Eine Frau sitzt an ihrem Schreibtisch und versucht, sich mit einem Eimer Wasser und nassen Tüchern vor Überhitzung zu schützen.
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Klimawandel
Der Einfluss von Hitze auf das menschliche Wohlbefinden

Eine Studie zeigt: An heißen Tagen steigt die Wahrscheinlichkeit für ängstliche oder depressive Symptome. Was braucht es für mehr Hitzeschutz?

Von Christine Vallbracht 30.07.2026

Nach der historischen Hitzewelle im Frühsommer 2026 unterstrich der Deutsche Städtetag (DST) in einem Beschluss vom 25. Juni, Klimaschutz und Klimaanpassung sollten als kommunale Kernaufgaben verankert werden. Eine verlässliche unterstützende Finanzierung durch den Bund und die Länder sei jedoch notwendig, damit die kommunale Finanzkrise die Klimaanpassung nicht gefährde. 

Bundesumweltminister Carsten Schneider verwies in einem Interview mit dem Deutschlandfunk nur wenig später darauf, dass die Länder aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität in den kommenden zwölf Jahren jährlich gut 8,3 Milliarden Euro abrufen können, die auch für Maßnahmen des Hitzeschutzes einsetzbar seien. 

In Deutschland liegt die Verantwortung für regional angepasste Hitzemaßnahmen und Hitzeaktionspläne (HAP) als sogenannte freiwillige Leistung bei Ländern und Kommunen. Sie bündeln kurzfristige Warn- und Schutzmaßnahmen sowie mittel- und langfristige Schritte. Eine bundesweite Verpflichtung zur Erstellung solcher Pläne besteht derzeit nicht. 

Warum braucht es mehr Hitzeschutz? 

Es brauche "noch mehr Dynamik" im Klimaschutz, um die Gesundheit der Europäerinnen und Europäer besser zu schützen. Zu diesem Schluss kam ein internationales Forschungsteam aus 65 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für den "2026 Europe Report of the Lancet Countdown". Der Report verfolgt bereits zum dritten Mal die Entwicklungen in den Bereichen Gesundheit und Klimawandel in Europa. 

Die Zahl der Tage mit Gesundheitswarnungen vor extremer Hitze stieg laut Report beim Vergleich der beiden Zeiträume 1991 bis 2000 sowie 2015 bis 2024 um 318 Prozent an: Während im ersten Zeitraum an rund einem Tag jährlich eine Hitzewarnung ausgesprochen wurde, waren es im zweiten Zeitraum durchschnittlich 4,3 Tage. "Dies deutet auf eine rasche Zunahme jener Phasen hin, in denen das hitzebedingte Sterberisiko am höchsten ist", heißt es dazu seitens des Forschungsteams. Europa verzeichnet demnach einen starken Anstieg hitzebedingter Todesfälle, unsicherer Arbeitsbedingungen, von Ernährungsunsicherheit sowie Risiken durch klimasensible Infektionskrankheiten. 

Bereits 2024 habe es schätzungsweise rund 62.000 hitzebedingte Todesfälle in Europa gegeben. Besonders gefährdete Gruppen – darunter Säuglinge, ältere Menschen, Vorerkrankte, Personen aus einkommensschwachen Haushalten und im Freien tätige Arbeitskräfte – seien davon als Erste und am stärksten betroffen. Im selben Jahr habe in Europa während 182 Stunden, ein Rekordwert, mindestens ein moderates Hitzestressrisiko für Menschen bestanden, die leichten körperlichen Aktivität nachgingen. Laut Report sind dies 113 Stunden mehr im Vergleich zum Jahresdurchschnitt der Jahre 1991 bis 2000, was einem Anstieg um 166 Prozent entspricht. 

Wie reagiert der menschliche Körper auf extreme Hitze? 

Ein Forschungsprojekt der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Magdeburg untersucht gemeinsam mit der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin, Psychosomatik und Psychotherapie Heidelberg erstmals systematisch, wie hohe Temperaturen das psychische und körperliche Wohlbefinden beeinflussen. So geht es aus einer Pressemitteilung zum bisherigen Verlauf des mehrstufigen Projekts hervor. Von Interesse sei dabei auch, welche Faktoren Menschen zu wirksamem Schutzverhalten motivieren. Hintergrund seien Schätzungen für Deutschland, die bis Ende des Jahrhunderts einen Anstieg auf 12.000 bis 42.000 jährliche hitzebedingte Todesfälle prognostizieren. 

Mittels alltagsnaher Echtzeit-Befragung per Smartphone (Ecological Momentary Assessment, EMA) hat das Forschungsteam untersucht, wie Hitze unmittelbar mit psychischer und körperlicher Belastung zusammenhängt. Die Ergebnisse zeigen: Bereits ab 25 Grad nimmt das psychische und körperliche Wohlbefinden ab. An heißen Tagen steige die Wahrscheinlichkeit, dass die Befragten von ängstlichen oder depressiven Symptome berichteten. 

In einer weiteren Befragung wurde festgestellt, dass Risikowahrnehmung und Selbstwirksamkeit in einem engen Zusammenhang mit gezeigtem Schutzverhalten stehen. Eine besondere Rolle spiele dabei die Emotion, also ob Teilnehmende Hitze mit negativen Gefühlen verbanden. Aufbauend auf diesen Ergebnissen untersucht das Forschungsteam seit Sommer 2026 in einer Folgestudie, ob gezielte Informationen Menschen zu Schutzmaßnahmen motivieren können. Studienleiterin Juniorprofessorin Hannah Wallis führt aus: "Wir wollen verstehen, wann und wie Risikowahrnehmung im alltäglichen Leben einsetzt und zu Schutzverhalten führt, um die Entwicklung wirksamer Präventionsmaßnahmen für Hitzeperioden zu ermöglichen." 

Welche psychischen Auswirkungen eine Hitzewelle haben kann: Damit beschäftigt sich auch eine gerade erschienene länderübergreifende Meta-Studie im Fachjournal Nature Health. Die Forschenden fanden heraus, dass die Menschen nach einer Hitzewelle häufiger wegen psychischer Störungen und Verhaltensstörungen in ein Krankenhaus kamen, meldete die Deutsche Presse-Agentur (dpa). 

Die Fachleute der Monash University in Australien meinen laut dpa, eine mögliche Erklärung sei die erhöhte Ausschüttung von Cortisol und anderen Stresshormonen bei extremer Hitze. Das steigere die Reizbarkeit, Angst und kognitive Beeinträchtigungen – und könne zum Beispiel Schizophrenie und Persönlichkeitsstörungen verschlimmern. Andere Störungen traten den Forschenden zufolge nicht unmittelbar am Hitzetag vermehrt auf, sondern erst nach einigen Tagen, darunter Depressionen, bipolare Störungen, Angststörungen und Demenz. Dabei spielten vermutlich Faktoren wie Schlafstörungen durch Hitzenächte und anhaltender psychologischer Stress eine Rolle. 

Welche Gruppen von extremer Hitze am meisten betroffen sind 

Die aktuelle Hitzephase ab Mitte Juni hat nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) rund 5.100 Menschen das Leben gekostet. Die Zahl der Hitzetoten übertrifft demnach damit schon zur Jahresmitte die Werte ganzer Vorjahre deutlich: 2023 bis 2025 waren es im Schnitt 2.900 hitzebedingte Todesfälle pro Jahr. Die RKI-Auswertung basiert auf Daten des Statistischen Bundesamtes zu Sterbefällen und Lufttemperaturdaten von 52 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes. 

Laut aktuellem DAK-Hitzereport von Juli 2026 berichtet inzwischen fast jeder und jede Dritte von gesundheitlichen Beschwerden durch hohe Temperaturen. Frauen haben mit 40 Prozent fast doppelt so häufig Gesundheitsprobleme wie Männer (21 Prozent), heißt es in der Pressemitteilung zum Report. Zudem leiden demnach insbesondere 38 Prozent der in Großstädten lebenden Menschen an Gesundheitsproblemen. Die repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK zeige, dass Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit Schlafprobleme und Kreislaufbeschwerden am häufigsten vorkommen. 

Besonders betroffen von Hitzewellen sind laut Einschätzung der Befragten die Bereiche Pflege, Krankenhaus und Kinderbetreuung. Dabei sind Menschen von der Hitze sehr herausgefordert, die schwer körperlich arbeiten, etwa im Handwerk, auf dem Bau oder in der Produktion (89 Prozent), sowie im Pflegebereich (86 Prozent). Auch die Sorgen der Menschen vor dem Extremwetter steigen: Laut Umfrage machen sich knapp zwei Drittel große beziehungsweise sehr große Sorgen. Darüber hinaus halten drei Viertel der Befragten die aktuellen Hitzeschutzmaßnahmen für nicht ausreichend. 

Anstieg hitzebedingter Todesfälle auch in Deutschland

Im Europe Report 2026 werden besonders hitzegefährdete Bundesländer Deutschlands einzeln betrachtet. Demzufolge stieg in Baden-Württemberg die Zahl der hitzebedingten Todesfälle zwischen den Zeiträumen 1991 bis 2000 und 2015 bis 2024 um 174 Prozent an: von 3,5 auf 9,6 Todesfälle pro einer Million Einwohnerinnen und Einwohner. Das ist der stärkste Anstieg in Deutschland. In Brandenburg nahm die Zahl der Todesfälle im selben Zeitraum um 113 Prozent zu – also von 5,5 auf 11,7 Todesfälle pro Bevölkerungsmillion. 

Frühwarnsysteme für hitzebedingte Gesundheitsrisiken ordnen tägliche Temperaturen anhand eines neuen epidemiologischen Ansatzes Gesundheitsrisikokategorien zu, die auf der Wahrscheinlichkeit hitzebedingter Todesfälle basieren, heißt es im Länderreport Deutschland. Hessen verzeichnete demzufolge im Zeitraum 2015 bis 2024 im Vergleich zu 1991 bis 2000 den deutschlandweit stärksten Anstieg der Tage mit Warnungen vor extremer Hitze um 867 Prozent. Die täglichen Warnungen werden anhand des Anteils der täglichen Todesfälle kategorisiert, die auf Hitzebelastung zurückzuführen sind: Das heißt, die Anzahl der Tage mit einem Anteil von über 20 Prozent an hitzebedingten Todesfällen stieg in Hessen von 0,3 auf 2,9 Tage. 

Die Länderzahlen im Report spiegeln außerdem die zunehmende Hitzewellen-Exposition für Bevölkerungsgruppen mit einem erhöhten Risiko für hitzebedingte Erkrankungen und Mortalität wider. So verzeichnete beispielweise der Landkreis Dresden im Zeitraum 2015 bis 2024 im Vergleich zu 1991 bis 2000 den stärksten Anstieg bei Säuglingen unter einem Jahr mit einem Zuwachs von 364 auf 1.598 Tage Hitzewellen-Exposition. Der Landkreis Saale-Holzland weist im selben Vergleichszeitraum den stärksten Anstieg bei der Hitzewellen-Exposition bei Erwachsenen über 65 Jahren auf: Der Zuwachs um 487 Prozent entspricht einer Erhöhung von ursprünglich 83,5 auf rund 490,2 Tage. 

Welche Maßnahmen in Städten und Gemeinden versprechen den größten Nutzen? 

Das Science Media Center (SMC) hat Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft gefragt, wie Deutschland Hitzeschutz wirksam umsetzen kann. Henny Annette Grewe ist Professorin im Ruhestand am Fachbereich Pflege und Gesundheit an der Hochschule Fulda – University of Applied Sciences. Grewe sieht den größten Wirkungsgrad in Maßnahmen, die den menschlichen Körper vor zu viel Hitze schützen: "Konkret bedeutet dies: Städte kühler machen, Gebäude kühler machen – insbesondere Krankenhäuser und Pflegeheime, aber auch Aufenthaltsorte vulnerabler Gruppen, die nicht in solchen Einrichtungen betreut werden." Da dies nicht schnell umgesetzt werden könne, werde es in den kommenden Jahren nötig sein, während Hitzewellen zusätzlich gezielte Maßnahmen zum Schutz derjenigen Bevölkerungsgruppen zu ergreifen, die sich nicht selbst schützen könnten. 

"Konkret bedeutet dies: Städte kühler machen, Gebäude kühler machen."
Henny Annette Grewe, Professorin im Ruhestand, Hochschule Fulda

"Mehr Stadtgrün, Entsiegelung, Wasserflächen, Verschattung, klimaangepasste Freiräume und modernes Regenwassermanagement erhöhen gleichzeitig den Schutz vor Hitze, Trockenheit und Starkregen", heißt es im DST-Beschluss für mehr Hitzeschutz und Klimaanpassung. Doch der Umsetzungsstand in den einzelnen Kommunen ist sehr unterschiedlich. 

Professorin Juliane Albrecht, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich "Gebaute Umwelt – Ressourcen und Umweltrisiken" am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden, stellt gegenüber SMC fest: "Eine wachsende Zahl an Kommunen verfügt mittlerweile über Hitzeaktionspläne. Diese liegen in Deutschland allerdings keinesfalls flächendeckend vor, obwohl die 93. Gesundheitsministerkonferenz durch Beschluss von 2020 deren Erstellung innerhalb eines 5-Jahreszeitraums für erforderlich angesehen hat." Knapp die Hälfte der Bundesländer habe derzeit ebenfalls solche Pläne. Ein bundesweiter HAP, der sämtliche Kernelemente des Hitzeschutzes auf Bundesebene abdeckt, fehle jedoch bisher und erscheine daher sinnvoll, so Albrecht. 

"Es geht nicht nur um ein Blümchen oder Bäumchen irgendwo, sondern um eine fundamentalere Aufgabe Städte, ländliche Räume und Infrastrukturen hitzeresilienter zu gestalten."
Professor Jörn Birkmann, Universität Stuttgart

Professor Jörn Birkmann ist Leiter des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung (IREUS) an der Universität Stuttgart. Er hält die Finanzierung von Hitzeschutz für elementar: "Wenn wir als Industrieland bei zukünftigen Hitzewellen – die häufiger und intensiver werden – die Autobahnen, die Fernzüge oder auch andere wichtige Infrastrukturen und Dienstleistungen nicht mehr gewährleisten können, dann haben wir ein echtes Problem. Das heißt es geht nicht nur um ein Blümchen oder Bäumchen irgendwo, sondern um eine fundamentalere Aufgabe Städte, ländliche Räume und Infrastrukturen hitzeresilienter zu gestalten." Hitzeaktionspläne seien zwar gut, aber in Teilen stark auf Maßnahmen im Hitzeereignis bezogen. Es brauche auch eine vorrausschauende Planung sowie konkrete Schutzziele und Standards. Grundlegende Daseinsfunktionen müssten bei extremer Hitze ebenso noch funktionieren wie sensible und kritische Infrastrukturen.