Welt-Biodiversitätsrat
165 Forschende bieten 70 Ansätze gegen Umweltkrisen
Der neueste Nexus-Report des Welt-Biodiversitätsrats enthält die Bewertung von 70 Handlungsoptionen zur Lösung globaler Probleme. Unter Beteiligung von 165 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beleuchtet der Bericht die Zusammenhänge zwischen den fünf sogenannten Nexus-Elementen Biodiversität, Wasser, Ernährung, Gesundheit und Klimawandel.
Die Autorinnen und Autoren machen im aktuellen Report deutlich, wie eng die globalen Krisen miteinander verbunden sind. Durch gemeinsame Betrachtung ließen sie sich besser bewältigen. Sie plädieren dafür, integrierte und adaptive Entscheidungen zur Maxime der Politik zu erheben. Einzelentscheidungen zur Bewältigung von Problemen wie Wassermangel oder Wetterextremen könnten zu Fehlausrichtungen, ungeplanten Kompromissen und/oder unbeabsichtigten Folgen führen, heißt es in Berichtszusammenfassung für politisch Verantwortliche.
Das Autorenteam betont, dass sich beispielsweise die Kosten für die Bekämpfung des Biodiversitätsverlusts verdoppelten, wenn dazu erforderlich Investitionen um zehn Jahre verschoben würden. Eine Verzögerung der Maßnahmen gegen den Klimawandel könnte die Kosten um mindestens 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr erhöhen.
Der Welt-Biodiversitätsrat (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, IPBES) ist eine zwischenstaatliche wissenschaftlich-politische Plattform, dessen Sekretariat seinen Sitz in Bonn hat. Der Rat hat 150 Mitgliedsstaaten und bewertet auf Anfrage von Regierungen und Entscheidungsträgerinnen und -trägern den Zustand von Biodiversität und Ökosystemfunktionen.
Integrierte Politik statt isolierter politischer Entscheidungen
Als ein Beispiel für globale Verflechtungen dient die weltweit sinkende Biodiversität in Agrarlandschaften. Diese wird durch die Intensivierung und Spezialisierung der Landwirtschaft verursacht. Sie ist durch den Verlust an wildlebenden Arten, natürlichen Habitaten und genetischen Ressourcen etwa bei Saatgut oder Tierrassen gekennzeichnet.
Eine solche Landwirtschaft bringt weniger gesunde Nahrungsmittel hervor und beeinträchtigt die Ernährungssicherheit. So wird laut Nexus-Bericht nicht nur die Vitalität von Agrar-Ökosystemen, sondern auch die Widerstandsfähigkeit von Ernährungssystemen gegenüber Wetterextremen, Schädlingsbefall und anderen Störungen geschwächt.
"Biodiversitätsverlust und Klimawandel sind voneinander abhängig und haben kumulative Auswirkungen, die die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden bedrohen", heißt es dazu in der Berichtszusammenfassung. In den letzten 30 bis 50 Jahren zeigten alle bewerteten Indikatoren einen Rückgang der Biodiversität um zwei bis sechs Prozent pro Jahrzehnt.
"Wenn wir weiterhin isolierte Entscheidungen bezüglich einzelner Nexus-Elemente treffen, werden lebenswichtige Belastungsgrenzen unseres Planeten überschritten", sagt Dr. Diana Sietz vom Thünen-Institut für Biodiversität, eine der Leitautorinnen des Nexus-Reports. Die Nexus-Elemente seien untrennbar miteinander verbunden, sodass rasches Umdenken und integriertes Handeln unabdingbar seien, "um die dringend notwendigen Veränderungen herbeizuführen, die positive Auswirkungen auf die Natur und Menschen haben".
Handlungsoptionen mit positiven Auswirkungen
Szenarien, die ausgewogene Vorteile über alle Nexus-Elemente hinweg erzielen, beinhalten in der Regel Handlungsoptionen, bei denen Ökosysteme effektiv erhalten, wiederhergestellt und nachhaltig genutzt und bewirtschaftet werden, heißt es zusammenfassend. Dafür müssten gleichzeitig die Verschmutzung in Land-, Süßwasser- und Meeresgebieten reduziert und die Einführung nachhaltiger, gesunder Ernährung sowie die Eindämmung des Klimawandels und die Anpassung an ihn unterstützt werden.
Die mehr als 70 von den Expertinnen und Experten bewerteten Handlungsoptionen wurden in zehn Kategorien zusammengefasst, die jeweils ein breites Spektrum an wirkungsvollen Maßnahmen aufzeigen. Beispiele für diese Kategorien, die weitgehend positive Auswirkungen auf alle Nexus-Elemente haben, sind etwa:
- die integrierte Bewirtschaftung von Landschaften und Meeresgebieten, die die Artenvielfalt schützt, Lebensräume erhält und weder Klima noch Wasser oder Luft belastet,
- das Management der biologischen Vielfalt, um Risiken der Übertragung von Krankheiten von Tieren auf Menschen zu verringern,
- die Wiederherstellung kohlenstoffreicher Ökosysteme wie Wälder, Böden und Mangroven und
- die Förderung einer nachhaltigen, gesunden Ernährung mitgeringen Umweltbelastungen.
Die im Nexus-Bericht aufgezeigten 70 Handlungsoptionen auf politischer, gesellschaftlicher und kommunaler Ebene sind bereits heute verfügbar, zum Teil zu überschaubaren Kosten realisierbar und schnell wirksam. Ein konkretes Beispiel aus dem Bereich Klimaschutz ist die Wiederherstellung degradierter und Erhaltung intakter Moore und nicht-küstennaher Feuchtgebiete, um die Struktur und Funktionen dieser Ökosysteme und ihren Nutzen für den Menschen zu verbessern oder zu erhalten. Als weitere übergreifende Maßnahmeoption wird die Verringerung der negativen Auswirkungen ressourcenintensiver Gesundheitssektoren genannt. Dazu gehören die Reduzierung von Treibhausgasemissionen, nachhaltige Beschaffungspraktiken, die Verringerung von Umweltverschmutzung und Abfall sowie eine Fokussierung auf präventive und kommunale Gesundheitsversorgung.
Die derzeitigen Wirtschafts- und Finanzsysteme wenden 35-mal mehr Ressourcen für wirtschaftliche Aktivitäten auf, die die biologische Vielfalt direkt schädigen, als sie zur Unterstützung der Natur bereitstellen, stellt das Autorenteam fest. "Die Maßnahmen im Rahmen des Fahrplans können sowohl schrittweise als auch transformativ sein und alle können die aktuelle Situation verbessern und zu einer gerechten und nachhaltigen Zukunft beitragen", stellen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrem Resümee in Aussicht.
cva