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Schönheit
"Die Verwerfung des Schönen ist Geschichte"

Die Philosophie ordnete dem Schönen lange einen festen Platz neben dem Guten und Wahren zu. Doch manchem schien das Schöne zu schön, um wahr zu sein.

Von Birgit Recki 25.08.2019

I. Der Begriff des Schönen

Auch in der Frage nach dem Schönen beginnt die Geschichte des methodischen Nachdenkens mit Platon. Das Schöne sieht er ganz generell in der angemessenen und wohlproportionierten Form (Philebos), als das ansprechend Gestaltete – und damit als den Gegenstand der Liebe, die er in der vielstimmigen Unterredung seines "Symposion" in allen ihren Formen untersucht hatte: von der sinnlichen Lust an schönen Körpern bis hin zum philosophischen Streben nach Wahrheit. Auffällig ist schon hier: Das Schöne und das Gute lassen sich unabhängig voneinander gar nicht bestimmen; sie bilden eine Einheit. Ihrer Kongruenz im wesentlichen Kriterium des "richtigen Maßes" entsprechend kann Platon auch einen Wirkungszusammenhang zwischen dem ästhetischen Eindruck der Schönheit und Tugend unterstellen: "Schönes bewirkt Gutes."

"Das Schöne und das Gute lassen sich unabhängig voneinander gar nicht bestimmen."

Der Dialog "Phaidros" macht dann in einem Mythos, der die überirdische Vorgeschichte des Strebens nach Schönheit einsichtig machen soll, deren Bedeutung für den Menschen anschaulich. Sokrates erzählt da die atemberaubende Geschichte vom Sturz aus der himmlischen Sphäre in das irdische Dasein und vom Verlust des Seelengefieders, den jede menschliche Seele hinter sich hat. Doch beim Anblick eines schönen Geliebten wird die Seele des Liebenden an den Glanz der Schönheit erinnert, die sie im Himmel zu Gesicht bekam. Die Wirkung des Schönen vergleicht Platon mit der einer balsamischen Flüssigkeit, die das abgebrochene Seelengefieder zu neuem Wachstum anregt. Dies ist gleich dem Durchbruch neuer Zähne von einem schmerzhaften Jucken begleitet. "Wachstumsjuckreiz am Seelengefieder" – eine eindrucksvolle Metapher für das Prickelnde, das Belebende, das Motivierende und Beflügelnde, das vom Anblick des Schönen ausgeht.

Es ist ein spekulativer Gedanke, den das anschauliche Gleichnis tragen soll: Das Schöne fördert das seelische Wachstum des Menschen; sein Reiz hält die Verbindung aufrecht zur Welt der Ideen, zur Wahrheit, zur Sphäre göttlichen Lebens. Durch die "Vermittlung des Schönen" hat die in unzulänglichen Bedingungen befangene Seele die Chance, dem in ihrem Vorleben geschauten Guten wieder näher zu kommen.

Seitdem hat das Schöne einen festen Platz in der abendländischen Philosophie. In den 2500 Jahren nach Platons Behauptung seiner Einheit von sinnlichem Charakter und transzendenter Funktion hält das Interesse am Schönen ebenso an wie das Fragen nach Raum und Zeit, Gott, Welt und Selbst, nach der Verlässlichkeit der Erkenntnis, dem guten Handeln, dem gerechten Staat. Alexander Gottlieb Baumgarten, der mit seiner "Aesthetica" (1750/58) der im Zeitalter der Aufklärung stark gewordenen philosophischen Disziplin ihren Namen gibt, begreift Schönheit als die Vollkommenheit der Erscheinung, die sich der sinnlichen Erkenntnis erschließt. David Hume richtet den methodischen Blick 1757 auf die Seele des Betrachters, in der die Schönheit liege. Ob wie bei Schiller Schönheit als "Freiheit in der Erscheinung" ausgezeichnet (1793) oder mit Hegel als das vorbildlich "Konkrete" gepriesen wird: als gelungene Entsprechung von Begriff und äußerer Erscheinung einer Sache (1823); ob man sie Ende der 1960er Jahre auf der Folie von Theodor W. Adornos kritischer Theorie der Gesellschaft als "Bann über den Bann", fragiles Zauberzeichen einer möglichen Befreiung vom "universalen Verblendungszusammenhang" der gesellschaftlichen Herrschaft begreift, oder 1977 mit Hans Georg Gadamer den aktualen Prozess ihrer Erfahrung in deren existentiellen Momenten von Spiel, Symbol und Fest als anthropologisches "essential" ausdeutet – wo immer sich bei allen Differenzen und Gegensätzen zwischen den Theorien die Denker der Tradition auf die Schönheit einlassen, da geschieht dies im Spannungsfeld eines humanen Selbstverständnisses und Weltverhältnisses zwischen theoretischer Neugierde und dem praktischen Bedürfnis nach Orientierung im Handeln.

Und allemal ist "Schönheit" ein Wertbegriff, in dem das höchste der Gefühle und die Eigenschaften seiner Gegenstände zum Ausdruck gebracht werden sollen. Im ästhetischen Begriff des Schönen artikuliert sich ein Höchstmaß an positiver Spannung und Appetenz im Selbstverständnis und Weltverhältnis des wahrnehmenden, empfindenden, erlebenden, seine Erfahrungen ordnenden und sich orientierenden Subjekts – eines Subjekts, das in der so angesprochenen Erfahrung zugleich den Suspens von der Anstrengung der begrifflichen Erkenntnis und des Handelns genießt. Schönheit gilt als die positive, die lustvolle Anmutung eines Gegenstandes der Wahrnehmung aufgrund seiner gelungenen Gestalt. Sie wird in der ästhetischen, auf die sinnliche Erscheinung eingehenden Erfahrung als harmonisch, anregend, begeisternd und erhebend und so als Motiv gesteigerter Aufmerksamkeit und Zuneigung erlebt. Sie wird als exemplarische Herausforderung an die besten Kräfte des Menschen erfahren, als Motivation und Glücksversprechen wie als Gunstbezeugung und metaphysische Bestätigung.

Seinen prägnantesten Ausdruck hat das dabei mitschwingende spekulative Interesse in der Untersuchung gefunden, die Immanuel Kant dem ästhetischen Urteil über das Schöne und seiner Bedeutung in einem vernünftigen Selbstverständnis widmet. "Die Schöne Dinge zeigen an, dass der Mensch in die Welt passe und selbst seine Anschauung mit den Gesetzen seiner Anschauung stimme", hatte es schon 1771 geheißen. In der "Kritik der Urteilskraft" (1790) verfolgt Kant in der Analyse der ästhetischen Reflexion über das Schöne als eines "freien Spiels der Erkenntniskräfte" die Argumentationsabsicht, dass der Mensch insofern in die Welt passt, als die Bedingungen, die er von sich aus mitbringt (die "Gesetze" seiner Anschauung), mit der Verfassung der Dinge (ihrer hier als objektiv von außen gegenübergestellten "Anschauung") übereinstimmen.

"Das 'freie Spiel der Erkenntniskräfte' angesichts des Schönen wird zum Indiz für den Zusammenhang von Natur und Freiheit."

Das "freie Spiel der Erkenntniskräfte" angesichts des Schönen wird ihm so zum Indiz für den Zusammenhang von Natur und Freiheit. Denn es sind "prima facie" in direkter Evidenz die "Schönheiten der Natur": Blumen, liebliche Landschaften, der Gesang der Nachtigall, das phantastische Meeresgetier und die Schönheit der Kristalle, die in ihren wie demonstrativen, dabei von menschlichen Entwürfen unabhängigen Formen dem Menschen als ästhetischem Betrachter das Gefühl vermitteln, "in die Welt zu passen". Doch die "Schönheit von Kunstwerken" muss ihn in selbstbewusster Reflexion auf die Bedingungen menschlicher Produktivität auf denselben Gedanken bringen: Selbst in diesen exemplarischen Produkten menschlicher Freiheit ist es Natur, die man als die bildende Kraft denken muss: "Genie ist die angeborne Gemüthsanlage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel giebt." Durch das in seiner Freiheit unerklärliche Schaffen des Künstlers ist nur auf eine andere, indirekte Weise angezeigt, "dass der Mensch in die Welt passe".

Es ist auch Kant, der am Urteil über das Schöne den Anspruch auf Allgemeingültigkeit behauptet. Ich würde den Gegenstand meines Wohlgefallens nicht "schön" nennen, so macht Kant geltend, wenn ich nicht den Anspruch hätte, die anderen müssten es bei gleicher Aufmerksamkeit ebenso sehen wie ich. Man muss hier die methodische Raffinesse sehen: Gesagt wird explizit nicht, dass es tatsächlich alle schön finden, sondern dass der Urteilende mit seinem Urteil ein "Ansinnen" verbindet: Die anderen sollen es auch schön finden. Womöglich liegt in diesem Anspruch auch eines der Motive für das Misstrauen gegen das Schöne, das in den ästhetischen Theorien des späten 20. Jahrhunderts so auffällig ist: Mit zunehmendem Einfluss relativistischer Einstellungen traut man sich (auch ohne die Verwechslung des normativen mit einem statistischen Begriff von Allgemeinheit) diese Allgemeingültigkeit ästhetischer Urteile nicht mehr zu.

II. Vertreibung – und Rückkehr des Schönen

Tatsächlich konnte über das Schöne in der philosophischen Ästhetik von den 60ern bis in die 90er Jahre nicht unvoreingenommen gesprochen werden. Es waren überwiegend gesellschafts- und ideologiekritische, ebenso überwiegend geschichtsphilosophische Vorbehalte, die in den Abgrenzungsritualen der ästhetischen Theorie des 20. Jahrhunderts gegen das Schöne geltend gemacht worden sind. Die Ästhetik definierte sich in dieser Zeit vorrangig als Philosophie der Kunst, und der Kunst sprach man in der Theorie wie in der Kunstkritik vorzüglich die Aufgabe der Kritik an der Gesellschaft zu – als Artikulation alles dessen, was an ihr unschön ist. "Die nicht mehr schönen Künste", wie sie 1968 von der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Poetik und Hermeneutik" mit Anspruch auf eine Epochendiagnose festgeschrieben wurden, schienen so auf Widerstand, Verweigerung, Provokationunddemonstrative Askese festgelegt. In Ignoranz der Humeschen und Kantischen Lehre, die Wirkung des stets individuellen Gegenstandes ästhetischer Betrachtung ernst zu nehmen und die Erfahrung von Schönheit auch am unscheinbaren oder sperrigen Gegenstand zuzulassen, konnten sich die Zeitgenossen das Schöne nicht anders vorstellen als gefällig im Sinne des Dekorativen – als Inbegriff der verlogenen Idylle.

"Der Kunst sprach man in der Theorie wie in der Kunstkritik vorzüglich die Aufgabe der Kritik an der Gesellschaft zu."

Die kritische Debatte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts scheint sich der paradoxen Parole verschrieben zu haben: "Schönheit ist zu schön, um wahr zu sein." Insbesondere den Denkern der "Postmoderne" galt das Erhabene als die angemessene Repräsentation des Zeitalters: die ästhetische Verfassung, die das Moment der Negativität integriert und den Betrachter seinen widerstreitenden Gefühlen aussetzt. Schönheit hätte ihren Geltungsanspruch verwirkt, weil es in der Welt so unschön zugeht. Ich bezeichne diese Position, deren methodisches Problem ihren Anhängern nicht bewusst war, als den "harmonistischen Fehlschluss in der Ästhetik". Gemeint ist damit die Unterstellung von Widerspiegelungsharmonie zwischen (ästhetischen wie theoretischen) Konzepten und Weltzuständen. Es ist dieser "harmonistische Fehlschluss" in der Ästhetik, der in die Verbindung zweier Thesen mündet: 1. "Das Kunstschöne hat in einer schlechten Welt nichts (mehr) zu suchen" und 2. "Angesichts dieser schlechten Welt wird das Kunstschöne zur ideologischen Behauptung, weil es suggeriert, dass die Verhältnisse schön wären".

Auffällig daran ist nicht allein die Naivität der Vorstellung, die Kunst und die ästhetische Theorie stünden zur Erlebniswelt ihrer Zeitgenossen in der Beziehung eines holistischen Abbildrealismus; sondern ebenso das unhaltbare historisch polarisierte Weltbild, das in der Epochen-Kritik am Schönen impliziert ist: als hätte Schönheit deshalb im Zentrum der klassischen Ästhetiken stehen können, weil es "damals" in der Welt so schön zugegangen wäre.

"Seit den späten 90er Jahren ist diese Verwerfung des Schönen zum Glück Geschichte."

Seit den späten 90er Jahren ist diese Verwerfung des Schönen zum Glück Geschichte. Elaine Scarry in dem vielgelesenen Büchlein "On Beauty and Being Just" (1999) und Arthur C. Danto in "The Abuse of Beauty" (2003) haben sich mit dem politischen Vorwurf gegen das Schöne, dass es ablenkte von den wahren Problemen, nämlich: von der Ungerechtigkeit sozialer Verhältnisse, scharfsinnig auseinandergesetzt. Während Scarry eine aktuelle Variante dessen auflegt, was Schiller 1793 "Ausbildung des Empfindungsvermögens" genannt hatte: der politischen Sensibilisierung durch das Schöne, vertritt Danto die an der Katastrophenerfahrung des 11. September 2001 erhärtete Überzeugung, dass die Menschen den Trost des Schönen nötig haben. Alexander Nehamas setzt 2007 in seinem Buch "Only a Promise of Happiness. The Place of Beauty in a World of Art" mit einer großen Rehabilitierung der Schönheit das Projekt der "Rückkehr des Schönen" fort. Der Bann über dem Schönen war gebrochen. Viele andere Autoren sind inzwischen gefolgt.