Mauer mit Bild eines neuen Stadtgebiets
mauritius images/Jule Leibnitz

Architektur und Stadtplanung
Die Nachhaltigkeit im Blick

Das Bevölkerungswachstum stellt neue Herausforderungen an Städte und Stadtregionen. Fragen, die Wissenschaftler 2019 beschäftigen werden.

Von Vanessa Miriam Carlow 30.12.2018

Meine Arbeiten im Bereich nachhaltiger Stadtentwicklung mit dem Institute for Sustainable Urbanism (ISU), das ich seit Oktober 2012 an der Technischen Universität Braunschweig leite, sind sehr stark angetrieben durch Fragen, die in der Praxis auftauchen: In den kommenden 30 Jahren werden weltweit Städte und Stadtregionen für rund zwei Milliarden Menschen entstehen. Die Herausforderungen, denen Städte heute und zukünftig gegenüberstehen, sind enorm und überschreiten in ihren Ursachen und Folgewirkungen administrative und nationale Grenzen.

Das ist eine relativ neue Entwicklung in der Geschichte von Städten, sodass neue Ansätze einer nachhaltigen Mobilität, ressourcensparender Entwicklung und gesunder Lebens- und Arbeitsverhältnisse umso dringlicher sind. Angesichts der Herausforderungen und Potenziale nachhaltiger Stadtentwicklung im Spiegel von Urbanisierung, Globalisierung und Digitalisierung müssen meiner Einschätzung nach Lösungen immer stärker Kompetenzen, Ansätze und Methoden aus unterschiedlichen Disziplinen kombinieren.

Um dem begegnen zu können, hat die Technische Universität Braunschweig – hervorgegangen aus einer Graswurzelbewegung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus allen sechs Fakultäten unserer Universität – im Jahr 2015 den Forschungsschwerpunkt "Stadt der Zukunft" gegründet, einer von vier Forschungsschwerpunkten unserer Universität.

Hier arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Architektur, ebenso wie Natur-, Kultur- und Sozialwissenschaften, Ingenieurwesen, Informatik, Psychologie oder Philosophie. Seit der Gründung sind der Geoökologe Boris Schröder-Esselbach und ich Ko-Sprecher des Forschungsschwerpunkts, der unter der neuen Forschungs-Governance der TU Braunschweig ab dem 01. Januar 2019 noch deutlich an Gewicht gewinnen soll.

Stadtplanung: Viele Ansätze haben Ursprung im 19. Jahrhundert

Die Arbeiten des ISU sind in den Forschungsschwerpunkt eingebettet und fokussieren bislang insbesondere vier Schwerpunktthemen: So wollen wir ein besseres Verständnis der gebauten Welt – biotisch wie abiotisch – erlangen, indem wir die ihr zugrunde liegenden Flüsse aus Menschen, Waren, Ressourcen, Funktionen und Informationen analysieren. Dies ermöglicht beispielsweise eine neue Betrachtungsweise von Stadt-Land-Beziehungen und die Identifizierung von Ansätzen für deren holistische nachhaltige Entwicklung.

Auf der Grundlage der Analyse von Urbanisierungsmustern arbeiten wir an neuen Planungsinstrumentarien. Das ist relevant, weil viele formale Planungsansätze auf Ideen fußen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und der Realität oftmals nicht gerecht werden oder sogar negative Auswirkungen haben. Dies wird beispielsweise immer wieder an der Diskussion um Dichte in urbanen Agglomerationen deutlich. Hier spielen für uns auch neue Ansätze partizipativer Methoden eine Rolle.

Wir arbeiten an einem vertieften Verständnis der Wahrnehmung von Stadträumen durch ihre Nutzerinnen und Nutzer, denn die Akzeptanz von Architekturen, Infrastrukturen und öffentlichen Räumen und deren Zugänglichkeit trägt natürlich zu einer nachhaltigeren Entwicklung urbaner Agglomerationen bei.

Nicht zuletzt suchen wir nach Antworten auf die Frage der Zukunft der Arbeit in Städten, zum Beispiel nach Potenzialen der urbanen Produktion, Synergien mit anderen Prozessen in Städten herzustellen.
Hier arbeiten wir immer stärker mit Städten, Gemeinden und Kommunen zusammen. Wir haben mit unseren Partnerinnen und Partnern im Jahr 2018 sowohl eine Präsenz an der Tongji Universität in Shanghai als auch am A*STAR SIMTech in Singapur eröffnen konnten, in denen wir unsere Forschung gemeinsam vor Ort vorantreiben.

Digitalisierung ist ein Querschnittsthema für unsere Arbeiten. Die Verfügbarkeit und das Nutzen von Daten, aber auch datenbasierten Methoden erlaubt uns Urbanisten mit anderen Forscherinnen und Forschern in Austausch zu treten. Gerade aus der Kombination verschiedener, auch disziplinär erhobener Daten, und den Potenzialen mensch-zentrierter Daten entsteht die Möglichkeit, neue Schlussfolgerungen über die Entwicklung von Städten zu treffen und somit auch neue Ansätze für eine nachhaltige Entwicklung zu finden, die multi-disziplinär fundiert sind.

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