Symbolbild für globale Plastikverschmutzung mit einer Erdkugel, die von Plastik bedeckt ist.
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Abfallvermeidung
Vorerst kein UN-Plastikabkommen erzielt

183 Länder-Delegierte sowie Fachleute haben zehn Tage lang verhandelt. Die Positionen zur globalen Plastikverschmutzung divergieren zu stark.

18.08.2025

Bei den internationalen Verhandlungen in Genf zu einem Abkommen der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der globalen Plastikverschmutzung konnte keine Einigung erzielt werden. Vom 5. bis 15. August hatten Delegierte aus 183 Ländern sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft verhandelt. 

Was erreicht wurde und wie es weitergeht, schätzen die Meeresbiologin Dr. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) und die Umweltchemikerin Professorin Annika Jahnke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in einer gemeinsamen Pressemitteilung ein. Sie haben vor Ort die "Scientists' Coalition for an Effective Plastics Treaty" und die deutsche Delegation unterstützt. 

Die Ergebnisse der Konferenz aus wissenschaftlicher Sicht 

Laut Bergmann hat auch der zweite Textentwurf des Vorsitzenden keinen Konsens gefunden. "Aus wissenschaftlicher Sicht war dieser zu schwach, um das Plastikproblem – die Verschmutzung, die Klimafolgen und die Auswirkungen auf die Gesundheit – wirksam zu bekämpfen", bewertet die Meeresbiologin. Der Text sei deutlich hinter dem ursprünglichen Mandat der UN-Umweltversammlung zurückgeblieben. "Es ist besser, weiter zu verhandeln, um ein starkes Abkommen zu erreichen, das dem Problem gerecht wird", schätzt Bergmann das Verhandlungsergebnis ein. 

Die inhaltlichen Verhandlungen seien konstruktiv gewesen, so Jahnke. Es handle sich um ein globales Problem, dass Plastikgegenstände sowie das durch Verwitterung entstehende Mikro- und noch kleinere Nanoplastik über Flüsse, Meeresströmungen und die Luft weiträumig verteilt und somit weltweit gefunden würden. Die Vertagung des Abschlusses der Verhandlungen biete nun die Möglichkeit, "starke Allianzen zu schmieden und sich hoffentlich in den wiederaufgenommenen Verhandlungen auf ein ambitioniertes und wirksames Plastikabkommen zu verständigen", erläutert die Umweltforscherin. Das sollte dann über die Zeit dem Stand von Wissenschaft und Technik angepasst werden. 

Nationale oder regionale Maßnahmen sind Jahnke zufolge nicht weitreichend genug. "Vorstellbar wäre, dass man einen weltweit gültigen Sockel an Maßnahmen für alle Mitgliedsstaaten festlegt und diesen durch optionale zusätzliche Maßnahmen ergänzt, die den weitreichenden Ansprüchen der ambitionierteren Staaten entsprechen", schlägt sie vor. Dies seien immerhin deutlich mehr als 100 in der sogenannten Koalition der Willigen. Dieses zweistufige System würde auch einen Flickenteppich verhindern, der aus nationalen und regionalen Maßnahmen entstehen würde und Innovation und Planungssicherheit für die Industrie behindern könnte. 

Schwierige Verhandlungen in zu vielen Untergruppen 

Besondere Knackpunkte in den Verhandlungen waren laut Bergmann die Begrenzung der Plastikproduktion und die Regelungen zu den Inhaltsstoffen von Kunststoffen. Sie schlägt neue Gesprächsformate vor, um in den Verhandlungsrunden voranzukommen. Ein "starkes globales Abkommen" würde ein einheitliches Regelwerk schaffen, "Vieles vereinfachen, einen fairen Wettbewerb sicherstellen und Raum für Innovationen und neue Technologien öffnen", so Bergmann. 

"Ein starkes globales Abkommen würde einen fairen Wettbewerb sicherstellen und Raum für Innovationen und neue Technologien öffnen."
Dr. Melanie Bergmann, Meeresbiologin, AWI

Auch die geopolitische Lage erschwert nach Meinung Bergmanns zunehmend internationale Einigungen. Hinzu komme der steigende Druck auf die öl- und gasproduzierenden Länder: "Da künftig weniger fossile Brennstoffe verbrannt werden dürfen, um die Pariser Klimaziele einzuhalten, sollen diese vermehrt als Rohstoff für Kunststoffe eingesetzt werden", erklärt sie. Diesen Plan B würden diese Länder nicht ohne Weiteres aufgeben. Das erschwere den Verhandlungsprozess sehr. 

Das bisherige Verfahren, in Untergruppen einzelne Artikel zu diskutieren, sei erst kurz vor Abschluss der Konferenz geändert worden, beschreibt Jahnke. So hätten die Delegierten aller Mitgliedsstaaten im kleinen Kreis am letzten Tag zu wenig Zeit gehabt, das "Gesamtpaket" umfassend zu diskutieren und Konsens zu den wichtigsten Punkten zu finden. In diesem Gesprächsformat könnte jedoch eine Lösung für die Fortsetzung der Verhandlungen liegen, "da jede Seite von ihren Idealen abrücken und Zugeständnisse machen muss", führt Jahnke weiter aus. Laut Bergmann soll es eine weitere Verhandlungsrunde geben. Der genaue Prozess sei bislang jedoch noch unklar und muss in den nächsten Wochen konkretisiert werden.

Abfall in den Wissenschaften – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"

Die August-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich in einem Themen-Schwerpunkt dem, was Menschen hinterlassen: Abfall. Die Beiträge:

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  • Annette Elisabeth Töller: Vermeiden, verwerten, entsorgen. Abfallvermeidung als Herausforderung für die Kreislaufwirtschaftspolitik 
     
  • Eckhard Deschler-Erb: Unmittelbare Zeugnisse. Zur Bedeutung des Mülls in der Archäologie 
     
  • Simona Silvestri | Enrico Stoll: Kollisionsrisiken. Müll im Weltraum 
     
  • Im Gespräch mit Christoph Scope: Auf der Suche nach der aktuell besten Lösung. Labore auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit  

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cva