Wahlschein der Bundestagswahl.
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Bundestagswahl 2021
Wahlumfragen hauptsächlich für taktische Wähler wichtig

Die Berichterstattung über Wahlumfragen hat sich in den letzten vierzig Jahren mehr als verzehnfacht. Der Einfluss der Umfragen ist dennoch begrenzt.

14.09.2021

Der Großteil der Wählerinnen und Wähler lässt sich laut einer Stuttgarter Studie nicht von Umfrageergebnissen beeinflussen. Allerdings seien Umfragen für taktische Wählerinnen und Wähler wichtig, wie die Universität Hohenheim mitteilte. Nach der Annahme des sogenannten Fallbeileffekts etwa wählt ein Wähler eine von ihm präferierte Partei nur dann, wenn diese auch Chancen hat, über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen und in den Bundestag einzuziehen. In diesem Jahr dürfte die Gruppe der taktischen Wählerinnen und Wähler größer sein als sonst, teilte Kommunikationswissenschaftler Professor Frank Brettschneider mit.

Zwischen 1980 und 2017 habe sich die Berichterstattung über Wahlumfragen verzehnfacht, betonte Brettschneider. "Und in diesem Jahr ist ein neuer Rekord zu erwarten." Zum einen würden mehr Umfragen durchgeführt. Zum anderen seien die Umfragen in diesem Jahr besonders interessant, weil sich die Stimmungen in der Bevölkerung stärker ändern als bei früheren Bundestagswahlen. "Der Wahlausgang ist nach wie vor vollkommen offen. Das steigert das Interesse an Umfrageergebnissen", so Brettschneider.

Umfrageergebnisse, so der Experte, gehören außerdem längst zum Standardrepertoire der Medienberichterstattung über Wahlen. "Wahlumfragen haben einen hohen Nachrichtenwert. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen die 'Sonntagsfrage' und die Kandidatenbeurteilungen. Das Potenzial von Umfragen, etwas über die Motive von Wählern zu erfahren, wird hingegen seltener ausgeschöpft."

Einflusseffekte von Wahlumfragen

Die genauen Effekte von veröffentlichten Umfragen auf Wahlausgang und Wahlbeteiligung seien noch nicht für Deutschland nachgewiesen, denkbar seien aber Mitläufer- und Mitleidseffekte, bei denen Wählerinnen und Wähler im ersten Fall versuchten durch die Wahl der in Umfragen führenden Partei die "Siegerseite" zu wählen und im zweiten Fall die zurückliegende Partei unterstützten. Allerdings seien die Effekte gering: "Bei den Bundestagswahlen 2005, 2009, 2013 und 2017 gaben jeweils weniger als 5,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler (2017: 3,5 Prozent) an, dass für ihre Wahlentscheidung Umfragen eine große Rolle gespielt hätten", wie Brettschneider erläutert.

Davon, die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen vor einer Wahl wegen möglicher Einflusseffekte zu verbieten, hält Brettschneider nicht viel – und fordert stattdessen eine Qualitäts-Diskussion. Journalisten sollten mehr auf die Qualität der Umfragedaten achten und Umfrageergebnisse stärker interpretieren. "Weniger Zahlen-Hype und mehr Qualität in der Berichterstattung sind ein Schlüssel, um künftig seltener Fehlschlüssen aufzusitzen", sagt der Experte. "Dazu gehört auch, Umfrageergebnisse als das darzustellen, was sie sind: Momentaufnahmen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger."

dpa/cpy