Ein denkmalgeschütztes, weiß-gelbes Gebäude ist vom einem Brand stark zerstört.
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Ukraine
Angriff auf Nationale Akademie der Wissenschaften in Kyjiw

Kampfdrohnen beschädigten ein Symbol der ukrainischen Wissenschaft und töteten zwei Menschen. Die Akademie appelliert an die Wissenschaftscommunity.

01.10.2026

In Kyjiw hat am 28. September ein russischer Kampfdrohnenangriff das Gebäude des Präsidiums der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine getroffen, so dass ein schwerer Brand ausbrach. Das geht aus einer Mitteilung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf der Social-Media-Plattform X und einer Pressemitteilung der Akademie selbst vom 29. September hervor. Laut Medienberichten sind der zweite und dritte Stock des denkmalgeschützten Gebäudes, in dem sich über hundert Arbeitsplätze befinden, komplett zerstört worden. 

Die Sprecherin der Akademie, Dr. Maria Prysihlej, berichtet im Gespräch mit der Deutschen Welle (DW), dass es nur aufgrund des Angriffs in der Mittagszeit und einer schnellen Rettungsaktion nicht zu größeren Personenschäden gekommen sei. Die Akademie teilte in ihrer Pressemitteilung mit, dass zwei Menschen beim Angriff auf das Gebäude ums Leben gekommen sind. "Das Präsidiumsgebäude wurde schwer beschädigt. Das Feuer griff auf die oberen Stockwerke über. Menschen wurden von den Flammen eingeschlossen und mussten durch die Fenster fliehen", beschreibt sie die Geschehnisse. Selenskyj betont in seinem Beitrag, dass jüngst auch in anderen Städten und Regionen "zivile Einrichtungen, Unternehmen und die Kommunikationsinfrastruktur Ziele von Angriffen" gewesen seien. 

Das Auswärtige Amt hat auf der sozialen Plattform reagiert: "Wir verurteilen den russischen Drohnenangriff auf die Nationale Akademie der Wissenschaften im Herzen #Kyjiws auf das Schärfste. Russland nimmt erneut zivile Todesopfer und Verletzte in Kauf – auch in unmittelbarer Nähe unserer Botschaft." EU-Kommissarin Ursula von der Leyen brachte auf X ihr Mitgefühl zum Ausdruck und schrieb: "Heute ist die Wissenschaft ins Visier Russlands geraten." Europa arbeite mit Hochdruck daran, die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine zu stärken. 

"Wissenschaft im Visier" 

Der Angriff auf die Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine stellt laut deren Pressemitteilung nicht einfach nur die Zerstörung eines weiteren Gebäudes im Zuge der russischen Aggression dar: "Dies ist ein schwerer Schlag für die Menschen. Für die Wissenschaft. Für das intellektuelle Potential des Landes. Für die Grundidee, dass Wissen, Forschung und die Suche nach der Wahrheit dem Leben dienen und nicht dessen Zerstörung." Das Gebäude zähle, seit es 1919 zum Universitätsgebäude wurde, zu den Symbolen der ukrainischen Wissenschaft. 

Die Akademie betont, dass sie 1918 unter Hetman Pawlo Skoropadskyj gegründet wurde und damit zu einer Zeit, als die Ukraine um ihr Recht auf einen eigenen Staat kämpfte und nationale Institutionen schuf. "Russland versucht einmal mehr, das zu zerstören, was eine unabhängige Ukraine ausmacht: ihre Intelligenz, Kultur, ihr historisches Gedächtnis und ihre Fähigkeit, ihre eigene Zukunft zu bestimmen", heißt es weiter. Die ukrainische Wissenschaft werde sich jedoch weiterhin für die Verteidigung, den Wiederaufbau, die Entwicklung und die europäische Zukunft der Ukraine einsetzen. Die Akademie werde auch diese Zeit überstehen. 

Der russische Angriff auf die Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine ist demnach von europäischen Staats- und Regierungschefs, internationalen Organisationen sowie führenden Akademien und wissenschaftlichen Einrichtungen weltweit verurteilt worden. Die Stellungnahmen hätten verdeutlicht, dass ein Angriff auf die Akademie ein Angriff auf die Wissenschaft an sich sei. 

Zu den Institutionen, die ihr Mitgefühl und ihre Solidarität in einer Pressemitteilung zum Ausdruck gebracht haben, gehört auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Darin heißt es: "Zahlreiche wissenschaftliche, universitäre und kulturelle Einrichtungen wurden seit Beginn des Krieges durch russische Raketen- und Drohnenangriffe getroffen. Angriffe auf solche Einrichtungen sind Angriffe auf die Grundlagen der Gesellschaft und stellen einen klaren Bruch des Völkerrechts dar." Man verurteile den Angriff "aufs Schärfste". 

Akademie appelliert an globale Wissenschaftscommunity 

Die Akademie appelliert in ihrer Mitteilung an die internationale akademische Gemeinschaft mit einem Aufruf zu konkreten Maßnahmen: "Wir appellieren an die Akademien der Wissenschaften, Universitäten, Forschungszentren, wissenschaftlichen Stiftungen, internationalen wissenschaftlichen Organisationen und Verlage, die institutionelle Zusammenarbeit mit russischen staatlichen wissenschaftlichen und Bildungseinrichtungen nicht wieder aufzunehmen oder zu legitimieren, solange Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt." Wissenschaft könne nicht ohne moralische Verantwortung existieren. 

Bereits 2022 habe die Europäische Föderation der Akademien der Wissenschaften (ALLEA) die Mitgliedschaft der Russischen Akademie der Wissenschaften suspendiert und die Mitgliedschaft seither nicht erneuert. "Der Angriff vom 28. September hat einmal mehr gezeigt, warum eine solche Position nach wie vor von grundlegender Bedeutung ist", betont die Akademie. 

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha kritisierte Russland in seinem Beitrag auf X dafür, eine wissenschaftliche Einrichtung, in der sich mitten am Arbeitstag Menschen aufhielten, zum weiteren Ziel des Terrors zu machen. Er fordert die internationalen Partner der Ukraine zur Unterstützung und explizit die Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) zu einem klaren politischen Signal auf: "Wir rufen zudem die UNESCO – jene Organisation, die sich unter anderem dem Schutz der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Gemeinschaft widmet – dazu auf, dem Aggressorstaat die Stimme, das Stimmrecht sowie die Wählbarkeit für Leitungs- oder Arbeitsgremien zu entziehen."

Hintergrund 

Am 24. Februar 2022 begann Russland eine groß angelegte Invasion der Ukraine. Die UN-Generalversammlung verurteilte dies als Aggression und forderte den vollständigen Rückzug der russischen Streitkräfte. Seitdem kämpfen russische und ukrainische Streitkräfte vor allem im Osten und Süden der Ukraine. Zugleich werden Städte und Infrastruktur regelmäßig durch Raketen und Drohnen angegriffen. Nach Angaben des UN-Menschenrechtsbüros vom Juli 2026 sind seit Februar 2022 bis Mitte 2026 mindestens 16.431 Zivilisten getötet und 48.613 verletzt worden. 

Der Krieg dauert weiterhin an und hat erhebliche humanitäre, wirtschaftliche und politische Folgen für die Ukraine, Russland und darüber hinaus. In Bezug auf das Wissenschaftssystem verliert die Ukraine vor allem Infrastruktur, Finanzierung und wissenschaftliches Personal, während Russland insbesondere unter abnehmender internationaler Vernetzung und stärkerer politischer Kontrolle des Wissenschaftssystems leidet. Die UNESCO bezifferte die Kosten für die Wiederherstellung der öffentlichen Forschungsinfrastruktur der Ukraine im März 2024 auf rund 1,26 Milliarden US-Dollar – 1.443 Gebäude von 177 wissenschaftlichen Einrichtungen waren beschädigt oder zerstört.

cva