Wissenschaftsspionage
Deutlich mehr Visaanträge aus China abgelehnt
Die Zahl der abgelehnten Visa von Forschenden und Studierenden aus China erreicht jährlich einen dreistelligen Wert. Das berichteten der Westdeutsche Rundfunk (WDR), Norddeutsche Rundfunk (NDR) und die Süddeutsche Zeitung (SZ) am 10. September als Ergebnis einer eigenen gemeinsamen Recherche. Sicherheitsbehörden warnen seit Langem vor Wissenschaftsspionage.
Deutschland lehne inzwischen viele Visumanträge von chinesischen Forscherinnen und Forschern ab – dazu lägen nun erstmals konkrete Zahlen vor. Das zuständige Auswärtige Amt verweigere jedes Jahr einer dreistelligen Zahl an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus China die Einreise. Demnach sollen im vergangenen Jahr etwa 200 Anträge von promovierten Forschenden und ebenso viele von Studierenden abgelehnt worden sein.
Insgesamt habe Deutschland im Jahr 2025 rund 400 chinesischen Bewerberinnen und Bewerbern eine Absage erteilt, während rund 2.100 Postdocs und 8.800 Studierenden ein Visum für einen akademischen Aufenthalt erhalten hätten. Die Zahl der Absagen ist laut WDR, NDR und SZ im Vergleich zu den Vorjahren deutlich angestiegen – Forschenden und Studierenden aus anderen Ländern verweigere Deutschland mit Ausnahme des Irans die Einreise höchstens in Einzelfällen.
Sorge vor Wissensabfluss nach China
Grund für die gestiegenen Zahlen seien das Vormachtstreben der Volksrepublik in den Bereichen Wirtschaft, Militär und Wissenschaft sowie die Befürchtung deutscher Sicherheitsbehörden, dass Wissen nach China abfließen könnte. "Relevant ist insbesondere hoch spezialisiertes Know-how, das über das Wissen aus Studiengängen hinausgeht. Aus Sicherheitskreisen heißt es, dass sich die Zahl der Doktoranden und Postdocs an deutschen Forschungseinrichtungen in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt habe, auf derzeit etwa 5.000", erläuterte die SZ. Deshalb würden Sicherheitsbehörden wie das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) standardmäßig in die Prüfung der chinesischen Bewerbungen eingebunden.
Besonders relevant bewerte die chinesische Regierung Fachrichtungen wie die Luft- und Raumfahrt, Automationstechnik, Halbleiter, Biotechnologie, Quantenforschung sowie Präzisionsmaschinenbau. WDR, NDR und SZ weisen in ihrer Berichterstattung darauf hin, dass seit 2017 ein Gesetz alle Bürgerinnen und Bürger Chinas zur Kooperation mit dem Geheimdienst verpflichtet, so dass sämtliche Forschende und Studierende aus China in Deutschland als potentielles Risiko betrachtet werden. Auf besondere Hürden stießen Studierende von Hochschulen der "Seven Sons of National Defence": sieben chinesische Universitäten, die zwar als zivile Hochschulen deklariert, aber eng mit Militär und Rüstungsindustrie in China verbunden sind.
Die engmaschige Prüfung chinesischer Sicherheitsbehörden hätten Konsequenzen: Tricks, wie das Meiden von bestimmten Begriffen in Anträgen oder Visaanträge in weniger strengen Ländern im Schengenraum würden in Chats ausgetauscht. Zudem käme es sicher auch vor, dass nach zu strengen Kriterien entschieden würde und Personen, die den deutschen Wissenschaftsbetrieb hätten bereichern können, abgelehnt werden. Die SZ beschreibt das Beispiel einer chinesischen Ingenieurin aus dem Fachbereich Optischer Systeme, die für eine Jobofferte als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer deutschen Forschungseinrichtung aus Sicherheitsbedenken kein Visum erhalten habe. Die junge Wissenschaftlerin hat sich enttäuscht gezeigt: "Aus ihrer Sicht behindert die rigorosere Haltung der Deutschen den Fortschritt der Wissenschaft weltweit. Die komme nur durch gegenseitigen Austausch voran. Wenn der fehle, sei das ein Verlust für alle."
Plattform für Forschungssicherheit soll Standards setzen
Um sich besser gegen Wissenschaftsspionage zu schützen, plant die Bundesregierung die Gründung einer nationalen Plattform für Forschungssicherheit.
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), die Allianz der Wissenschaftsorganisationen und die Wissenschaftsministerien der Länder haben sich im Dezember 2025 auf Eckpunkte zur Stärkung der Forschungssicherheit und zum Aufbau einer Nationalen Plattform für Forschungssicherheit verständigt. Das hatte der Wissenschaftsrat im Anschluss berichtet. Das Feld sicherheitsrelevanter Gebiete sei gewachsen, die schwierigen Abwägungen überforderten einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Einrichtungen.
Die Nationale Plattform für Forschungssicherheit soll aus einem koordinierenden Lenkungsgremium und einer unterstützenden Servicestelle bestehen, die beim BMFTR angesiedelt werde. Eine Mandatierung durch den Nationalen Sicherheitsrat ist laut Wissenschaftsrat vorgesehen. Das Lenkungsgremium soll Wissenschaft und Politik gleichwertig repräsentieren und aus Vertretungen beteiligter Bundesministerien, Wissenschaftsministerien der Länder, der Sicherheitsbehörden und Allianzorganisationen bestehen.
Dazu erklärte der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Professor Wolfgang Wick: "Die Plattform wird wissenschaftliche Akteure schnell und unbürokratisch bei der Einschätzung von Risiken unterstützen und Orientierung schaffen für den Umgang mit kritischen Partnern in internationalen Kooperationen. Wir brauchen den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik, um Risiken einzuschätzen und um unseren Wissenschaftsstandort zu schützen."
Seit Anfang 2026 läuft die Feinkonzeption der Plattform, die laut Angaben des BMFTR von Anfang Juli noch im Herbst 2026 starten, anschließend europäisch und international vernetzt und ab 2027 voll einsatzfähig sein soll.
cva