Bild der Überreste des World Trade Centers
picture-alliance / dpa | Alex_Fuchs

9/11
"Aufklärung ist politisch ein Ding der Unmöglichkeit"

Die Anschläge auf das World Trade Center haben 25 Jahre später mehrere Deutungsphasen durchlaufen. Was bleibt übrig von der "Zeitenwende"?

Von Philipp Gassert 11.09.2026

Dramatische Ereignisse wie die terroristischen Angriffe des 11. September 2001 rufen beim Publikum die untrügliche Neigung hervor, den "sinnweltlich" als schockierend erlebten Einbruch in den Alltag als Teil einer Neuordnung der Welt zu deuten – als epochale Zäsur, als welthistorischen Wendepunkt eben. Kennedys Ermordung 1963, der Ölpreisschock 1973, der Fall der Mauer 1989, die Havarie des Atomkraftwerks Fukushima 2011 oder Russlands Einmarsch in die Ukraine 2022 bieten Anschauungsmaterial für eine bequeme Deutung, wonach ein als "Zeitenwende" erfahrenes Ereignis den Lauf der Geschichte wie auf Knopfdruck ändert. Doch bald wird die vermeintliche Zäsur in der historischen Analyse als weniger umstürzend entlarvt, als sie im ersten Moment erscheinen wollte. Historiografie arbeitet sich an Brüchen mit der Darstellung von Kontinuitäten ab.

Ein präzedensloser Anschlag wird zum welthistorisch folgenreichen Ereignis

Angesichts der Bilder der brennenden und kollabierenden Türme des World Trade Center (WTC) in New York wie auch der Rauchwolke über dem Pentagon in Washington zeigten sich 2001 die meisten medialen Erstdeuter wie auch viele wissenschaftliche Beobachterinnen und Beobachter felsenfest sicher, dass mit 9/11 eine neue Zeitrechnung begonnen hatte: "Es ist einer jener Wendepunkte", konstatierte die New York Times, "nach denen es eine Welt ‚davor‘ und ‚danach‘ gibt." Auch führende deutsche Medien sprachen in Superlativen. Die Zeit griff ein Zitat des New Yorker Schriftstellers Paul Auster auf, wonach nun ein neues Zeitalter begonnen habe. "Wir sind aus dem Paradies der Unbefangenheit vertrieben worden" konstatierte die Süddeutsche Zeitung. Der Spiegel sah "das Anbrechen einer neuen, einer dunkleren Zeit auf dem Planeten Erde" voraus. Expertenmeinungen stießen ins gleiche Horn, das sinnweltlich Erlebte werde strukturelle Wirkungen zeitigen.

"2001 zeigten sich die meisten medialen Erstdeuter felsenfest sicher, dass mit 9/11 eine neue Zeitrechnung begonnen hatte."

Davon war auch die US-Regierung unter Präsident George W. Bush überzeugt. Sie betonte den präzedenzlosen Charakter der Terroranschläge, die fast 3.000 Menschenleben gekostet hatten. Zugleich forcierte Bush das Narrativ, die USA seien kriegerisch angegriffen worden. Man kenne sich mit derartigen Bedrohungen aus. Er sprach vom "Pearl Harbor unserer Generation" und zog eine Parallele zwischen Japans Angriff auf die US-Pazifikflotte am 7. Dezember 1941, der die USA in den Zweiten Weltkrieg gezogen hatte. Bush las den Terror als Kriegsakt "gegen die Zivilisation", "gegen Pluralismus, Toleranz und Freiheit", nicht als extrem gewalttätige Handlungen einer losen Truppe extremistischer junger Männer. Diese reagierten auf globale soziale und kulturelle Verwerfungen wie persönliche Entfremdung mit antiwestlicher Ideologie und entgrenzter Gewalt, um so Aufmerksamkeit zu generieren. Die Terrorgruppe Al-Quaida wurde von Bush allen Ernstes in eine Linie mit NS-Deutschland und der UdSSR gestellt.

Daher lässt sich die These vertreten, dass eine instrumentalisierte Erinnerung an das Zeitalter der Totalitarismen aus einem extraordinär brutalen, zweifellos präzedenzlosen Terroranschlag (11. September) ein welthistorisch folgenreiches Ereignis (9/11) machte. Die Regierung Bush entfachte Kriege, die erst 20 Jahre später mit dem abrupten Rückzug aus Afghanistan 2021 endeten. Da wuchsen auf dem ehemaligen WTC-Gelände längst Gras und Bäume. Diese Kriege haben größere Verwüstungen hinterlassen als die Anschläge selbst und sie haben Amerika tief verwundet. Die Kosten an (auch amerikanischen) Leben, psychische Belastungen, der unbezifferbare materielle Schaden sind immens. In Afghanistan starben 2.461 US-Soldaten (2001 bis 2021), im Irak 4.497 (bis 2011). Die Anzahl der weniger präzise erfassten zivilen Opfer der "Gegner" ist signifikant höher, wenigstens eine halbe Million im Irak, Hundertausende in Afghanistan.

Rückblickende Deutungen hängen von aktuellen Kontexten ab

Zehn Jahre nach den Anschlägen setzte sich eine neue Betrachtungsweise durch, die dem Ansatz bilanzierender historischer Deutungen entspricht, die von Anfang an Kontinuitäten betonten. Einerseits wurde zum zehnten Jahrestag persönlich Erlebtes aufwendig dokumentiert, vor allem am zentralen Erinnerungsort der USA, dem 9/11 Memorial & Museum in New York. Dort fand 2011 erstmals eine offizielle Erinnerungsfeier statt, 2014 wurde das Museum von Präsident Barack Obama feierlich eröffnet. Es sammelt in Interviews und Objekten "erlebte Geschichte" und fokussiert in der Ausstellung die individuelle Leidenserfahrung der Getöteten, aber auch der Überlebenden, ihrer Kolleginnen und Kollegen, Freunde und Familien. 2011 wurde in der Lokalpresse (auch in Deutschland) vielfach abgefragt, wer wann und wo von den Anschlägen erstmals erfahren hatte: "Wir alle sind nun Zeitzeugen". Andererseits zielten viele der 2011 auf den Markt geworfenen Publikationen darauf, den "Mythos 9/11" zu zerstören: Die Anschläge stellten keinen Einschnitt dar, sondern hätten längerfristige Trends verstärkt wie den Abstieg der USA und den Aufstieg Chinas, worauf damals Obamas "Wendung nach Asien" weltpolitisch reagierte.

Daher lässt sich die These vertreten, dass eine instrumentalisierte Erinnerung an das Zeitalter der Totalitarismen aus einem extraordinär brutalen, zweifellos präzedenzlosen Terroranschlag (11. September) ein welthistorisch folgenreiches Ereignis (9/11) machte. Die Regierung Bush entfachte Kriege, die erst 20 Jahre später mit dem abrupten Rückzug aus Afghanistan 2021 endeten. Da wuchsen auf dem ehemaligen WTC-Gelände längst Gras und Bäume. Diese Kriege haben größere Verwüstungen hinterlassen als die Anschläge selbst und sie haben Amerika tief verwundet. Die Kosten an (auch amerikanischen) Leben, psychische Belastungen, der unbezifferbare materielle Schaden sind immens. In Afghanistan starben 2.461 US-Soldaten (2001 bis 2021), im Irak 4.497 (bis 2011). Die Anzahl der weniger präzise erfassten zivilen Opfer der "Gegner" ist signifikant höher, wenigstens eine halbe Million im Irak, Hundertausende in Afghanistan.

Rückblickende Deutungen hängen von aktuellen Kontexten ab

Zehn Jahre nach den Anschlägen setzte sich eine neue Betrachtungsweise durch, die dem Ansatz bilanzierender historischer Deutungen entspricht, die von Anfang an Kontinuitäten betonten. Einerseits wurde zum zehnten Jahrestag persönlich Erlebtes aufwendig dokumentiert, vor allem am zentralen Erinnerungsort der USA, dem 9/11 Memorial & Museum in New York. Dort fand 2011 erstmals eine offizielle Erinnerungsfeier statt, 2014 wurde das Museum von Präsident Barack Obama feierlich eröffnet. Es sammelt in Interviews und Objekten "erlebte Geschichte" und fokussiert in der Ausstellung die individuelle Leidenserfahrung der Getöteten, aber auch der Überlebenden, ihrer Kolleginnen und Kollegen, Freunde und Familien. 2011 wurde in der Lokalpresse (auch in Deutschland) vielfach abgefragt, wer wann und wo von den Anschlägen erstmals erfahren hatte: "Wir alle sind nun Zeitzeugen". Andererseits zielten viele der 2011 auf den Markt geworfenen Publikationen darauf, den "Mythos 9/11" zu zerstören: Die Anschläge stellten keinen Einschnitt dar, sondern hätten längerfristige Trends verstärkt wie den Abstieg der USA und den Aufstieg Chinas, worauf damals Obamas "Wendung nach Asien" weltpolitisch reagierte.

Rückblickende Deutungen eines Ereignisses sind kontextabhängig wie auch generationell gebunden. Zwanzig Jahre nach den Anschlägen schlug das Pendel wieder in die andere Richtung: Gerade war die erste Trump-Amtszeit mit dem hochverräterischen Kapitolssturm vom 6. Januar 2021 zu Ende gegangen. Daher wurde nun stärker nach inneramerikanischen Ursachen und Wirkungen gefragt, zumal die 20-Jährigen (unsere damaligen Erstsemester) zu jung waren, um eine persönliche Erinnerung an das Ereignis zu haben. Der Angriff schien die Tendenz zur gesellschaftlichen Spaltung vertieft zu haben, während man zehn Jahre zuvor das "betroffene Zusammenkommen" betont hatte. Der Aufstieg von Donald J. Trump zur Präsidentschaft ist ohne 9/11 schwer vorstellbar, denn dieser hatte sich 2015/16 als "Isolationist" und Gegner außenpolitischer Abenteuer sowohl gegen den republikanischen Mainstream als auch die Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, profiliert. Zugleich befeuerte der islamistische Terror den weißen US-Nationalismus. Dieser ist zwar deutlich älter als 9/11. Aber "Bushs Kriege" verliehen später von MAGA aufgesaugten Initiativen wie der Tea Party Dynamik und legitimierten national-egoistische "isolationistische" Haltungen.

Das WTC-Mahnmal zwischen Erinnerung und Sakralisierung

Die konkrete Ausgestaltung des zentralen Erinnerungsortes am WTC wie auch Hunderter weiterer Gedenkstätten quer durch die USA bestärkten das nationale Opfernarrativ einer individuellen Heldenerzählung: Die schwarzen Löcher, in die die aufwendig konstruierten Wasserfälle auf der 9/11 Memorial Plaza in New York stürzen, sollen an die Leere, die Stille nach den Anschlägen, Abwesenheit und Verlust geliebter Menschen erinnern. Die Namen der Opfer des 11. September wie auch der sechs Toten des ersten WTC-Anschlags 1993 sind auf den umlaufenden Bronzebrüstungen wie auf einem Kriegerdenkmal eingraviert. Der junge New Yorker Architekt Michael Arad nannte seinen Entwurf, der sich im Wettbewerb durchgesetzt hatte, mehrdeutig Reflecting Absence. Das Wasser fällt in quadratischen Granitbecken scheinbar ins Nichts – Anklänge an den Abyssus, die grundlose Tiefe der antiken Unterwelt, in den Amerika nach 9/11 schaute. Zuvor durchquert man einen Hain aus 400 Eichen, ein germanisches Naturheiligtum mitten in der Metropole.

"Besucher vollziehen auf einer schiefen Ebene quasi den Abstieg in die Hölle des 11. September."

So überzeugend das Design für den schon 2011 eröffneten Gedenkpark wirkt, so umstritten ist das die Besucherinnen und Besucher hart greifende und bedrückende Museum, das sich tief in der Erde an die "Fußabdrücke" (ehemaligen Fundamente) des WTC schmiegt. Besucher vollziehen auf einer schiefen Ebene quasi den Abstieg in die Hölle des 11. September. Von innen hört man das dumpfe Fallen des Wassers in die beiden Memorial Pools. Das Museum überwältigt nicht nur visuell, sondern auch akustisch. Die Dauerausstellung wird durch einen Klangvorhang von Notrufen und Geräuschen des 11. Septembers betreten, auf Bildschirmen laufen Sendungen des Tages, vom Frühstücksfernsehen bis zum Einsturz der Türme. Alltagsobjekte der Opfer werden ausgestellt: Schuhe, Visitenkarten, Laptoptaschen, Brillen, Uhren, Notizzettel; ein Anziehungspunkt ist der Ladder Company 3 Truck, der durch den Einsturz zerbeulte Feuerwehrwagen einer Einheit, von der elf Mitglieder starben. Zentralobjekt ist die Last Column, eine 58-Tonnen-Stahlsäule des WTC. Auf dieser haben nach den Anschlägen zahlreiche Menschen ihre Solidarität durch Graffiti, Notizen und Gebetskarten verewigt.

Selbstverständlich wünschen sich die Familien der Getöteten einen Ort der Erinnerung. Die WTC-Gedenkstätte verleiht dem Tod der "Gefallenen" Sinn als Dienst an der Gemeinschaft und der Familie. Es geht um "Amerikas Opfer", das brutale Ende tausender, plötzlich beendeter Leben. Kaum Raum bleibt für schwierige Fragen, etwa nach den Hintergründen der Anschläge, nach der Geschichte des Terrorismus, dem Verhältnis der USA zum Nahen Osten. Selbst die Entscheidung, die Attentäter mit kleinen Fotos in der Ausstellung zu repräsentieren, führte zu riesigen Kontroversen. Der Ort wird sakralisiert ("this site made sacred through loss"). Der Historiker Jacob Eder merkt in einer Besprechung an, dass "Parallelen zur Ästhetik und Erzählweise amerikanischer Holocaust-Museen" kein Zufall seien. Es gehe um eine "transformative, moralische Wirkung" auf die Besuchenden. Betrachtet man auf der Website des 9/11 Memorials die geplanten Veranstaltungen zum 25. Jahrestag 2026, so bleibt es bei der individuellen Erfahrung der Getöteten und ihres Umfelds, die nun in kurzen Filmen zum Teil von Nachkommen schon der Enkelgeneration gewürdigt werden.

Dass die 9/11-Gedenkstätte heikle Punkte ausspart, überrascht angesichts des grassierenden Nationalismus in den USA nicht. "Aufklärung" ist politisch ein Ding der Unmöglichkeit. Der Ansatz setzt sich in Hunderten von zivilen "Kriegerdenkmälern" in Amerikas Weiten fort. Vergleichbar mit Berliner Mauersegmenten wird meist ein Stahlstück der Türme in das Design integriert. Das findet sich auch außerhalb der USA, etwa in der vom Architekten des neuen WTC, Daniel Libeskind, gestalteten Gedenkstätte in Padua in Italien oder dem 9/11-Denkmal in Oberviechtach in Bayern. Die Mahnmalkultur fokussiert auf ein trotziges "Never Forget". Literatur geht hier oft weiter: So kontrastiert Don DeLillo in seinem berühmten "Ground Zero"-Roman Falling Man (2007) die Perspektive eines Terroristen, eines WTC-Überlebenden und eines Künstlers. Auch hier dominiert die individuelle Erfahrung. Nur schmale Pfade führen von kritischer Wissenschaft und Literatur, die es in den USA in Hülle und Fülle gibt, zu einer öffentlich (selbst-)kritischen Lesart des patriotischen Opferkults.

Gemischte Bilanz nach 25 Jahren

Wo stehen wir nach 25 Jahren? Was sind die Folgen? Die auf den Terrorismus antwortenden Kriegsakte haben die USA im Inneren wie im Äußeren verwundet. Sie heizten angesichts des medialen Wandels die Toxizität der US-Politik weiter an, zumal Gegenreden, die es im progressiven Spektrum der USA, etwa angeführt vom sozialistischen Senator Bernie Sanders, durchaus gleich 2001 gab und gibt, schnell als "unamerikanisch" gebrandmarkt werden. Strukturen, so hat es Reinhart Koselleck einmal formuliert, werden greifbar in Ereignissen. Ein Ereignis kann den sozialen, ökonomischen und politischen Rahmen transparent machen. Aber es kann auch Wandel bewirken, indem es Handlungen provoziert, wie es dem Kalkül der Terroristen entsprach. 9/11 verstärkte imperiales Weltvormachtstreben, unterstützte die Hybris der US-Eliten; nährte einen parochialen Nationalismus; es ließ das Land in Nabelschau erstarren, wenn Bush fragte: "Warum hassen sie uns?".

"Ein Ereignis kann den sozialen, ökonomischen und politischen Rahmen transparent machen."

Also wird man daher in zwei oder drei Jahrzehnten bekräftigen, dass mit dem 11. September das "postamerikanische Zeitalter" (Fareed Zakaria, 2008) begann? Legt 9/11 den Gezeitenwechsel in der zeitlichen Distanz offen? Ich habe meine Zweifel: Ja, seit 2017 hat die katastrophale Trump-Präsidentschaft den Abstand der USA zur Welt unterstrichen, auch den globalen Antiamerikanismus verschärft. 9/11 legte Schwächen offen. Innere und äußere Grenzen wurden aufgezeigt. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sah sich materiell, politisch und ideell vom "Krieg gegen den Terror" überfordert. Dass diese Botschaft nicht so recht verfangen will, zeigen die halbgaren, vielleicht sogar verzweifelten Versuche, Amerika "wieder groß zu machen". Aber so richtig "out" sind die USA trotz ideologischer Polarisierung im Inneren nicht. Im Gegenteil: Ihre technologische, ökonomische und militärische Macht wirkt weiter. Auch kulturell sind sie ein Jungbrunnen geblieben.

Für Europa sah es vorübergehend so aus, als könnte sich die EU als eine auf Kooperation zwischen Nationalstaaten angelegte Macht als der "bessere Westen" profilieren. Doch die Europäer nutzten ihre Stunde nicht. Auch sie verharrten in provinzieller Nabelschau, zuckelten in bürokratischer Selbstgefälligkeit und kleinlichem Streit weiter. Die von der Regierung Bush forcierte Spaltung des Westens legte die Grenzen der europäischen Solidarität schmerzlich offen, zumal auch in der Alten Welt Paranoia, Populismus und medial geschürtes Misstrauen gegen "Staat und Eliten" metastasierten. Auch hier wurde narzisstisch "Identität" größer geschrieben als "Gemeinschaftsgeist" und "Solidarität".

Gemischt ist die Bilanz auch für die islamischen Länder. Der Arabische Frühling wirkte als Signal der Hoffnung. Doch der Wunsch nach mehr demokratischer Teilhabe und gesellschaftlicher Modernisierung ging in der stets präsenten, von Autokraten zynisch instrumentalisierten Terrorgefahr unter. Die Folge war: neue Furcht, neue Bürgerkriege, neue Ideologisierung – statt Partizipation, Autonomie, globalem Austausch auf Augenhöhe.

Die Welt blickte vor 25 Jahren am 11. September in den Abyssus, so wollen es die stürzenden Wasser in der Gedenkstätte am ehemaligen WTC in New York versinnbildlichen. Doch verfestigt die westliche Erinnerungskultur problematische Schlüsse. Kurz nach dem 11. September setzte Josef Joffe (im ZEIT-Leitartikel) den Anschlag mit einem "vergleichbaren Zivilisationsbruch" wie unter Hitler gleich; den Comiczeichner Art Spiegelmann erinnerte die Luft im südlichen Manhattan an den Geruch des Rauchs in Auschwitz. Ist nicht genau dies das Problem, dass wir Terroranschläge als Mini-Auschwitz deuten: als außerzivilisatorisch, nicht zu unserer Welt gehörig? Das New Yorker 9/11 Memorial verfolgt mit der emotionalen Identifikation mit den Opfern und deren Heroisierung einen Ansatz, der dem der Holocaust-Gedenkstätten ähnelt. Da verbietet schon die Pietät gründliches Nachfragen und selbstkritische Zweifel, wie sie in einer nüchternen historischen Analyse erfolgen sollten.

Vom Autor ist kürzlich erschienen: Die bipolare Nation: Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten, dtv 2026.