Licht fällt durch einen Türspalt auf einen gepflasterten Boden
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Standpunkt
Bildung erhellt blinde Flecken in der Weltsicht

Bildung hat nicht primär mit Leistung und Erfolg zu tun. Vielmehr lehrt sie uns, die Welt über das eigene Milieu hinaus zu sehen.

Von Jan Roß 04.06.2020

Die Schließung von Schulen und Universitäten in der Corona-Krise hat unsere Gesellschaft an die Bedeutung der Bildung erinnert. Man begriff auf einmal, welcher Schaden entsteht, wenn Kinder nicht mehr unterrichtet werden. Aber begriff man es wirklich? Manchmal klang es, als seien die Schulen vor allem als Verwahranstalten wichtig, damit die Erwachsenen ihrer erwerbstätigen Arbeit nachgehen können. Oder als bestehe das Hauptproblem des Unterrichtsausfalls für die Kinder darin, dass ihre späteren Karrierechancen beeinträchtigt würden. Es war eine mechanische, instrumentelle Sicht auf Bildung, die sich in solchen Einschätzungen zeigte. Eine im Grunde bildungsferne und bildungsfremde Sicht.

Denn was Bildung eigentlich tut, hat nicht in erster Linie mit Beruf und Leistung und Erfolg zu tun. Es ist viel fundamentaler, einfacher und menschlicher: Bildung lehrt uns sehen. Sie bricht die Enge unserer Routine und Beschränktheit auf, sie erweitert unser Einfühlungsvermögen und unsere moralische Phantasie. Was geschieht, wenn wir in der Schule oder im Seminar (oder auch später, als er­wach­se­ne Leser oder Theaterbesucher) mit einem "Klassiker" konfrontiert werden? Mit der "Antigone" des altgriechischen Tragödiendichters Sophokles oder mit William Shakespeares "Hamlet"? Mit Werken, die vor 500 oder 2.500 Jahren geschrieben wurden, mit deren Helden wir uns auf den ersten Blick überhaupt nicht identifizieren können – und denen wir doch unsere Zeit und Mühe widmen sollen?

Bildung: Neue Ideen, andere Weltbilder

Es ist eine Begegnung mit dem Fremden und mit dem Vergangenen, mit Ideen, auf die wir selbst nicht gekommen wären, und mit Weltbildern, die uns irritieren. In einer Gegenwartskultur, in der man sich sonst in Blasen und Milieus bewegt, in der man bei Amazon die Lektüren empfohlen bekommt, die dem zuletzt gekauften Buch am ähnlichsten sind, und sich bei Netflix sein eigenes Lieblingsprogramm zusammenstellt, zwingt Bildung uns, unsere bequemen kleinen Welten zu verlassen. Nach draußen zu treten, ins Freie, Unbekannte, Unbehagliche.

Am Ende besitzt Bildung daher eine moralische Qualität. Die englische Schriftstellerin George Eliot hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts den höchsten Zweck von Kunst und Literatur in der "Ausdehnung unserer Sympathien" gesehen. In einer Epoche, in der die Privilegierten sonst vom Leben der kleinen Leute nicht viel wissen wollten, brachten realistische Romane und Gemälde bürgerliche Leser und Kunstfreunde dazu, das Schicksal der Arbeiterschaft wahrzunehmen und sich damit zu befassen. Wir mögen in einer weniger klassendünkelhaften und seelisch vernagelten Gesellschaft leben als die Menschen des viktorianischen Zeitalters. Aber blinde Flecken hat unsere Weltsicht immer noch, vielleicht nicht einmal weniger als früher. Bildung ist die Instanz, die uns unsere Borniertheit nicht durchgehen lässt.

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