Eine Frau in Businesskleidung sitzt erschöpft mit geschlossenen Augen auf einer Treffe, während um sie herum Menschen von A nach B eilen.
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Interview
Endloser Stress, freie Tage, plötzlich krank: Leisure Sickness

Gesundheitswissenschaftlerin André macht im Gespräch zahlreiche Lösungsvorschläge. Ihre repräsentative Umfrage beleuchtet die Ursachen des Syndroms.

Von Christine Vallbracht 29.12.2025

Forschung & Lehre: Was unterscheidet eine "normale" Erkrankung im Urlaub oder an sonstigen freien Tagen von der sogenannten Leisure Sickness? 

Stefanie André: Eine klare Trennlinie gibt es da nicht. Bei Leisure Sickness handelt es sich im wissenschaftlichen Sinne um ein Phänomen, nicht um eine Krankheit. Ein Hauptaugenmerk liegt darauf, dass mit Eintritt in die freien Tage innerhalb der ersten 48 Stunden eine Erkrankung auftritt. Dann kann man das mit Leisure Sickness in Verbindung bringen. 

F&L: Was können Sie zum Ablauf der Leisure Sickness sagen? 

Stefanie André: Das Grundprinzip ist der plötzliche Übergang von einem langen Anspannungsmodus in einen Entspannungsmodus. Der Ausgleichseffekt, der im Körper, im Nervensystem, auf hormoneller und auf biochemischer Ebene stattfindet, kann die Infektanfälligkeit deutlich erhöhen, die Entzündungsmarker nach oben treiben und somit den idealen Nährboden für die unterschiedlichsten Krankheitssymptome herstellen. Das System tariert sich innerhalb von 48 Stunden wieder aus und gewöhnt sich langsam an die veränderte Situation. Dann fallen auch diese Marker normalerweise wieder. War man über Tage oder Wochen ohne Regenerationsmöglichkeiten zu stark im Anspannungsmodus, dann ist der Körper schlicht anfälliger für Erreger oder andere Formen von Krankheit.

Stefanie André ist Professorin für Gesundheitsmanagement und Studiengangleitung Master Gesundheitsmanagement an der IU Internationale Hochschule. Doris Schwingenheuer Fotografie

F&L: Was sind typische Anzeichen für dieses Phänomen, das auch als Poststress-Syndrom bekannt ist?

Stefanie André: Mir als Gesundheitswissenschaftlerin ist ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit oder eben Krankheit wichtig. Diese Zustände können auf drei Ebenen stattfinden: körperlich, psychisch-mental und auf der sozialen Ebene. Symptomatiken treten in diesen drei Feldern auf. Körperlich sind das Klassiker wie Erkältungserscheinungen, Infektanfälligkeit, Fieberschübe, Gliederschmerzen, Müdigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Migräne oder auch Konzentrationsprobleme. 

Im psychisch-mentalen Bereich sind es Formen von depressiven Verstimmungen oder Angstschübe und Panikattacken. Im sozialen Bereich zeigt sich das Phänomen in einer erhöhten Aggressivität oder fehlender Konfliktfähigkeit. Manche Menschen können plötzlich weniger gut mit unterschiedlichen Meinungen oder familiären Herausforderungen umgehen und geraten schneller aus der Fassung.

F&L: Warum bemerken die Menschen in der Stressphase das Erholungsbedürfnis nicht? 

Stefanie André: Die Wahrnehmungsfähigkeit für die Sprache des Körpers erhöht sich in der Regenerations- und Entspannungsphase. Befinde ich mich in einer stressverursachten Fight-or-Flight-Situation, ist es nicht zielführend, zum Beispiel auf einmal hungrig zu sein, die Nackenschmerzen oder die Knieprobleme zu realisieren. Ein hormoneller Cocktail grenzt deshalb die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen diesbezüglich ein. Er befindet sich sozusagen fokussiert in einem Tunnel. 

F&L: Sie haben kürzlich eine repräsentative Studie mit dem Titel "Leisure Sickness: Erschöpft statt erholt" durchgeführt. Welches Ergebnis hat Sie persönlich am meisten überrascht? 

Stefanie André: Es waren zwei Tatsachen, die ich sehr überraschend fand. Die Ursprungsforschung, die mal in Holland von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durchgeführt wurde, liegt über 20 Jahre zurück. Damals hatte man die Vermutung ausgesprochen, dass circa zwei Prozent der Bevölkerung regelmäßig Symptome der Leisure Sickness im Urlaub und an freien Tagen zeigen. Bei unserer Studie haben hingegen fast 80 Prozent der Teilnehmenden davon berichtet, im Urlaub oder an freien Tagen schon mal unmittelbar krank geworden zu sein. Bei circa einem Fünftel ist es so, dass das Phänomen regelmäßig oder immer auftritt. Dieser Anstieg war schon überraschend. 

"Man befindet sich quasi nie im Offline Modus."
Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement, IU

Beim genaueren Blick auf die Altersklassen war für mich unerwartet, dass gerade die jüngere Generation, also die unter 25-Jährigen, besonders stark betroffen sind. Zudem haben sie berichtet, dass sie in ihrer Freizeit nur wenige sinnstiftende Tätigkeiten erleben und sich selbst als wenig kompetent wahrnehmen, was ihre Regenerationsfähigkeit angeht. Nach einer ersten Überraschung war es allerdings sehr schnell aus gesundheitswissenschaftlicher und sozial-psychologischer Perspektive erklärbar. In den letzten Jahren hat sich unfassbar viel verändert. Insbesondere, was Themen wie Digitalisierung, Dauer der Techniknutzung, Erreichbarkeit und der "Always-on-Modus" angeht. Man befindet sich quasi nie im Offline Modus. Die jüngere Generation ist in dieser Welt sozialisiert. Das zeigt sich auch an ihrer fehlenden Regenerationskompetenz und der nicht vorhandenen Fähigkeit, offline zu gehen – sowohl im technischen Sinne als auch körperlich mental. 

F&L: Wie Sie eben erwähnten, erleben rund 19 Prozent der befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Leisure Sickness häufig selbst. Machen diese Personen etwas falsch? 

"Tatsächlich ist die Wahl der Regenerationsart sehr wichtig."
Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement, IU

Stefanie André: Leisure Sickness ist ein typisches Stressphänomen. Ob es einen trifft, hat viel mit individueller Resilienz, Coping-Strategien und einem grundlegenden Gefühl der Kohärenz zu tun. Also das, was der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky als Salutogenese bezeichnet hat. Fehlt tiefgreifende Erholung durch Dauerstress, neigen die Menschen zu ausgleichenden Verhaltensweisen wie abends drei Gläser Wein oder Zigaretten zu konsumieren, permanentes Scrollen am Handy, Streamen von Serien. Das sind alles beliebte Freizeitbeschäftigungen, aber sie haben leider einen verstärkenden negativen Effekt und bringen das vegetative Nervensystem nicht in eine Gesunderhaltung. Sie beruhigen das zwar kurzfristig, aber die wirkliche, gesund erhaltende Entspannung tritt nicht ein. Tatsächlich ist die Wahl der Regenerationsart sehr wichtig. Und dafür braucht es Kompetenz, die durch Bildung und transparenten Umgang damit erworben werden sollte. 

Aus meiner Public-Health-Perspektive ist es vorrangig ein systemisches Problem und somit eine generationsübergreifende, gesellschaftliche Aufgabe. Kürzlich wurde politisch erneut eine Leistungsdebatte losgetreten, die aus gesundheitswissenschaftlicher Perspektive nicht haltbar ist. Leistung wird in dieser Diskussion im Kontext von Arbeit über Präsenz und mehr Stunden und noch weniger Regeneration und Freizeit definiert. Entsprechend sind in dieser leistungsgetriebenen Gesellschaft aus Sicht der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber die Pausen reine Momente des Nichtstuns und der Schwäche. Deshalb werden sie reglementiert und auch zeitlich in Stein gemeißelt. Solche Regenerationszeiten reichen nicht aus. Streng genommen sind es reine Zeiten zur Befriedigung von Primärbedürfnissen. Da haben wir noch keine Minute in aktive Erholung gesteckt. Wenn ich von dieser Ausgangssituation ausgehe, ist es kein individuelles Fehlverhalten. 

F&L: Ihre Studienergebnisse zeigen, dass Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit und hohe Arbeitsbelastung klare Risikofaktoren für Krankheitssymptome an freien Tagen sind. Viele Personen aus dem Wissenschaftssektor finden diese in ihrem Alltag vor. Welche Faktoren im Wissenschaftsbetrieb könnten womöglich vorteilhaft zur Vermeidung von Leisure Sickness sein? 

Stefanie André: Meiner Einschätzung nach hat man im Wissenschafts-, und Lehrbetrieb etwas freiere Strukturen, die mehr Möglichkeiten für Regeneration und Erholung bieten. Wenn die Strukturen den Raum geben, dann wird es auch eine individuelle Aufgabe und persönliche Verantwortung, dass ich die Zeit aufbringe und auch das Selbstbewusstsein dafür habe, mir Erholungsphasen und den Off-Modus zu gönnen. 

F&L: Und welche Faktoren im Wissenschaftsbetrieb könnten Leisure Sickness befördern? 

Stefanie André: In erster Linie sind das der hohe Leistungsgedanke, da der Wissenschafts- und Forschungssektor sehr stark mit Deadlines arbeitet, sodass oftmals die Quantität von Publikationen vorgeht und somit die Erfordernisse der Reputation beziehungsweise der messbaren Außendarstellung. Es gibt eine Menge offizielle und inoffizielle Key Performance Indikatoren. Aus Perspektive der Frauen kommt noch dazu, dass die Arbeitszeiten, die Rahmenbedingungen und Anforderungen einer überholten, patriarchalen Struktur entspringen. Die Strukturen stammen aber aus einer Zeit, in der nur der Mann arbeiten gegangen ist. Frauen ist durch ihre faktische Mehrfachbelastung nicht möglich, diesen Strukturen ohne Überlastung gerecht zu werden. Sie haben dennoch mittlerweile eine hohe Relevanz im Wissenschaftsbetrieb. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass neue Marker für gute wissenschaftliche Arbeit geschaffen werden. 

F&L: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besitzen als Forschende klischeehafterweise Charaktereigenschaften wie Perfektionismus, Detailverliebtheit, Selbstvergessenheit oder Arbeitssucht. Inwiefern begünstigen diese Eigenschaften aus Ihrer Sicht die Anfälligkeit für Leisure Sickness? 

Stefanie André: Ich würde pauschal sagen, dass bei vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bezüglich Regenerations- und Erholungskompetenz tatsächlich eine Lücke klafft. Sie wissen nicht genau, was das eigentlich bedeutet und haben es nicht trainiert, so dass sie es jederzeit gut abrufen könnten. Man müsste ihnen den Mehrwert darstellen. Ganz häufig finden Menschen, wenn sie zur Ruhe kommen, das, was sie dann wahrnehmen, erstmal nicht gut. Sie beunruhigt womöglich, dass sie das Rauschen im Kopf wahrnehmen, die Verspannungen erkennen, das Bauchdrücken realisieren oder sich andere Symptomatiken zeigen, die sie bewusst schon länger ignoriert haben. 

Es ist quasi eine Vermeidungsstrategie, sich dieser erhöhten Wahrnehmung, dieser Sprache des Körpers zu widmen. Da hilft es nicht, wenn ich eine Workaholic-Person zu einer Stunde Meditation verpflichte. Sie würde womöglich innerlich die Nerven verlieren. Sie sollten begleitet in die Kommunikation mit ihrem Körper einsteigen und dann für sich ihren Weg finden. Was sind für mich die richtigen Erholungsstrategien? Für den einen ist es völlige Ruhe oder Schlaf, für manche ist es erholsam, 45 Minuten an die frische Luft zu gehen oder zu stricken oder zu singen oder sich auf ein gutes Gespräch mit einer Freundin zu treffen. Das Spektrum ist bunt, breit und total individuell gestaltbar. Aber wichtig ist, dass dieses bunte Buffet gesehen wird und dass ich in die Haltung komme, dass es für meine Gesundheit wichtig ist, es regelmäßig zu nutzen. 

F&L: Sie sind Expertin für Gesundheit am Arbeitsplatz. Akademikerinnen und Akademiker in frühen Karrierephasen fühlen sich häufig stark belastet, was sich teils auf eingeschränkte Entscheidungsbefugnisse, prekäre Beschäftigungsbedingungen und begrenzte Bewältigungsressourcen zurückführen lässt. Worauf sollte diese Berufsgruppe zur Prävention besonders achten? 

Stefanie André: Es ist natürlich eine äußerst ungünstige Ausgangsgrundlage, wenn weder das System etwas anbietet, noch der Mensch, der in dem widrigen System tätig ist, Kompetenzen mitbringt. Ich würde immer in erster Linie sagen, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in der Verantwortung sind, Menschen gesund am Arbeitsplatz zu halten. Das heißt gerade für junge Menschen, von denen wir heute ausgehen dürfen, dass sie mit weniger Erholungs- und Regenerationskompetenzen ausgestattet sind, sollte das in irgendeiner Form in den Curricula festgehalten werden. Das gilt für Studierende, Promovierende oder Postdocs gleichermaßen. 

"Mentale Gesundheit, Umgang mit Stress und Belastung und Fähigkeiten im Sinne der Regeneration gilt es zu schulen."
Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement, IU

Mentale Gesundheit, Umgang mit Stress und Belastung und Fähigkeiten im Sinne der Regeneration gilt es zu schulen. Wenn wir mitbekommen, dass andere auch etwas tun, dann fällt es uns psychologisch gesehen leichter, es auch zu tun. Offenheit und Kommunikation zu etablieren ist gerade für jüngere Menschen, die am Anfang stehen, hilfreich. Von der Universität als Arbeitgeberin würde ich erwarten, dass Pausenzeiten flexibilisiert werden und dass offen darüber gesprochen wird, dass diese Regenerationsanteile haben müssen. Es könnte zudem durchaus den Kodex geben, dass man in der Zeit von 20:00 Uhr abends bis 7:30 Uhr morgens keine Mails oder Nachrichten verschickt und so keine stillschweigende Erwartung kommuniziert. Ein Online-Yogakurs oder ein ergonomisch höhenverstellbarer Schreibtisch ändert erst mal nichts an einer fehlenden Pausen- und Regenerationskultur. 

F&L: Wie gehen Sie selbst damit um, über die eigenen Regenerationsbedürfnisse transparent zu kommunizieren – beispielsweise im Kollegium? 

Stefanie André: Ich kann tatsächlich zu 100 Prozent frei über meine Zeit entscheiden – ohne Kontrolle, wann ich meine Aufgaben verrichte. Und ich spreche über Mittagsschlaf, Quality Time mit meinem Sohn nach der Schule, Sequenzen von Gartenarbeit zwischen Aufgabenblöcken und einer Runde Kuscheln mit meiner Hündin Alma, wenn ich nach Stunden der Recherche und dem Schreiben einer Publikation keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. 

Bewährt hat sich für mich, den Abwesenheitsassistenten so zu timen, dass in unmittelbarer Nähe zum Urlaub keine neuen Vorgänge mehr angestoßen werden. So bleibt der Zeitraum frei von zusätzlichen Anfragen und ich kann Aufgaben geordnet abschließen beziehungsweise wieder aufnehmen, ohne dass sich ein unnötiger Rückstau bildet. Auch versende ich an wichtige Schlüsselpersonen aus Projekten und an meine Studierenden kurze Mails, in denen ich über meinen Urlaub informiere und dass ich in meiner Erholungszeit nicht arbeite. Damit blocke ich einen großen Anteil von E-Mails während meiner Abwesenheit ab. Und in meinem Abwesenheitsassistenten steht, dass E-Mails nicht gelesen und nicht beantwortet werden. Das sind Dinge, die müssen akzeptiert sein, die müssen auf Resonanz stoßen, damit man sie umsetzen kann. Das kann nicht bottom up geschehen, das muss top down gelebt und etabliert werden.

Self-Care-Serie im Dezember 

  1. Auftakt zur Beitragsserie (19. Dezember): 
    "Selbstfürsorge im Wissenschaftsbetrieb" von F&L-Redakteurin Christine Vallbracht
     
  2. Beitrag von F&L-Redakteurin Charlotte Pardey (27. Dezember):
    "So können Hochschulangehörige auf ihre Ressourcen achten", mit Erläuterungen von Gesundheitswissenschaftler Professor Nils Altner zu professioneller Selbstfürsorge 
     
  3. "Endloser Stress, freie Tage, plötzlich krank: Leisure Sickness" (29. Dezember):
    Interview von F&L-Redakteurin Christine Vallbracht mit Gesundheitswissenschaftlerin Professorin Stefanie André 
     
  4. Gastbeitrag von Professor Ralf Peter (30. Dezember):
    "Jünger Altern – Hope, Hype, Hybris, Heist oder Hoax?", Redaktion: Henrike Schwab