RIAS-Bericht 2025
410 antisemitische Vorfälle an Hochschulen
Die Meldestellen des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) dokumentierten 2025 bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle (2024: 8.627) – darunter 410 an Hochschulen (2024: 450). Das geht aus dem Jahresbericht hervor, den der RIAS-Bundesverband am 17. Juni veröffentlicht hat. Seit dem 7. Oktober 2023 bestehe ein hohes Vorfallniveau, so die dazugehörige Pressemitteilung. Im Vergleich zu 2022 habe sich die Zahl der Vorfälle mehr als verdreifacht. Dies schränke das Leben von Jüdinnen und Juden im Alltag ein.
Das Feindbild "Zionismus" habe bei den Vorfällen 2025 eine "zentrale Rolle" gespielt. Dokumentiert sind insgesamt 178 Angriffe und 257 Bedrohungen – vielfach an alltäglichen Orten. Mehr als ein Viertel (27 Prozent) aller antisemitischen Vorfalle ereigneten sich online. RIAS erfasste zudem mit 807 rechtsextremen Vorfällen den höchsten Wert seit Beginn der bundesweiten Erhebung im Jahr 2020. Dazu gehörten die Verbreitung von Verschwörungsmythen, die Verherrlichung des Nationalsozialismus sowie geäußerte Wünsche nach einer Wiederholung der Schoa.
Benjamin Steinitz, Geschäftsführer des Bundesverbands RIAS, erklärte dazu: "Antisemitismus trifft Jüdinnen und Juden im Alltag. Er wird offen und aggressiv geäußert, Jüdinnen, Juden und politische Gegner werden eingeschüchtert und die Anwendung von Gewalt legitimiert." Die fortschreitende Normalisierung von Antisemitismus bedrohe die demokratische Kultur als Ganzes. Es brauche entschlossenes Handeln von Staat, Justiz und Verwaltung sowie eine resiliente Zivilgesellschaft.
Antisemitismus an Hochschulen laut RIAS 2025
"Eine maßgebliche Rolle spielten an Hochschulen Vorfälle, bei denen Akteur:innen sich explizit auf den 7. Oktober 2023 und die darauf folgenden Kriege bezogen", spezifiziert der Bericht den inhaltlichen Kontext an Hochschulen. Darunter fallen dem Autorenteam zufolge insbesondere Veranstaltungen, verteilte Flyer, Schmierereien und Aufkleber, aber auch Wahlkämpfe für studentische Gremien. Bei 86 Prozent der Vorfälle stellte RIAS Stereotype des israelbezogenen Antisemitismus fest.
Im Bericht genannte Beispiele für Vorfälle an Hochschulen sind explizit israelfeindliche Schmierereien in Toiletten, mehrere Fälle des Abstreitens und Leugnens sexualisierter Gewalt während des Kriegsbeginns am 7. Oktober 2023 oder die Relativierung der Schoa mit Kommentaren wie "Was denn für sechs Millionen?".
Bestehende Erkenntnisse zu Antisemitismus an Hochschulen
Schon Anfang 2024 hatte das damalige Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine Schnellbefragung in Auftrag gegeben, da die Zahl der antisemitischen Fälle seit Oktober 2023 bereits stark zugenommen hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren demnach an deutschen Hochschulen antisemitische Haltungen mit acht Prozent nicht so stark verbreitet wie in der Gesamtbevölkerung in Deutschland (18 Prozent).
Im Rahmen des Exzellenzclusters "The Politics of Inequality" der Universität Konstanz wurde im April 2025 die zweite Schnellbefragung im Auftrag des BMBF veröffentlicht, die sich mit Antisemitismus und pro-palästinensischen Protesten an Hochschulen befasste. Das dreiköpfige Autorenteam um Soziologieprofessor Thomas Hinz kam durch Umfragen unter Studierenden und Hochschulleitungen zu einem ähnlichen Ergebnis wie die vorangegangene: Etwa sechs bis sieben Prozent der Studierenden haben antisemitische Einstellungen. Antisemitismus sei damit unter Studierenden geringer ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung, wo jede fünfte Person eine "ausgeprägt antisemitische" Haltung zeige.
cva