Interview
"Wir beobachten die Vorschläge der AfD zur Wissenschaft genau"
Stand Up For Science (SUFS)
Die gemeinnützige US-Organisation Stand Up For Science (SUFS) wurde im Februar 2025 gegründet. Anlass waren nach eigenen Angaben die Maßnahmen der Regierung unter Präsident Donald Trump wie Mittelkürzungen bei staatlichen Forschungsprogrammen, politische Vorgaben für Forschungsinhalte und Eingriffe in die Hochschulautonomie. Mit aktivistischen Formen des Protests, Kommunikationskampagnen, Mobilisierung an der Basis und politischer Interessenvertretung tritt die Organisation gegen Wissenschaftsfeindlichkeit ein und engagiert sich für Wissenschaftsfreiheit und andere demokratische Prinzipien. Am 27. Juli 2026 hat SUFS die Gründung ihrer Zweigniederlassung Stand Up For Science International in der Schweiz bekannt gegeben.
Forschung & Lehre: Dr. Delawalla, was hat Sie dazu bewogen, Mitbegründerin der Organisation Stand Up For Science zu werden?
Colette Delawalla: Als ich zum ersten Mal ankündigte, dass wir eine Protestaktion organisieren würden, dachte ich sicherlich nicht daran, irgendetwas zu gründen. Meine Absicht war es, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Plattform für gesellschaftliches Engagement zu bieten und zu zeigen, dass wir die Maßnahmen der Trump-Regierung gegen unseren Wissenschaftssektor und unsere Demokratie nicht hinnehmen.
Erst nach den Protesten am 7. März 2025 wurde mir klar, dass wir SUFS als formale Organisation etablieren mussten. Es gab in diesem Bereich eine große Lücke in der politischen Infrastruktur für einen Sektor, der 39 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Die Wissenschaft brauchte eine neue, flexible Organisation, die sich der Mobilisierung der Bevölkerung, der Kommunikation mit der Öffentlichkeit, der Verteidigung der Wissenschaft als öffentliches Gut, dem Dialog mit politisch Verantwortlichen, der Unterstützung von Beamtinnen und Beamten und dem Wiederaufbau des wissenschaftlichen Ökosystems widmet.
F&L: Welche politischen Maßnahmen bedrohen derzeit die Wissenschaftsgemeinschaft in den USA?
Colette Delawalla: Es gibt so viele. Die größte Bedrohung stellt momentan die vom Office of Management and Budget (OMB) vorgeschlagene einheitliche Richtlinie dar, die alle Ermessensmittel – einschließlich der gesamten Wissenschaftsförderung – politisieren würde. In vielerlei Hinsicht ist die Regierung selbst die größte Bedrohung, da die Schwächung der MINT-Fächer, des öffentlichen Dienstes und der Demokratie schleichend voranschreitet.
F&L: Was betrachten Sie persönlich als den größten Erfolg Ihrer Organisation bis heute?
Colette Delawalla: Zwei Erfolge unterstreichen unser Ethos als Organisation besonders. Erstens konnten wir eine unethische Hepatitis-B-Impfstudie an Neugeborenen in Guinea-Bissau stoppen, die von der US-Regierung über eine dänische Organisation namens Bandim finanziert wurde. Wir führten eine Untersuchung vor Ort durch und präsentierten unsere Ergebnisse dem Kongress. Die Studie wurde innerhalb von 48 Stunden abgebrochen.
Zweitens mobilisierten wir Hunderttausende Menschen weltweit, um öffentliche Stellungnahmen abzugeben und den Kongress bezüglich der bereits beschriebenen neuen Regierungsverordnung zu kontaktieren, die unter anderem die Genehmigung aller Bundeszuwendungen durch politisch ernannte Beamtinnen und Beamte vorschrieb. Dies führte dazu, dass der Senat die Verabschiedung der Verordnung vor kurzem vorerst aussetzte. Auch wenn dies erst der Anfang ist, stellt es einen wichtigen ersten Schritt dar, um die vollständige Aufhebung dieser Verordnung zu erreichen.
F&L: Warum glauben Sie, dass die Wissenschaftsgemeinschaft in Europa ebenfalls gefährdet ist?
Colette Delawalla: Eine Gefährdung der Demokratie in einem Teil der Welt ist eine Gefährdung der gesamten Demokratie. Wir erwarten, dass es in westlichen Ländern – insbesondere in Wissenschaft, Bildung und Hochschulwesen – zu Einschränkungen der Freiheiten kommen wird. In Großbritannien, Deutschland und Frankreich beobachten wir dies bereits. Unser Ziel ist es, die Menschen darauf vorzubereiten, sich dagegen zu wehren und Rückschritte zu verhindern, bevor das Problem so groß wird wie in den USA.
F&L: Warum haben Sie und Ihr Team letztendlich entschieden, eine Niederlassung in Europa zu gründen?
Colette Delawalla: Wir haben von Anfang an Unterstützung in Europa für Stand Up for Science erhalten. Tatsächlich fanden 2025 über 30 SUFS-Proteste in ganz Europa statt! Die Gründung erschien uns als logische Folge, insbesondere nach der Guinea-Bissau-Krise und der OMB-Regelung, die internationale Zusammenarbeit faktisch unmöglich macht. Angesichts der zunehmenden Abschottung unserer Regierung war es uns wichtig, die Verbindungen offen zu halten. Wissenschaft kennt keine Grenzen.
"Wissenschaft kennt keine Grenzen."
F&L: Werden sich die Ziele und Ansätze hier in Europa von denen in den USA unterscheiden?
Colette Delawalla: Sicherlich. Die USA haben ein tief verwurzeltes Zweiparteiensystem, und aufgrund des Urteils im Fall Citizens United gibt es keine Obergrenze für die Ausgaben für Politik und Wahlen. Dies unterscheidet sich von europäischen Ländern mit einer größeren Vielfalt an politischen Parteien und einer Regulierung politischer Ausgaben – was die Rahmenbedingungen erheblich verändert. Wir freuen uns darauf, Gruppen, die bereits in diesem Bereich tätig sind, zu unterstützen und ihnen bewährte Instrumente zur Verfügung zu stellen. Ebenso werden wir uns besonders dafür einsetzen, gefährdete Bevölkerungsgruppen weltweit vor pseudowissenschaftlichen Experimenten, wie wir sie in Guinea-Bissau erlebt haben, zu schützen.
F&L: Glauben Sie, dass die Wissenschaftsgemeinschaft in Europa zu wenig unternimmt, um auf bestehende Bedrohungen zu reagieren?
Colette Delawalla: Ja und nein. Die Tatsache, dass die aktuelle Lage vielen Menschen in Europa Sorge bereitet, ist ermutigend und ein gutes Zeichen. Die Wissenschaftsgemeinschaft in den USA wurde völlig unvorbereitet getroffen. Dennoch gibt es immer noch viel zu tun! Es ist quasi nicht möglich, der Gesellschaft über die Maßen die Vorteile wissenschaftlicher Innovation, akademischer Freiheit und Demokratie näher zu bringen. Ziel sollte es sein, dass Menschen aller politischen Richtungen die Vorteile der Wissenschaft für die Gesellschaft tiefgreifend verstehen.
F&L: Wie beurteilen Sie die Bedrohung, die von extremistischen politischen Bewegungen für die Wissenschaft ausgeht, insbesondere in Deutschland?
Colette Delawalla: Wir beobachten die Vorschläge der AfD zur Wissenschaft genau. Diese ähneln natürlich sehr dem, was wir von der Trump-Regierung kennen: Verbot bestimmter Forschungsbereiche, Leugnung der Klimakrise und politisch gesteuerte Änderungen der Bildungsinhalte. Da die Partei der amerikanischen extremen Rechten sehr ähnelt, kommen diese Vorschläge nicht überraschend. Die AfD arbeitet seit Jahren daran, Misstrauen zu säen und Desinformation über Wissenschaft, Forschende sowie Akademikerinnen und Akademiker zu verbreiten. Dies stellt eine ernsthafte Bedrohung dar. Nun ist es an der Zeit, dass Forschende zusammen mit wissenschaftsfreundlichen Bürgerinnen und Bürgern den Dialog mit der Öffentlichkeit und ihren politischen Abgeordneten suchen.
"Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen."
F&L: Was können einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Ihrer Meinung nach tun, um sich für die Wissenschaftsfreiheit und die Autonomie der Hochschulen einzusetzen?
Colette Delawalla: Zuallererst: Zensieren Sie weder sich selbst noch Ihre wissenschaftliche Arbeit. Machen Sie weiter, bis man Sie ganz offen daran hindert. Zweitens: Sprechen Sie mit Ihrem sozialen Umfeld über Ihre Arbeit! Setzen Sie sich für sauberes Wasser ein? Erforschen Sie Möglichkeiten der Krebsprävention? Trägt Ihre Arbeit auf irgendeine Weise zum Wohlergehen der Bevölkerung bei? Erzählen Sie den Menschen davon! Dies kann durch kurze Gespräche, Gastbeiträge in Zeitungen oder Medienauftritte geschehen. Drittens: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen.