Academic Freedom Index
Deutlich reduzierte Hochschulautonomie in den USA
Der diesjährige Bericht zum Academic Freedom Index (AFI) analysiert den dramatischen Rückgang der Autonomie der Universitäten in den Vereinigten Staaten von Amerika aus einer vergleichenden Perspektive. Das geht aus einer Pressemitteilung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vom 17. März hervor. Das AFI-Update 2026 präsentiert Daten, die einen Zusammenhang zwischen der institutionellen Autonomie von Universitäten und der individuellen Freiheit von Forschenden nahelegen.
Weltweit sei die institutionelle Autonomie vergleichsweise stabil, mit bemerkenswerten Ausnahmen in Demokratien mit Tendenzen zur Autokratie. Die Wissenschaftsfreiheit nehme indes überall auf der Welt weiter ab. In den letzten zehn Jahren habe sie sich in 50 Ländern verschlechtert, während nur neun Länder Verbesserungen verzeichnet hätten. Untersucht wurden zuletzt für den Bericht 2026 rund 180 Länder.
Einbußen bei der Wissenschaftsfreiheit seien auch in Demokratien zu beobachten: darunter in Ländern wie den USA, Griechenland, Finnland und Argentinien. "Weltweit ist der Rückgang in der individuellen Dimension der Wissenschaftsfreiheit und der Campus-Integrität am stärksten", teilt die FAU in ihrer Pressemitteilung mit. Im Gegensatz dazu gebe es weniger Länder, in denen die institutionelle Autonomie abnehme.
Institutionelle Autonomie schützt die Wissenschaftsfreiheit
Zwischen 2015 und 2025 habe die institutionelle Autonomie in 43 Ländern abgenommen, von welchen 21 vorwiegend in Europa, Nordamerika und Lateinamerika lägen. "Dies deutet auf eine besorgniserregende Schwächung der Hochschulautonomie in liberalen Demokratien hin", heißt es seitens der Erlanger Hochschule. Betroffen seien unter anderem Kanada, die Niederlande, die Schweiz und die USA – jedoch in sehr unterschiedlichem Ausmaß.
Entgegen der Argumentation einiger Forschenden sowie politischer Akteurinnen und Akteure wiesen die AFI-Daten keinesfalls darauf hin, dass eine starke Hochschulautonomie die Vielfalt von Ansichten und Forschungsansätzen unterdrücke, erläutert die FAU in ihrer Pressemitteilung. Stattdessen zeigten die Daten einen positiven Zusammenhang: je mehr institutionelle Autonomie, desto mehr individuelle Freiheit zu forschen und zu lehren. Umgekehrt sei zu beobachten, dass sowohl Universitäten als auch einzelne Forschende anfälliger gegenüber nicht-akademischem Druck würden, falls die institutionelle Autonomie geschwächt werde.
Fokus: Hochschulautonomie in den USA
Das diesjährige AFI-Update vergleicht die Entwicklung der institutionellen Autonomie in den USA mit den regionalen Durchschnittswerten für Westeuropa und Nordamerika zwischen 2015 und 2025. Die Analyse zeigt demnach deutlich, dass die Autonomie der Universitäten in den USA weit hinter die der Vergleichsgruppe zurückgefallen ist.
Der AFI-Bericht vergleicht die US-Entwicklung zudem mit ehemals demokratischen Ländern, die sich autokratisiert haben und heute nicht mehr als Demokratien gelten. In Indien, Ungarn und der Türkei sei es nach ursprünglich gut geschützter Wissenschaftsfreiheit im Zuge der Autokratisierung zu einem schleichenden Rückgang der institutionellen Autonomie gekommen. Dieser Verlust sei unterschiedlich stark ausgefallen. Im Gegensatz dazu sei die Hochschulautonomie in den USA vergleichsweise abrupt zurückgegangen: vom Indikatorwert 2,4 im Jahr 2024 auf 1,7 im Jahr 2025 auf einer Skala von 0 bis 4.
Dieser deutliche Einbruch innerhalb nur eines Jahres sei vor allem durch Maßnahmen der amerikanischen Bundesregierung verursacht worden. Der Rückgang hätte erstmals 2020 mit Maßnahmen einzelner Bundesstaaten eingesetzt. Diese Staaten setzten die Universitäten auch heute weiterhin unter Druck. Im Jahr 2019 habe der Wert für die Hochschulautonomie in den USA noch bei 3,3 gelegen – ein im globalen und regionalen Vergleich hoher Wert.
"Trotz der besorgniserregenden Aushöhlung der Hochschulautonomie in den Vereinigten Staaten hat sich durch rechtliche und institutionelle Gegenmaßnahmen Widerstand gebildet", meldet die FAU. Die Maßnahmen von Gerichten, von akademischen Akteurinnen und Akteuren sowie von zivilgesellschaftlichen Organisationen deuteten darauf hin, dass "diese gefährliche Erosion der institutionellen Autonomie" noch abschwächbar oder umkehrbar sein könnte.
Erläuterungen und Forderungen an die deutsche Bundesregierung
Wie die VolkswagenStiftung, Fördermittelgeber der AFI-Berichte, bereits zur Veröffentlichung des letztjährigen AFI-Berichts mitteilte, wird der "Wahlerfolg pluralismusfeindlicher Parteien" als mögliche Ursache für den Rückgang der akademischen Freiheit ausgemacht. Co-Autor und Direktor des V-Dem Institute Professor Staffan Lindberg sagte im Interview mit der ZEIT vom 17. März , dass noch nie ein größerer Anteil der Weltbevölkerung – 35 bis 40 Prozent – in Ländern gelebt habe, die sich autokratisierten. In dieser Hinsicht sei die gegenwärtige Zeit "schlimmer als die 1930er-Jahre". Auch die USA seien keine liberale Demokratie mehr.
"Der Rückgang der akademischen Freiheit ist in Deutschland und Österreich statistisch signifikant, jedoch nicht in einem wesentlich bedeutsamen Ausmaß", heißt es im aktuellen AFI-Bericht zur Entwicklung im DACH-Raum. Zu den heute veröffentlichten Ergebnissen des AFI 2026 erklärt Ayse Asar, Sprecherin für Forschung, Technologie und Raumfahrt der Partei Die Grünen: "Wenn eine Partei wie die AfD in Sachsen-Anhalt in ihrem Wahlprogramm die Abschaffung von Gender Studies fordert oder einzelne Forschungseinrichtungen mit Kampagnen und Anfragen gezielt unter Druck setzt, zeigt das, dass auch wir in Deutschland nicht vor autoritären Tendenzen gefeit sind." Die Bundesregierung müsse aus den Ergebnissen konkrete Konsequenzen ziehen. Der AFI sei "ein Weckruf". Nur eine stabile und dauerhafte Finanzierung mache Wissenschaft unabhängig und widerstandsfähig gegen politischen Druck.
AFI-Datengrundlage
Der AFI basiert auf einem Projekt von Forschenden der FAU in Zusammenarbeit mit dem Varieties of Democracy (V-Dem) Institut der Universität Göteborg. Das diesjährige Update basiert auf V-Dem Daten der Version 16. Die Version greift nach eigenen Angaben auf Bewertungen von 2.357 Länderfachleuten weltweit zurück. Das Datenmaterial ist öffentlich zugänglich und deckt den Zeitraum von 1900 bis 2025 ab.
Der aggregierte Index setzt sich aus fünf Indikatoren zusammen:
- der Freiheit von Forschung und Lehre,
- der Freiheit des akademischen Austauschs und der Wissenschaftskommunikation,
- der institutionellen Autonomie von Universitäten,
- der Campus-Integrität und
- der akademischen und kulturellen Ausdrucksfreiheit.
korrigiert am 19. März um 16:00 Uhr [Staffan Lindberg ist nicht Erstautor, sondern Co-Autor / die VolkswagenStiftung ist Fördermittelgeber / institutionelle Autonomie hat einen Indikatorwert / Kürzung Bezugnahme zum Vorjahresbericht 2025]; erstmals aktualisiert am 17. März [Ergänzung Grafik, Video und Absatz Erläuterungen]; erstmals veröffentlicht am 17. März
cva