Menschen arbeiten auf einem Bücherstapel
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Bildung in Deutschland 2026
Bessere Beratung könnte gegen Ungleichheit helfen

Der diesjährige Bildungsbericht widmet sich Ungleichheit im Bildungssystem. Im Hochschulsektor könnte ein besseres Informationsangebot viel bewirken.

16.06.2026

Je nach sozialer Herkunft gibt es nach wie vor grundsätzliche Unterschiede bei Bildungsentscheidungen. Im Übergang von der Schule in ein mögliches Studium sind dabei weniger Leistungsunterschiede als vielmehr Kostenabwägungen und erwartete Erfolge oder Misserfolge ausschlaggebend – vor allem in weniger privilegierten Haushalten. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht "Bildung in Deutschland 2026", der am 15. Juni erschienen ist und unter anderem vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) erarbeitet wurde.

Selbst bei gleich guten Schulleistungen seien Studienberechtigte aus nichtakademischen Familien außerdem weniger davon überzeugt, in einem Studium erfolgreich bestehen zu können, führen die Autorinnen und Autoren aus. Auch die Frage, ob sich ein Studium später auszahlt, werde je nach sozialer Herkunft unterschiedlich beantwortet. Bemerkenswert sei zudem: Während Studienberechtigte aus akademisch geprägten Familien auch bei eher mäßigen Schulleistungen studierten, entschieden sich Studienberechtigte aus nichtakademischen Elternhäusern vor allem bei besonders guten schulischen Leistungen für ein Studium. Ob ein Studium angestrebt werde oder nicht, hänge somit vor allem von Kosten, den erwarteten Erträgen, Erfolgswahrscheinlichkeiten sowie den Bildungserwartungen der Eltern oder Freundinnen und Freunden ab.

Informationsangebote können Hemmschwelle senken

Um die entstehenden Ungleichheiten im Übergang zwischen Schule und Studium zu reduzieren, empfiehlt das Autorenteam in erster Linie, niedrigschwellige Informations- und Beratungsangebote zu schaffen. Interventionsstudien hätten gezeigt, dass selbst relativ kurze Beratungs- oder Informationsgespräche die Studierwahrscheinlichkeit bei Schülerinnen und Schülern aus nichtakademischen Familien erhöhen können.

Laut Bericht gilt dies ebenfalls für die Kostenfrage. Dass bis zu 70 Prozent der BAföG-berechtigten Studierenden keinen entsprechenden Antrag stellten, liege zum einen daran, dass sie fälschlicherweise glaubten, keinen Anspruch zu haben. Zum anderen fürchteten diejenigen, die um ihren Anspruch wüssten, oftmals die Komplexität des Antragsprozesses oder die daraus resultierenden Schulden. Die Rückzahlungsbedingungen seien ebenfalls vielen nicht klar. Auch hier, so das Autorenteam, hätten Studien gezeigt, dass "bereits wenige gut aufbereitete Informationen ausreichen, damit mehr anspruchsberechtigte Studierende BAföG beantragen".

Studierendenzahlen stagnieren, Studienzeiten verlängern sich

Nachdem die Zahl der Studierenden laut Bericht Mitte der 2000er-Jahre sprunghaft um eine Million angestiegen war, hält sie sich seit etwa zehn Jahren bei rund 2,9 Millionen. Auch die Anzahl der Studienanfängerinnen und -anfänger ist demnach relativ stabil bei knapp 492.000. Nach einem kurzzeitigen Anstieg durch wenige geburtenstarke Jahrgänge sei langfristig mit einer weiteren Stagnation beziehungsweise einem Rückgang der Anzahl inländischer Studierender zu rechnen, so die Prognose. Die Frage, wie das Hochschulsystem nachhaltig damit umgehen könne, sei bislang unbeantwortet. Aufgefangen werden die rückläufigen Studierendenzahlen dem Bildungsbericht zufolge zumindest in Teilen durch hohe Studiennachfrage aus dem Ausland.

Etwa 400.000 ausländische Studierende gebe es an deutschen Hochschulen. Sieben Prozent aller Bachelor-, 23 Prozent der Masterabschlüsse und 21 Prozent aller Promotionen würden von internationalen Studierenden erlangt. "Ohne die anhaltend hohe Nachfrage aus dem Ausland hätten insbesondere die Universitäten bereits deutlichere Rückgänge zu verzeichnen gehabt", erklären die Autorinnen und Autoren. Dr. Kai Maaz, Mitautor des Bildungsberichts und Leiter des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF), mahnte im Interview mit Jan-Martin Wiarda jedoch an, internationale Studierende als bloße Wachstumsstrategie für den deutschen Hochschulsektor zu betrachten. "Strategie kann auch bedeuten, bewusster zu steuern: Wen wollen wir gewinnen, wie begleiten wir diese Studierenden, und wie schaffen wir bessere Übergänge in den Arbeitsmarkt?", sagte er.

Der Anstieg der Zahlen inländischer Studierender in den 2000er-Jahren begründet sich, wie im Bericht ausgeführt wird, insbesondere darin, dass Studierende seit der Bolognareform und der Einführung konsekutiver Studiengänge länger im Hochschulsystem verblieben. "Die meisten Studierenden schließen an ihren Bachelor ein Folgestudium an und treten erst mit dem Masterabschluss in den Arbeitsmarkt ein", erklären die Autorinnen und Autoren. Die erhoffte Verkürzung der Studienzeiten habe sich nicht eingestellt.

Zudem verlängerten sich auch die Studienzeiten innerhalb der Studiengänge. Nicht einmal 30 Prozent der Studierenden würden demnach ihr Studium in der Regelstudienzeit abschließen. Die mittlere Gesamtstudiendauer an Universitäten liege bis zum Bachelorabschluss bei 8,4 Semestern, bis zum Masterabschluss bei 13,9 Semestern. Damit studierten Masterabsolventinnen und -absolventen fast ein Semester länger als jene, die die Universität vor der Umstellung der Abschlüsse mit einem Diplom oder Magister verlassen haben. "All dies trägt dazu bei, dass Hochschulabsolvent:innen dem Arbeitsmarkt immer später zur Verfügung stehen und die bereits jetzt spürbaren Auswirkungen des demografischen Wandels weiter verstärkt werden", ordnet das Autorenteam ein.

Die Gründe für die längeren Studienzeiten seien weitgehend ungeklärt. Es gebe, so wird im Bericht ausgeführt, jedoch Hinweise darauf, dass für viele Studierende umfangreichere Erwerbstätigkeiten aufgrund verteuerter Mieten eine Rolle spielen könnten.

Großes Studienangebot, wenig Orientierung

Ebenfalls in Folge der Bolognareform hat sich die Zahl der Studiengänge nahezu verdoppelt. In Deutschland gibt es demnach über 22.400 Studiengänge. Davon sehen mehr als 10.200 einen Bachelor und etwa 10.500 einen Master als Abschluss vor. Bei 1.700 handelt es sich um sonstige Studiengänge. Daraus resultiere – zusammen mit Unklarheiten über die eigenen Interessen – eine zunehmende Überforderung der Studienberechtigten. 2022 fühlten sich 35 Prozent der potentiellen Studierenden ein halbes Jahr vor Schulabschluss (eher) unzureichend über ihre Bildungsoptionen informiert. 2018 waren es noch 25 Prozent. (Eher) umfassend informiert fühlten sich 2025 nur 34 Prozent, während dies 2018 noch 41 Prozent angegeben hatten. Zu der breiten Auswahl an Studiengängen kämen andere Faktoren wie Zulassungsbeschränkungen, die lokal und studiengangsspezifisch unterschiedlich sind. Auch die Gebühren, die beispielsweise der Besuch einer privaten Hochschule mit sich bringt, sowie steigende Wohnkosten stellen laut Bericht zunehmend Hürden für Studienberechtigte dar.

Bei der Wahl des Studienfachs sei das spezielle Fachinteresse mit Abstand das wichtigste Motiv, betonen die Autorinnen und Autoren. Daneben spielten jedoch auch die Berufsaussichten eine Rolle. Insgesamt ziehen die MINT-Fächer (Mathematik, Ingenieur-, Naturwissenschaften und Technik) mit zusammengerechnet 40 Prozent die meisten Studienanfängerinnen und -anfänger an. Darauf folgen die Wirtschaftswissenschaften (23 Prozent) und die Sozial- und Erziehungswissenschaften mit 13 Prozent. Wie die Ergebnisse zeigen, ergeben sich in der Fächerwahl teilweise deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Während zum Beispiel die Ingenieurwissenschaften zu 72 Prozent deutlich von Studienanfängern geprägt sind, dominieren Studienanfängerinnen unter anderem zu 79 Prozent die Gesundheitswissenschaften. Relativ ausgeglichen ist das Verhältnis beispielsweise in den Wirtschaftswissenschaften (51 Prozent männlich, 49 Prozent weiblich) und Mathematik, Naturwissenschaften (46 Prozent männlich, 54 Prozent weiblich).

Zur Quote der Studienabbrüche können dem Autorenteam zufolge aufgrund geänderter Erfassungsbedingungen nur Aussagen für drei Kohorten von Studienanfängerinnen und -anfängern getroffen werden. Demnach brechen etwa zwölf Prozent ihr Bachelorstudium bis zum dritten Fachsemester ab. In den Lehramtsstudiengängen liegt die Abbruchquote demnach bei knapp acht Prozent.

Bildung in Deutschland 2026

Seit 2006 wird alle zwei Jahre der von Bund und Ländern geförderte Bericht "Bildung in Deutschland" als empirische Bestandsaufnahme für das deutsche Bildungswesen herausgegeben. Durch kontinuierliche, datengestützte Beobachtung und Analyse soll er nach eigenen Angaben Informationen für politisches Handeln aufbereiten. Der thematische Schwerpunkt des Berichts liegt in diesem Jahr auf "Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft".

Die am Bericht beteiligten Autorinnen und Autoren werden von Forschenden beraten und unterstützt. Institutionell beteiligt sind:

  • Leibniz- Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF)
  • Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE),
  • Deutsches Jugendinstitut (DJI)
  • Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW)
  • Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi)
  • Soziologisches Forschungsinstitut (SOFI), Georg-August-Universität Göttingen
  • Statistische Ämter des Bundes (StBA) und der Länder, vertreten durch das Hessische Statistische Landesamt (HSL) 
     

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