Arbeitsplatz mit Laptop, mehreren Tassen Kaffee, einer Brille und zerknülltem Papier
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Wissenschaft und Muße
Der Nutzen als Götze

Zentrale Aspekte von Wissenschaft geraten mit der Ökonomisierung und dem Produktivitätszwang ins Hintertreffen. Die Folgen sind beträchtlich.

Von Andreas Kirchner 16.05.2021

In den Anfängen der Wissenschaft wusste Aristoteles vor über 2300 Jahren zu berichten: "Als alles Lebensnotwendige erworben war, da wurden die Wissenschaften gefunden. … Dies geschah zuerst in den Gegenden, wo man Muße hatte. So bildeten sich in Ägypten zuerst die mathematischen Wissenschaften aus, weil dort die Priester Muße hatten." Muße, die Freiheit von Zwang, Notwendigkeit, Zeitdruck und Pflicht, eröffnet Freiräume der Auseinandersetzung mit Fragen und Gegenständen, weil man über die eigene Zeit ohne fremde Ansprüche und Erwartungen verfügen kann. Das "nützliche" Ergebnis ist dabei nicht länger Bedingung, sondern höchstens Nebenprodukt einer grundsätzlich selbstzweckhaften Beschäftigung.

Fragen nach der Wissenschaft

Im Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern darüber, was Wissenschaft ausmache und was sie brauche, lässt sich beobachten, dass Muße in den heute gepflegten Wissenschaftskonzepten nur selten eine Rolle zu spielen scheint. Wenn es um theoretische und praktische Bedingungen von Wissenschaft geht, ist mittlerweile neben Begriffen wie Methode, Rationalität, Objektivität, Freiheit vor allem von Finanzen, Technik und Strukturen et cetera die Rede. Auffällig häufig provoziert die Frage nach der Wissenschaft, ihrem Wesen und ihren Anforderungen, Klagen über den alltäglichen Wissenschaftsbetrieb. Da werden überbordende Verwaltung, Evaluation, Rankings, Wettbewerb und Konkurrenz um Mittel, Stellen und Prestige beklagt, sowie die fortschreitende Ökonomisierung, Optimierung und Effizienzausrichtung, ein ständiger Publikations-, Leistungs- und Ergebnisdruck, nicht zuletzt die Prekarisierung der (sogenannten) Nachwuchswissenschaftler, der Dünkel und die strengen Hierarchien der Statusgruppen.

Das betrifft auch den wissenschaftlichen Habitus selbst: Wer gehört werden wolle, müsse heute laut sein, nicht ruhig, abwägend und genau. Empirische Untersuchungen belegen den Trend, demzufolge heute eine "Abkehr von einer Ausrichtung der Wissensproduktion auf inhaltliche Fragestellungen und Problemlagen und eine Hinwendung zu strategischen, nachfrageorientierten Thematiken" feststellbar ist. Dabei gewinnen "managerielle Kompetenzen und zweckrationale Praktiken als Passungs- und Kompetenzmerkmal" für Professorinnen und Professoren zunehmend an Bedeutung (Lenger 2017). Wissenschaftler werden demnach zu Wissensverwaltern und Managern, die Wahrheits- und Wissenssuche tritt zunehmend in den Hintergrund.

Aufgrund der COVID-19-Krise gewinnt Muße neuerlich an Brisanz. Einerseits führt die aktuelle Situation dazu, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Entlastungserfahrungen berichten, weil Präsenzformate und Verwaltungsaufgaben wegfallen und die Terminflut abebbt. Andererseits ergeben sich aber zusätzliche Belastungen, die sich nicht allein auf die allgemeinen gesellschaftlichen Problemfelder (Kinderbetreuung, Homeschooling, Pflege von Angehörigen et cetera) beschränken. So sind etwa ein Digitalisierungsdruck, ein erschwerter Ressourcenzugriff, thematische Verengungen und Rückstellungen nicht "systemrelevanter" Forschungsfelder auszumachen. In der Pandemie zeigt sich zwar einerseits exemplarisch anhand der beeindruckend schnellen Entwicklung von Impfstoffen, was mit dem entsprechenden politischen Willen, mit Kooperation und finanziellem Einsatz in der Wissenschaft möglich ist. Doch es wäre naiv, das allein als Beleg einer wissenschaftlichen Potenz stehen zu lassen. Der Preis für den Erfolg ist enorm – und er wird vor allem von Disziplinen und Akteuren gezahlt, die gerade nicht im Fokus stehen und unmittelbar zur Lösung der Krise beitragen (vergleiche OECD Science, Technology and Innovation Outlook 2021).

Innere Struktur von ­Wissen­schaft

Dass aber auch in der Zeit der vielleicht "größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" über Muße nachgedacht werden sollte, wird klar, wenn man versteht, dass es mit ihr keinesfalls um einen Freizeit- und Erholungswunsch, sondern um die innere Struktur von Wissenschaft selbst geht. Wo immer Wissenschaft auf Nutzen hin "rationalisiert" und funktionalisiert wird, wird sie zum Dienstleister und gibt ihr Wesen preis, die Erkenntnis- und Wahrheitssuche als Selbstzweck. Die Nützlichkeit des Unnützen (Nuccio Ordine) hat sich in der Wissenschaftsgeschichte überhaupt meist erst im Nachhinein erwiesen. Kaum ein Wissenschaftler, der Großes geleistet hat, hatte einen Nutzen dessen, was er erforscht hat, im Blick. Schon Thales musste gegen den Spott, sich mit unnützen Betrachtungen abzugeben, angehen – und hatte erst Ruhe, als er nebenbei ein Vermögen durch seine Beobachtungen verdiente. Wie er folgten die Wissenschaftler aller Zeiten zuvorderst und meist ausschließlich ihrem Wissensdurst. Der Nutzen, dieser Götze gewordene Kleingeist, schickt sich an, sich als letzte Maßzahl der Wissenschaft aufzuspielen – und ist doch ihr größter Widersacher, weil er Neugier und Entdeckergeist entgegensteht, wenn er zur Bedingung von Forschung wird.

Was wäre, wenn nicht der Forschergeist und das Wissenwollen, der bloße Erkenntnisdrang Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Antrieb gewesen wäre? Was, wenn Newton, der einigen Anteil an der Ökonomisierung der Wissenschaft hat, nicht die Freiheit gehabt hätte, unter dem Apfelbaum sitzend nachzudenken, ohne sich selbst und anderen Rechenschaft über den Nutzen seiner Gedanken geben zu müssen? Wissenschaften "produzieren" ein Wissen, das in vielerlei Hinsicht nützlich werden kann. Serendipität (zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist) braucht den freien Geist, das Ausprobieren, Beobachten und Abschweifen. Aktuelle Wissenschaftsentwicklungen hin zu Kontrolle, Effizienzsteigerung, Wirtschaftlichkeit, Planbarkeit erschweren oder verunmöglichen diese Freiheit. Das "lineare" ökonomistische Wissenschaftsverständnis zwingt die Komplexität wissenschaftlicher Prozesse mit Gewalt in enge Bahnen.

Sinn von Wissenschaft

Muße ist eine wesentliche "Vorbedingung der schöpferischen geistigen Leistung", und es sollte Ziel der Kulturentwicklung sein, sie "möglichst vielen zuteil werden zu lassen, anstatt sie noch denjenigen wegzunehmen, die über sie verfügen" (H.J. Störig). Es wäre ratsam, die Frage nach dem Sinn von Wissenschaft, statt die nach ihrem Nutzen zu stellen. Damit behielte auch das Scheitern in der Wissenschaft seine Berechtigung. Schließlich ist Wissenschaft weniger eine Geschichte von Erfolgen als vielmehr von Krisen, Misserfolgen, Irrungen, mutigem Versuch und Fehlern. Scheitern zu dürfen ist ein hohes Gut der Wissenschaft. Nimmt man die Erkenntnis- und Wahrheitssuche als Selbstzweck ernst, hat der Erfolg dem Misserfolg nichts voraus. Muße bereitet der Wissenschaft den Grund, weil sie dem leidenschaftlichen Suchen nach Antworten und Wissen ohne jeden Zwang Raum gibt und dem Ausgang gegenüber unvoreingenommen bleibt. Die Atemlosigkeit der Wissenschaft heute sollte uns daher endlich zu denken geben.

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