Illustration einer Frau, die zur Hälfte privat mit Kind gezeigt wird und zur anderen Hälfte als Bürokraft am Rechner.
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Weltfrauentag
Aktuelle Daten machen Hürden bei der Gleichstellung sichtbar

Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen hat sich etwas verringert. Der Gender-Report Hochschulen NRW zeigt hochschulspezifische Tendenzen auf.

06.03.2026

Zwar hat sich der Rückstand von Frauen bei Einkommen und Rente verringert. Bei der Erwerbsbeteiligung, den Teilzeitquoten sowie der Aufteilung von Haus- und Sorgearbeit stagniert die Geschlechterungleichheit hingegen auf hohem Niveau. Das zeigen die Studienergebnisse von Dr. Yvonne Lott vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung sowie Svenja Pfahl und Eugen Unrau vom Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra). Anhand von knapp 30 zentralen Indikatoren aus dem WSI-Genderdatenportal liefert ihr kürzlich veröffentlichter Gleichstellungsreport auf Basis der aktuellsten verfügbaren amtlichen Daten eine Übersicht über den Stand der Gleichstellung. Betrachtet wurde der Zeitraum zwischen 1991 und 2024. 

"Die Geschlechterungleichheiten fallen besonders deutlich aus, wenn Kinder mit im Haushalt leben", schreiben die Forschenden. So hätten erwerbstätige Mütter und Väter im Durchschnitt zwar jeweils eine Gesamtarbeitszeit von 60 Stunden pro Woche. Das Verhältnis von bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Sorgearbeit unterscheide sich jedoch stark. 

"Sie sind echte Leistungsträgerinnen, für die die Politik gerade wenig tut."
Professorin Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI

Professorin Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI, betonte in der Pressemitteilung zum Gleichstellungsreport 2026, dass gerade Menschen mit Sorgeverpflichtungen und ganz besonders Frauen, die Kinder haben oder Angehörige pflegen, zwei Jobs unter einen Hut bringen müssten. "Sie sind echte Leistungsträgerinnen, für die die Politik gerade wenig tut", sagte sie. Viele der diskutierten Verschlechterungen sozialer Standards würden insbesondere die Frauen treffen: "Das gilt etwa für die Deregulierung von Arbeitszeiten ebenso wie für direkte oder indirekte Kürzungen bei der Rente", erläuterte Kohlrausch. 

Frauen sind durch unbezahlte Arbeit stärker belastet 

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen liege sieben bis acht Prozentpunkte unter der von Männern. An diesem Abstand habe sich in den vergangenen Jahren kaum etwas geändert. Eine Vollzeit-Vollzeit-Konstellation dominiere als Arbeitszeitmuster nur in Paarhaushalten ohne Kinder. Der Gender-Working-Time-Gap, also der Abstand zwischen den durchschnittlichen Erwerbsarbeitszeiten von Frauen und Männern, beträgt laut Studie aktuell 7,5 Stunden pro Woche. Er ist demnach seit rund 15 Jahren leicht rückläufig, was vor allem am langsamen Rückgang der Arbeitszeiten der Männer liege. 

Der Studie zufolge liegt dies daran, dass Frauen und Männer aus unterschiedlichen Gründen in Teilzeit arbeiten: Betreuungsaufgaben seien für Frauen ein viel wichtigerer Grund für eine Reduzierung der Arbeitszeit als für Männer. Männer arbeiteten dagegen häufiger wegen fehlender Vollzeitstellen sowie aufgrund von Aus- oder Fortbildungszeiten in Teilzeit.

Eine weitere WSI-Studie mit dem Titel "Gesellschaftliche Einstellung zu Erwerbstätigkeit von Müttern und externer Kinderbetreuung" vom Januar 2026 kommt mittels Befragung zu dem Schluss, dass familiäre Sorgearbeit im internationalen Vergleich in Deutschland mit einer überdurchschnittlich hohen Teilzeitquote bei Frauen einhergeht. Ein Grund dafür seien gesellschaftliche Erwartungen. "Nur gut die Hälfte ist dafür, dass Mütter mit Kindern unter drei Jahren arbeiten sollten, bis zu einer Vollzeitbeschäftigung sollten sie jedoch bestenfalls warten, bis das Kind das Schulalter erreicht", sagt Forscherin Dr. Corinna Frodermann vom beteiligten Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu den Ergebnissen aus der repräsentativen Panelbefragung von 10.000 Personen zwischen 18 und 60 Jahren. 

Männlich geprägte Karrierebilder verknüpft mit Vollzeit 

Aysel Yollu-Tok ist Professorin für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) und Direktorin des Harriet Taylor Mill‐Instituts für Ökonomie und Geschlechterforschung. Sie äußerte sich in einer HWR-Pressemitteilung zum Equal Pay Day am 27. Februar zum Unterschied zwischen selbstbestimmter Arbeitszeitreduzierung und strukturellen Begrenzungen. Als strukturelle Hürden nennt sie beispielsweise den Mangel an Kinderbetreuung, steuerliche Fehlanreizen oder betriebliche Karrierestrukturen. 

"Karrierepfade sind oft auf kontinuierliche Vollzeitverfügbarkeit ausgerichtet."
Aysel Yollu-Tok, Professorin für Volkswirtschaftslehre, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin 

"Zudem stabilisieren sich Berufsentscheidungen über Ausbildungswege und Vorbilder. Wenn Branchen einmal stark geschlechtlich geprägt sind, reproduzieren sich diese Muster über Netzwerke und Rollenvorbilder", führt Yollu-Tok aus. "Karrierepfade sind oft auf kontinuierliche Vollzeitverfügbarkeit ausgerichtet. Wer zeitweise aussteigt oder Stunden reduziert, verliert nicht nur Einkommen, sondern häufig auch Netzwerke, Projektverantwortung und Sichtbarkeit und damit auch Aufstiegschancen", fasst sie die Auswirkungen von Mehrfachbelastungen auf die Karriere zusammen. 

Die Existenz von männlich geprägten Karrierepfaden bestätigt eine aktuelle Umfrage der Lernplattform Jurafuchs für den Bereich Justiz. Dafür wurden über 1.850 angehende Juristinnen und Juristen zu ihren Erfahrungen mit ungleicher Behandlung und Hürden für Frauen im Studium und im Beruf befragt. Demnach gibt es für Frauen noch einige Herausforderungen auf dem Weg in juristische Spitzenpositionen. Als größte Hürde bezeichnen 26,6 Prozent aller Befragten die Dominanz männlich geprägter Netzwerke. Weitere 26,2 Prozent sehen die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf als zentrale Herausforderung und 24,6 Prozent bemängeln unbewusste Vorurteile von Männern in Auswahlprozessen. Nur drei Prozent der Männer und Frauen geben an, dass es keine nennenswerten Hürden auf dem Weg in juristische Spitzenpositionen gibt.

Gleichstellung

Leaky Pipeline, gläserne Decke, Pay Gap: Wie entwickelt sich die Gleichstellung von Frauen und anderen an der Hochschule unterrepräsentierten Gruppen? In unserem Online-Themenschwerpunkt Gleichstellung finden Sie ausgewählte Beiträge zu Aspekten der Gleichstellung in der Wissenschaft.

16 Prozent Pay-Gap, 43 Prozent Pension-Gap 

2024 betrug der Gender-Pay-Gap dem Gleichstellungsreport zufolge 16 Prozent und lag damit weiterhin über dem EU-Durchschnitt von zwölf Prozent. Aktuell würden Frauen in Deutschland bei vergleichbarer Arbeit und Qualifikation durchschnittlich 4,10 Euro pro Arbeitsstunde weniger verdienen als Männer. Nur knapp die Hälfte aller abhängig beschäftigten Frauen könne die eigene Existenz langfristig aus eigenem Erwerbseinkommen sichern, während dies immerhin drei Vierteln der angestellten Männer gelinge. 

Die geringeren Einkommen von Frauen summierten sich über den Lebensverlauf hinweg. Trotz eines allmählichen Rückgangs in den letzten drei Jahrzehnten ist daher der Gender-Pension-Gap immer noch groß. Im Jahr 2023 erhielten Frauen im Durchschnitt eine um 43 Prozent niedrigere Alterssicherung als Männer. 

Volkswirtschaftlerin Yollu-Tok äußerte sich zu den unterschiedlichen Gründen für den Gender-Pay-Gap wie etwa Branchenwahl, Teilzeitquoten, Karrierenachteile durch Mutterschaft ("Motherhood Penalty"), Erwerbsunterbrechungen oder die Verteilung von Führungspositionen. "Der bereinigte Gap von etwa sechs Prozent ist analytisch besonders spannend, weil er selbst bei vergleichbarer Qualifikation, Tätigkeit und Erwerbsbiografie bestehen bleibt. Diesen Wert können wir statistisch nicht erklären", führte sie weiter aus. Yollu-Tok spricht in diesem Zusammenhang von gesellschaftlichen Präferenzen, Rollenmustern, betrieblichen Kulturen und institutioneller Trägheit. 

Eine aktuelle Studie des ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung mit der Universität Tilburg zu Lohneinbußen durch Elternschaft ("Child-Penalty") kommt zu dem Schluss, dass der Einkommensverlust von Müttern nach der ersten Geburt in Deutschland noch wesentlich größer ist als bisher angenommen. "Mütter verdienen im vierten Jahr nach der Geburt durchschnittlich fast 30.000 Euro weniger als gleichaltrige Frauen ohne Kinder – mit langfristigen Auswirkungen auf Karriere und die spätere Rente", heißt es in der Pressemitteilung zur Studie. Besonders betroffen seien jüngere Mütter, da sie wichtige Karrierephasen mit Lohnwachstum verpassten. 

Geschlechterungerechtigkeiten an Hochschulen: Beispiel NRW 

Der Gender-Report der Hochschulen in Nordrhein-Westfalen (NRW) analysiert seit 2010 im Dreijahresrhythmus die Geschlechterverhältnisse und Gleichstellungspraktiken an Hochschulen in Trägerschaft des Landes. Mit dem Gender-Report 2025 wurde der Stand der Gleichstellung an den zum Berichtszeitpunkt 37 Hochschulen erhoben. Demnach stagniert der Frauenanteil bei den Promovierten in NRW bei etwa 45 Prozent und liegt bei den Habilitierten bei rund einem Drittel. Einzig bei den Juniorprofessuren seien die Frauen- und Männeranteile nahezu ausgeglichen. Der durchschnittliche Frauenanteil in allen Leitungsgremien und -positionen an den Hochschulen habe im März 2025 bei 38,7 Prozent gelegen. 

Große Unterschiede zeigten sich auch bei den W-Besoldungsgruppen: In W3 sind Professorinnen mit einem Anteil von 27 Prozent vertreten, in der auslaufenden Besoldungsgruppe C4 mit 11,2 Prozent. Über alle Besoldungsgruppen hinweg verdienten Professorinnen im Jahr 2024 monatlich durchschnittlich 492 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen. Geschlechterstereotype Vorannahmen gegenüber Frauen in Berufungsverfahren und das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft sind dem Gender-Report zufolge prioritär anzugehende Handlungsfelder der Gleichstellungsarbeit in den Fachbereichen. 

Der Frauenanteil am hauptberuflichen wissenschaftlichen und künstlerischen Personal ohne Professur nähert sich dem Gender-Report NRW zufolge mit 46 Prozent der Parität. Unter den Lehrkräften für besondere Aufgaben bildeten Frauen eine knappe Mehrheit (56,6 Prozent), während ihr Anteil in der großen Gruppe der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitenden bei 45,5 Prozent liege. Im akademischen Mittelbau liege die Befristungsquote geschlechtsübergreifend bei über 76 Prozent. Nicht einmal die Hälfte der Frauen (47,7 Prozent) habe eine Vollzeitstelle inne. 

Gleiche Karrierechancen für Frauen – langsam, aber stetig 

"Quoten wirken relativ klar auf der Ebene der Repräsentanz, insbesondere in Aufsichtsräten oder Spitzenpositionen. Sie verändern die Zusammensetzung schneller als freiwillige Selbstverpflichtungen. Mentoring-Programme wiederum stärken individuelle Karrierechancen, Netzwerke und Sichtbarkeit. Ihre Wirkung ist oft positiv auf der Mikroebene", erläutert Gleichstellungsexpertin Yollu-Tok unterschiedliche Mechanismen zur Ebnung von Karrierewegen. 

"Auch nehme ich die meisten Frauen in Verhandlungssituationen inzwischen sehr viel selbstbewusster wahr."
Katharina Lemke, Leiterin der Abteilung Recht und Beratung im DHV

Katharina Lemke, Syndikusrechtsanwältin und Leiterin der Abteilung Recht und Beratung im Deutschen Hochschulverband (DHV), befasst sich seit vielen Jahren mit der Beratung zu akademischen Karrierewegen. Sie stellt auf Anfrage von Forschung & Lehre anlässlich des Weltfrauentags fest, dass sich insbesondere Frauen zunehmend sehr genau mit den beruflichen Anforderungen auseinandersetzen. Zu einer "Karriere um jeden Preis" seien sie immer seltener bereit und erwarteten insbesondere familienfreundlichere Rahmenbedingungen. "Auch nehme ich die meisten Frauen in Verhandlungssituationen inzwischen sehr viel selbstbewusster wahr, als das noch vor einigen Jahren war", erläutert Lemke. Hier sei eine deutliche Entwicklung zu einer Anspruchshaltung und die Einforderung von Gleichstellung festzustellen. 

Professorin Irmgard Förster, Prorektorin für Chancengerechtigkeit und Diversität an der Universität Bonn, betonte anlässlich des Internationalen Tags der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft am 11. Februar die besondere Bedeutung von Durchhaltevermögen bei Gleichstellungsfragen: "Damit wirklich alle in der Wissenschaft gerechte Chancen bekommen, müssen wir dranbleiben. Chancengerechtigkeit ist Voraussetzung für exzellente Forschung und Innovation."

cva