Flugzeug
mauritius images/Picfair/Matt Boyle

Treibhausgase
Wie Forscher ihren ökologischen Fußabdruck verbessern können

Das Fliegen ist bei einer global vernetzten Wissenschaft unvermeidbar. Doch lässt sich den negativen Folgen stärker als bislang entgegenwirken.

Von Jürgen Gerhards 22.01.2019

Dass der Klimawandel wesentlich von Treibhausgasen und dem Ausstoß von Kohlendioxid vorangetrieben wird, wird nur noch von wenigen Experten bestritten. Besonders Flugreisen tragen erheblich zum CO2-Ausstoß bei, wie eine aktuelle Studie von Manfred Lenzen zeigt.

Auch wenn im akademischen Milieu die Sorge um den Klimawandel weit verbreitet ist, wird der eigene Beitrag zur Erderwärmung meist ignoriert. Studierende und Professoren gehören zu den Vielfliegern und tragen damit wesentlich zum Klimawandel mit bei.

"Der Schaden des internationalen Konferenztourismus durch vielfliegende Akademiker ist erheblich."

Die Wissenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend internationalisiert. Gremien sind immer häufiger international zusammengesetzt und Forschungskooperationen finden verstärkt mit Partnern in anderen Ländern statt. Zudem ist das internationale Konferenzaufkommen exponentiell gewachsen.

Der Schaden des internationalen Konferenztourismus durch vielfliegende Akademiker ist erheblich. Ein Retour-Flug von Berlin nach Washington DC zur Teilnahme an einer Gremiensitzung ist laut Kalkulation über die Organisation "atmosfair" beispielsweise mit einem Ausstoß von rund vier Tonnen CO2 verbunden.

Kommissionen verkleinern, ökologische Schäden kompensieren

Es geht nicht darum, das Rad der Internationalisierung der Wissenschaft zurückzudrehen. Eine Reduktion des Fliegens von Akademikerinnen und Akademikern ist jedoch nötig und auch machbar, ohne dass die Wissenschaftsentwicklung darunter leidet. Appelle werden dabei wenig zielführend sein. Denn das Umweltbewusstsein ist nirgends so ausgeprägt wie im akademischen Milieu, wo ein ökologischer Lebensstil zu einem zentralen Merkmal des Habitus geworden ist.

Es bedarf neuer institutioneller Regeln, die sich ohne viel Aufwand umsetzen lassen. Dazu vier Vorschläge.

1. Viele Beiräte und Kommissionen der akademischen Welt sind nach meiner Erfahrung überdimensioniert und haben zu viele Mitglieder. Eine Reduktion der Anzahl der Mitglieder solcher Gremien um ein Drittel verschafft den dann freigesetzten Personen nicht nur mehr Zeit, die sie sinnvoll für ihre Kernaufgaben – nämlich Forschung und Lehre – nutzen können, sondern reduziert in der Summe auch die Reisetätigkeit und damit den CO2-Ausstoß; dies gilt besonders für international zusammengesetzte Gremien, bei denen die Flugdistanzen und damit die Umweltbelastungen besonders ausgeprägt sind.

2. Die bestehenden Technologien, mit denen man Video-Konferenzen, -Vorträge und -Sitzungen abhalten kann, sollten nicht nur weiterentwickelt, sondern von den akademischen Einrichtungen und ihren Mitgliedern deutlich häufiger genutzt werden. Dies gilt vor allem für Vorträge vor kleinem Publikum, Projektbesprechungen mit internationalen Partnern aber zum Beispiel auch für Promotionsprüfungen mit internationalen Gutachtern. Gerade dann, wenn es sich um sehr kleine Gruppen handelt, ist es meist ohne Probleme möglich, einen Austausch virtuell zu organisieren. Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen könnten einen Anreiz für den Einsatz von virtuellen Veranstaltungen schaffen, indem sie die eingesparten Reisemittel, die sie für die anreisenden Gäste aufbringen müssten, nicht einsparen, sondern dem jeweiligen Institut gutschreiben, so dass dieses für seine umweltfreundliche Politik belohnt wird.

3. Die durch Flugreisen entstandenen ökologischen Schäden lassen sich durch Kompensationszahlungen ausgleichen. Die Gelder werden für Maßnahmen eingesetzt, die der Reduktion des Ausstoßes von Kohlendioxid dienen. So führt zum Beispiel ein Hin- und Rückflug von Boston nach Washington DC laut Berechnungen von " atmosfair" zu einer Kompensationszahlung von 92 Euro. Die akademischen Einrichtungen sollten sich verpflichten, für jede gebuchte Flugreise die entsprechende Kompensationszahlung zu entrichten.

4. Die öffentliche Bekanntgabe der Anzahl an Flügen, die von den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Einrichtung in den letzten beiden Jahren getätigt wurden, erzeugt automatisch Druck, die Anzahl der Flugreisen in Zukunft zu reduzieren. Eine ähnliche Maßnahme hat sich zum Beispiel bei den Gleichstellungsberichten bewährt.

Die vier vorgeschlagenen Maßnahmen haben den Vorteil, dass sie relativ leicht umzusetzen sind und zugleich einen relativ starken Effekt auf die Reduktion des Ausstoßes von Kohlendioxid hätten. Es ist an der Zeit, dass sich die Universitäten und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen (die Max-Planck- und die Frauenhofer-Gesellschaft, die Helmholtz- und die Leibniz Gemeinschaft) aber auch Fördereinrichtungen wie die DFG und das BMBF ihrer Verantwortung bewusst werden und neue Regeln für das Reisen mit dem Flugzeug beschließen. 

Bei dem Text handelt es sich um eine revidierte Kurzfassung eines Artikels, der am 14. Januar 2018 in der Zeitung "Tagesspiegel" erschienen ist.

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