Wissenschaftliche Karrieren
WR empfiehlt mehr Dauerstellen und flache Hierarchien
Der Wissenschaftsrat (WR) hat am 11. Juli ein Positionspapier verabschiedet, in dem er eine grundlegende Reform der Personalstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem fordert. Das Ziel sind attraktive, vielfältige Stellen mit klar strukturierten Entwicklungsoptionen, die die Wissenschaftseinrichtungen in der Konkurrenz um Fachkräfte sowie im internationalen Wettbewerb stärken, erläutert der WR in einer Pressemitteilung. Nötig sei ein Personalgefüge, das den immer stärker ausdifferenzierten Anforderungen gerecht werde. Ein Kulturwandel für ein neues Verständnis von attraktiven Berufen in der Wissenschaft auch jenseits der Professur sei einzuleiten.
"Anstoß für das vorliegende Positionspapier gab die anhaltende Kritik an der Befristungs- und Beschäftigungspraxis im Wissenschaftssystem, die rund um die geplante Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (2023) erneut aufflammte und sich auch in den aktuellen Befunden des Bundesberichts zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einer frühen Karrierephase (BuWiK) niederschlägt", heißt es im Vorwort des Positionspapiers einordnend.
Es soll laut WR zukünftig klar zwischen Daueraufgaben und Qualifizierung unterschieden werden. Deutlich früher als bislang, etwa nach zwei bis drei Jahren nach der Promotion, sollten Entscheidungen über den Verbleib und die weitere Entwicklung im Wissenschaftssystem getroffen werden. Befristete Verträge sollten künftig die Ausnahme sein und vor allem für Qualifizierungs- und Projektstellen gelten. Bei Daueraufgaben empfiehlt das Gremium, durch mehr unbefristete Beschäftigungsverhältnisse dafür zu sorgen, dass wichtige Expertise langfristig entwickelt und gebunden wird. Dadurch könne ein hohes Maß an Professionalität etabliert werden, beispielsweise in Bereichen wie Informationstechnologie (IT), Infrastrukturen oder Wissenschaftsmanagement.
Vier Stellenkategorien im vorgeschlagenen Modell
Der WR schlägt ein Personalstrukturmodell mit vier Stellenkategorien vor, die für wissenschaftliche genauso wie für wissenschaftsnahe Aufgabenprofile gelten:
- Qualifizierungsstellen für die Promotion beziehungsweise Einstiegsstellen in die Wissenschaft,
- Stellen für anerkannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich wissenschaftlich weiterentwickeln oder auf hohem Niveau bestimmte wissenschaftliche beziehungsweise wissenschaftsnahe Daueraufgaben übernehmen,
- Stellen für etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die bereits einige Jahre Berufserfahrung haben und mit einem weitreichenden Maß an Selbständigkeit hoch komplexe wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Aufgaben übernehmen sowie
- Professuren beziehungsweise wissenschaftsnahe und wissenschaftliche Leitungsstellen.
"Das jetzige System ist nicht nur intransparent, sondern auch zusehends unattraktiv."
Professor Wolfgang Wick, WR-Vorsitzender
"Eine Karriere in der Wissenschaft ist oft wie eine Black Box: Weder ist klar, welche Beschäftigungsoptionen mit welchem Profil es gibt, noch ist eindeutig, was man leisten muss, um eine bestimmte Position zu erreichen. Das jetzige System ist nicht nur intransparent, sondern auch zusehends unattraktiv", betont der Vorsitzende des WR, Professor Wolfgang Wick. Wissenschaft habe sich weiterentwickelt, die Personalstrukturen müssten nachziehen. "Unser Vorschlag sind einheitliche, deutschlandweit vergleichbare und international anschlussfähige Stellenprofile mit eindeutigen Kriterien für die weitere berufliche Entwicklung", so Wick.
Primär Hochschulen am Zug bei der Umsetzung
Das vorgeschlagene Personalstrukturmodell soll an die Profile der unterschiedlichen Einrichtungen angepasst werden können. Diese seien entscheidend für die Umsetzung und gefordert, passende Personalstrukturkonzepte zu entwickeln.
Leitlinien dafür sind demnach:
- Das jeweilige Stellentableau soll zum Aufgabenprofil und den strategischen Zielen der Einrichtung passen und auf fachspezifische Erfordernisse eingehen.
- Weitere Kriterien sind Attraktivität, Transparenz, Gleichstellung und Diversität sowie Durchlässigkeit und Mobilität auch zwischen Wissenschaft und anderen Bereichen wie der Industrie.
Nötig seien außerdem qualitätsgesicherte Auswahlverfahren, eine systematische Personalentwicklung sowie flache Hierarchien. Der Wissenschaftsrat befindet deutschlandweit möglichst einheitliche und international anschlussfähige Personalstrukturen als essentiell. Dies sei die Voraussetzung dafür, dass wissenschaftliches Personal künftig flexibler intern und zwischen verschiedenen Einrichtungen, international sowie zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft wechseln könne.
Der WR betont, dass für all diese Veränderungen Departmentstrukturen an wissenschaftlichen Einrichtungen hilfreich sind und eingeführt beziehungsweise weiterentwickelt werden sollten. Dabei sind in der Regel Personalmittel beispielsweise auf Institutsebene beziehungsweise Department-Ebene angesiedelt und werden so nicht mehr als Ausstattung einzelner Professuren behandelt.
Schrittweise Umsetzung und Zutun von Bund und Ländern
Die Umsetzung der Vorschläge könne angesichts der Größe der Aufgaben nur schrittweise erfolgen. Für die tiefgreifende Reform von Strukturen und Hierarchien sei letztlich ein Kulturwandel nötig, der Zeit und vor allem Entschlossenheit aller beteiligten Akteurinnen und Akteure im System erfordere. Der WR fordert Bund und Länder auf, die notwendige Reform der Personalstrukturen durch rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen sowie durch weitere Anreize zu unterstützen.
Professorin Birgit Spinath, Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission des WR, betonte in der Pressekonferenz am 14. Juli, dass die Länder und der Bund den notwendigen Reformprozess initiieren müssten. Die neuen Personalstrukturen seien allerdings "auch ohne frisches externes Geld" möglich. Die Hürden seien gar nicht so hoch, wie von vielen vermutet.
Auch Dr. Manja Schüle, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, hob in der Konferenz hervor, dass es eine hohe "Dringlichkeit" gebe und ein jahrelanges "Umsetzungsproblem", so dass man nun unbedingt vom Reden ins Handeln kommen müsse. Einige Länder wie Brandenburg hätten sich bereits auf den Weg gemacht, die in ihrem Hochschulgesetz beispielsweise 40 Prozent an Dauerstellen festgelegt und von jeder Hochschule ein Dauerstellenkonzept angefordert hätten. Für die arbeitsrechtliche Ausgestaltung auch in Bezug auf das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) und Details wie Wartezeiten in der Postdoc-Phase ist laut Schüle klar der Bund zuständig.
WR-Vorsitzender Wick stellte zum Ende der Pressekonferenz seine Hoffnung dar, dass die Initiative einzelner Hochschulen dazu führen werde, Verschiebungen in der Attraktivität zu bewirken. Der dadurch erzeugte Konkurrenzdruck zwischen den Hochschulen könne die Umsetzung von Neuerungen beschleunigen, da ein Beharren auf bisherigen Strukturen nachteilig werde. Solange neue Strukturen wirtschaftlich neutral umsetzbar seien, seien sie auf der Ebene der Hochschulen am besten angesiedelt.
DHV befürwortet Positionspapier weitgehend
Der Deutsche Hochschulverband (DHV) hat die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu Personalstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem begrüßt, mit denen "Wissenschaft als Beruf" in Zeiten eines sich abzeichnenden Fachkräftemangels attraktiv bleiben soll. "Zeitverträge, häufige Ortswechsel, gleichermaßen unsichere wie knappe finanzielle Rahmenbedingungen und somit im Ergebnis mitunter prekäre und nicht zuletzt familieninkompatible Lebensverhältnisse – das kann zermürben und schreckt in zunehmendem Maße ab", erklärte der Präsident des DHV, Professor Lambert T. Koch, in einer Pressemitteilung. In der Folge verliere die deutsche Wissenschaft Talente an das Ausland und den außerwissenschaftlichen Bereich.
Mit dem Wissenschaftsrat stimme der DHV darin überein, dass in der Wissenschaft stärker zwischen Qualifikation und Daueraufgaben unterschieden werden müsse. Richtig sei auch, bereits früh in der Postdoc-Phase in qualitätsgeleiteten Verfahren Entscheidungen über den Verbleib und die weitere Entwicklung im Wissenschaftssystem zu treffen. Die Bedarfe für Aufgaben in Lehre, Forschung oder Wissenschaftsmanagement, für die erfahrenes wissenschaftliches Personal in unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen benötigt werde, seien je nach Fach und Standort verschieden.
Die Frage, ob sich das deutsche Wissenschaftssystem, wie vom Wissenschaftsrat befürwortet, verstärkt gegenüber den in anderen Wissenschaftssystemen üblichen Department-Strukturen öffnen solle, müsse ergebnisoffen diskutiert werden. In den Vorschlägen des Wissenschaftsrats sieht Koch eine gute Basis für weitere tiefgehende Erörterungen. Der Ball liege daher jetzt bei der Politik.
GEW hätte sich mehr Mut gewünscht
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat das heute veröffentlichte Positionspapier des Wissenschaftsrats in einer Pressemitteilung begrüßt und Hochschulen, Forschungseinrichtungen sowie Bund und Länder aufgefordert, die überfällige Reform konsequent in Angriff zu nehmen: "Der Bund muss das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) auf den Prüfstand stellen, die Länder müssen ihre Hochschulgesetze reformieren, Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen Dauerstellenkonzepte ausarbeiten und umsetzen", sagte Andreas Keller, GEW-Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung.
Mehr Mut hätte sich Keller bei der Formulierung der Empfehlungen für die Neuordnung der Postdoc-Phase gewünscht. Aus Sicht der GEW dürfe es für promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überhaupt keine Qualifizierungsbefristung geben. Enttäuscht zeigte sich der GEW-Hochschulexperte mit den Überlegungen des Wissenschaftsrats zur Umsetzung der Personalstrukturreform. Der Rat setze vor allem auf die Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Bund und Ländern schreibe er nur eine "initiierende" und "moderierende" Rolle zu.
aktualisiert am 14. Juli um 15:30 Uhr [Ergänzung Reaktionen]; erstmals veröffentlicht am 14. Juli 2025
Themen-Schwerpunkt "WissZeitVG"
Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) regelt die Befristungsdauer von Anstellungsverträgen in der Wissenschaft. Es ist umstritten, weil es wissenschaftliche Karrieren wenig planbar gestaltet. Welche Vorschläge stehen im Raum, um es zu reformieren? Lesen Sie dazu unsere Beiträge im Themen-Schwerpunkt "WissZeitVG" und werfen Sie auch einen Blick auf weitere Perspektiven im Schwerpunkt "Befristung".
cva