Wissenschaftliche Integrität
Der Fall Arday beschäftigt Großbritannien
Der Kanzler der Universität Cambridge, Lord Chris Smith of Finsbury, hat sich kritisch zum Umgang der Medien mit dem früheren Professor der Hochschule, Jason Arday, geäußert. Dieser sei Opfer einer rassistischen Hetzjagd geworden. Nachdem mehrere Wochen lang intensiv über Plagiatsvorwürfe und Zweifel an seinem Lebenslauf berichtet worden war, war der 41-Jährige tot in London aufgefunden worden. Zuvor hatte Arday am 5. August seinen sofortigen Rücktritt als Soziologieprofessor der Eliteuniversität mitgeteilt. Er wolle nicht länger im konstanten Rampenlicht stehen müssen, wo jeder Aspekt seines Lebens öffentlich bewertet würde, schrieb er. Erst 2023 war er zum jüngsten schwarzen Professor in der Geschichte der Universität Cambridge ernannt worden.
Die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtet unter Bezug auf die Metropolitan Police, dass der Tod Ardays als unerwartet eingestuft werde, es jedoch keinen Grund zu der Annahme gebe, dass ein Verbrechen vorliege. Zur Todesursache gebe es bisher keine offiziellen Angaben, der Fall würde weiter untersucht.
Zwei Tage bevor sein Tod festgestellt wurde, hatte Cambridge-Vize-Kanzlerin Professorin Deborah Prentice eine Untersuchung der Umstände von Ardays Berufung als Cambridge-Professor angekündigt. Die Universität war für ihren Umgang mit den Vorwürfen gegen Arday in die Kritik geraten. Zunächst hatte sie etwa am 2. August die Prüfung seiner Doktorarbeit im Verantwortungsbereich der Liverpool John Moores University gesehen, wo der Wissenschaftler promoviert wurde. Die Liverpooler Universität hatte die Dissertation bereits nach ersten Vorwürfen im vergangenen Jahr geprüft und für unproblematisch befunden. Am 5. August hatte die Universität Cambridge mitgeteilt, dass eine Untersuchung begonnen worden sei, nachdem neue Informationen zu Ardays akademischen Qualifikationen eingegangen waren. Details zur Untersuchung sollten nicht geäußert werden, die Universität bekräftigte zu diesem Zeitpunkt ihre Unterstützung für den Wissenschaftler.
Tausende fordern Aufklärung von Ardays Tod
Die britische Öffentlichkeit kommt seit Beginn der Debatte um Arday nicht zur Ruhe: Am Montagabend haben laut Bericht der BBC tausende Menschen an einer Mahnwache für Arday teilgenommen, die von der Aktionsgruppe "Stand Up to Racism" organisiert wurde. Über 100.000 Unterschriften hat eine Petition erhalten, die vom britischen Premierminister Andy Burnham eine öffentliche Untersuchung des Todes von Arday fordert. Die Organisation "Good Law Project" deutet in der Petition an, dass die Plagiatsvorwürfe gegen Arday deutlich größere mediale Aufmerksamkeit erhalten hätten als bei vergleichbaren Vorwürfen gegen weiße Menschen.
Auch Premierminister Andy Burnham sei über den Verlauf des Falls bestürzt. Bei einem Besuch in Cornwall beschrieb er ihn als "Tragödie auf so vielen Ebenen, vor allem aber für alle, die Jason kannten", berichtet die Nachrichtenagentur PA.
Cambridge-Kanzler beklagt rassistische Hetzjagd
Der Kanzler der Universität Cambridge möchte eine Trennung zwischen der Überprüfung der wissenschaftlichen Qualität einer Arbeit und persönlichen Angriffen gewahrt wissen: Es müsse möglich sein, Plagiatsvorwürfe in Verdachtsfällen gründlich zu untersuchen und sich gleichzeitig nicht "an einer rassistischen Hetzjagd gegen einen bestimmten Wissenschaftler zu beteiligen", sagte er laut der BBC.
Arday selbst hatte in einem Interview mit der Times Fehler in seinen wissenschaftlichen Arbeiten eingeräumt, diese jedoch mit seinem Autismus und seiner Lernschwäche begründet. Er beschrieb die Vorwürfe gegen ihn ebenfalls als rassistisch motiviert. In seinem Rücktrittsschreiben erläutert er, dass die Aufgabe seiner Professorenstelle nicht als Eingeständnis missverstanden werden sollte. Es handele sich um die Entscheidung von jemandem, der die Grenze dessen, was eine Person aushalten kann, erreicht habe.
Verdacht besteht mindestens seit vergangenem Jahr
Ardays Ernennung zum Professor der Universität Cambridge war als progressiver Meilenstein der Hochschule gefeiert worden. Die Geschichte, die Arday über seinen Aufstieg vom unterprivilegierten Kind ghanaischer Einwanderer erzählte, das zudem unter Autismus litt und erst im Alter von 11 Jahren sprechen und mit 18 Jahren lesen und schreiben lernte, faszinierte.
Doch seit Ende Juli wankte das Image des Akademikers. Ein Plagiatsverdacht, der übereinstimmenden Medienberichten zufolge intern schon länger bestand, sei breiter bekannt geworden, nachdem der ehemalige Mitarbeiter der Universität Cambridge, US-Forscher Nathan Cofnas, sie in seinem Newsletter thematisierte. Auch Unstimmigkeiten in Ardays Lebenslauf sprach Cofnas bereits an. Er hatte die Universität Cambridge selbst 2024 wegen Rassismus-Vorwürfen verlassen müssen. Der Journalist Jack Grove, der für Times Higher Education (THE) schreibt, hatte im vergangenen Jahr Belege für Plagiate in Ardays Doktorarbeit gesammelt, eine Berichterstattung war dann allerdings juristisch durch Ardays Anwälte gestoppt worden.
Rechtsgerichtete Zeitungen und Kommentatoren griffen Cofnas Kritik auf, wie die ZEIT zusammenfasst. Sie hätten versucht mit dem Fall die Gleichstellungspolitik der Hochschule zu diskreditieren. Der zugrundeliegende Vorwurf sei, dass Angehörige von diskriminierten Minderheiten nicht wegen ihrer Fähigkeiten eingestellt würden, sondern wegen ihres Hintergrunds.
Fall könnte auch für Cofnas Folgen haben
Am 20. August teilte die Universität Gent mit, dass sie einen Mitarbeitenden suspendiere, der mit dem Fall Arday in Verbindung stehe. Cofnas Name wird dabei nicht genannt, aber er ist aktuell als Postdoktorand am Department of Philosophy and Moral Sciences der Hochschule tätig und hat die Suspendierung in einem Post auf der Plattform "X" erwähnt. Demnach rechne er mit einer Kündigung.
Im Falle des betroffenen Mitarbeiters sei eine vorläufige disziplinarische Untersuchung begonnen worden, so die Hochschule. Es werde geprüft, ob ausreichende Gründe vorlägen, die Angelegenheit zur weiteren Prüfung an die zuständige Disziplinarinstanz weiterzuleiten. Bereits am 19. August hatte die Rektorin der Universität Gent, Professorin Petra de Sutter, gemeinsam mit dem Vizerektor Professor Herwig Reynaert Bezug auf Arday genommen. Die Universität sei entsetzt von dessen Tod. Sie halte Werte wie den Respekt vor der Menschenwürde und das Ablehnen von Rassismus, Hass und Diskriminierung hoch. Die Wissenschaftsfreiheit fände ihre Grenzen im Schutz der Rechte von anderen.
Bereits im März hatten über 300 Mitarbeitende und Studierende einen offenen Brief an die Hochschulleitung verfasst, in dem sie die Anstellung Cofnas kritisierten und der Hochschule vorwarfen, ihren eigenen Verhaltenskodex zu verletzen. Das geht aus einem Bericht des Onlinemagazins Times Higher Education hervor. Zum damaligen Zeitpunkt hatte die Hochschule die Anstellung Cofnas als Ergebnis eines korrekt geführten Auswahlprozesses verteidigt. Er sei der am besten geeignete Kandidat gewesen.
Auch der US-Botschafter in Belgien, Bill White, meldete sich am Freitag ebenfalls auf "X" zu Wort und verteidigte Cofnas. Die Vertretung der Vereinigten Staaten in Belgien verurteile das Verhalten der Universität Gent gegenüber dem amerikanischen Wissenschaftler, postete der Botschafter. Die US-Regierung überprüfe ihre Beziehungen zur Hochschule, denn sie habe kein Interesse daran mit "korrupten Institutionen" zusammenzuarbeiten, die wie "ein Mob" nach einem "Sündenbock" suchen oder solches Verhalten belohnen. Cofnas habe seiner Darstellung zufolge versucht, Lügen, Betrug und falsche Ideologien zu entlarven.
aktualisiert am 24.08.2026 um 13.30 Uhr [Ergänzung um Absätze nach der Zwischenüberschrift "Fall könnte auch für Cofnas Folgen haben"], zuerst veröffentlicht am 18.08.2026
cpy