "Das NCAR stellt Ressourcen, Infrastruktur und Expertise bereit, die einzelnen Institutionen nicht zugänglich wären. Darunter sind etwa computergestützte Modelle und umfangreiche Datensätze sowie hochleistungsfähige Supercomputer, Forschungsflugzeuge und Beobachtungsplattformen", erläutert er die Bedeutung für die globale Klimaforschung. 

Eine Schließung oder ein massiver Abbau des NCAR würde Rapp zufolge einen gravierenden und langfristigen Rückschritt für die internationale Atmosphären- und Erdsystemforschung darstellen. "NCAR war und ist der Kristallisationspunkt für viele internationale Aktivitäten in der Atmosphärenforschung und das weit über die Klimaforschung hinaus", führt er weiter aus. Die Folgen einer Schließung könnten weder kurzfristig kompensiert noch durch andere Einrichtungen aufgefangen werden, sodass sie unbedingt verhindert werden müsse. 

"Politische Eingriffe und finanzielle Unsicherheiten führen bereits zu Verzögerungen und einer Schwächung der offenen wissenschaftlichen Zusammenarbeit."
Gerrit Lohmann, Assoziierter Professor für Paläoklimadynamik, MARUM

Eine ähnliche Einschätzung formuliert Professor Gerrit Lohmann, Leiter der Arbeitsgruppe Dynamik des Paläoklimas und des Fachbereichs Klimawissenschaften am Alfred-Wegener-Institut des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung (AWI) sowie Assoziierter Professor in der Arbeitsgruppe Paläoklimadynamik im Fachbereich Physik des Klimasystems am Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) der Universität Bremen. "Zahlreiche am NCAR entwickelte und gepflegte Datensätze, Reanalysen und Modellprodukte sind für die laufende Forschung an deutschen und europäischen Einrichtungen von unmittelbarer Bedeutung", erläutert er den Einfluss auf die Klimaforschung hierzulande. Die entstehenden Lücken würden sich direkt auf die Qualität von Klimaprojektionen, Extremwetteranalysen und paläoklimatischen Interpretationen auswirken. "Politische Eingriffe und finanzielle Unsicherheiten führen bereits zu Verzögerungen und einer Schwächung der offenen wissenschaftlichen Zusammenarbeit", fasst er die Auswirkungen nach elf Monaten Regierung unter US-Präsident Donald Trump zusammen. 

"Ein 'defunding' der Klimaforschung in den USA bewirkt auch große Veränderungen für den Rest der Welt."
Daniela Domeisen, Förderungsprofessorin am Departement Umweltsystemwissenschaften, ETHZ

Weltweite Konsequenzen befürchtet ebenso Professorin Daniela Domeisen, Förderungsprofessorin am Departement Umweltsystemwissenschaften der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) und außerordentliche Professorin und Leiterin der Gruppe für atmosphärische Prozesse an der Université de Lausanne. "Ein 'defunding' der Klimaforschung in den USA hat nicht nur lokale Auswirkungen auf die Forschungslandschaft in den USA, sondern bewirkt auch große Veränderungen für den Rest der Welt", äußerte sie sich kritisch auf Anfrage des SMC. 

Die Zusammenarbeit mit Forschenden in Boulder sei für europäische Forschende in der Wetter- und Klimaforschung an der Tagesordnung. "Mit Sicherheit schwächt die aktuelle US-Politik in diesem Bereich nicht nur die US-amerikanische Wetter- und Klimaforschung und die internationale Forschungszusammenarbeit, sondern auch weltweit die Innovation auf der Ebene von kleinen und mittleren Unternehmen", warnt Domeisen. Aktuelle Kürzungen von Forschungsgeldern und allgemein von Mitteln für die Funktionsfähigkeit von Universitäten auch in weiteren Ländern machten es viel schwieriger, die Situation in den USA international abzufedern.

Schwerpunkt USA

Die USA sind einer der wichtigsten Forschungspartner Deutschlands und weltweit einer der interessantesten Wissenschaftsstandorte. Gleichzeitig hat sich das Wissenschaftsklima verändert. Artikel über die Entwicklungen im Land finden Sie in unserem Online-Themenschwerpunkt "USA".

cva