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Fields-Medaille 2026
Forschende fordern Zeremonie außerhalb der USA

Die Fields-Medaille wird jährlich in den USA als höchste Auszeichnung der Mathematik vergeben. Forschende fordern nun, den Ort der Vergabe zu ändern.

13.04.2026

Mathematikerinnen und Mathematiker haben die International Mathematical Union (IMU) aufgefordert, ihren für Juli geplanten Kongress aus Philadelphia und New York in ein anderes Land zu verlegen. Eine entsprechende Petition von März 2026 wurde bereits von über 2.000 Personen unterzeichnet, darunter viele ehemalige Rednerinnen und Redner des International Congress of Mathematicians (ICM).

Die Forschenden begründen ihre Forderung unter anderem mit der aktuellen Einreisepolitik der US-Regierung, durch die Teilnehmende möglicherweise Repressionen, "willkürlicher Schikane und körperlicher Gewalt" ausgesetzt sein könnten. Beim alle vier Jahre stattfindenden ICM wird die Fields-Medaille vergeben, die als höchste Auszeichnung des Fachs gilt. Die Unterzeichnenden verpflichten sich nun, "im Interesse der Sicherheit unserer Gemeinschaft und im Namen der Einheit unter Mathematikerinnen und Mathematikern weltweit", nicht am ICM teilzunehmen, sollten die USA Veranstaltungsort bleiben.

Ihre Befürchtungen leiten die Forschenden aus den Ereignissen der vergangenen Monate ab, in denen Personen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbilds von Beamten der Zoll- und Einwanderungsbehörde (ICE) angehalten und durchsucht wurden. Mehrere Personen starben im Gewahrsam von ICE. In der Petition beziehen sich die Unterzeichnenden zudem auf die destabilisierende Wirkung der US-Politik in der Welt, beispielsweise durch die Entführung des venezolanischen Staatschefs Maduro, ihre Blockade Kubas, die Anspruchshaltung gegenüber Grönland oder die Beteiligung am gegenwärtigen Krieg gegen den Iran.

Präzedenzfall 2022

Die Mathematikerinnen und Mathematiker untermauern ihre Forderung nach einem neuen Veranstaltungsort mit der Entscheidung von 2022, den ICM nicht in Russland stattfinden zu lassen. Damals seien Gründe der freien Meinungsäußerung, der Sicherheit von queeren Teilnehmenden sowie dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine angeführt worden. Angesichts der aktuellen Lage gebe es "schlichtweg kein stichhaltiges Argument dafür, dass internationale Teilnehmer bei dieser Ausgabe des ICM sicherer sind, als sie es 2022 in Russland gewesen wären."

Ila Varma, Mit-Initiatorin der Petition und Professorin an der Universität Toronto, wirft der IMU Doppelmoral vor, berichteten die Online-Magazine Inside Higher Ed (IHE) und Times Higher Education (THE). Die Verlegung des ICM 2022 sei nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine auf Boykott-Aufrufe hin erfolgt. Nach den Attacken der USA auf Venezuela und Iran solle das IMU nun dieselben Maßnahmen ergreifen.

Haynes Miller, emeritierter Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und ehemaliger Redner beim ICM, sagte gegenüber THE: "Die IMU muss ihren eigenen Präzedenzfall aus dem Jahr 2022 respektieren und ein Gastgeberland finden, das es möglichst vielen Mitgliedern unserer weltweiten Gemeinschaft erlaubt, sicher am ICM 2026 teilzunehmen."

IMU appelliert an Forschende, Zusammenhalt zu demonstrieren

Die IMU gab am 30. März in einer Stellungnahme an, sich voll und ganz dafür einzusetzen, "allen Teilnehmenden ein sicheres und einladendes Umfeld zu bieten", und habe "zusätzliche Vorkehrungen getroffen, um Risiken zu minimieren". Um was es sich dabei konkret handelt, führt sie in ihrem Statement nicht aus. Sie hob jedoch die Bedeutung des ICM in Philadelphia gerade in einer Zeit hervor, in der internationale Zusammenarbeit und Wissenschaft vor großen Herausforderungen stünden.

Das Zusammenkommen in Philadelphia ist nicht nur ein akademischer Akt.

Professor Jalal Shatah

Professor Jalal Shatah vom Courant Institute in New York schrieb stellvertretend für das Organisationskomitee auf der Website des Kongresses: "Das Zusammenkommen in Philadelphia ist nicht nur ein akademischer Akt, sondern auch eine Bekräftigung dessen, dass die Mathematik politische Spaltungen überwindet und dass unsere Gemeinschaft in ihren Werten geeint bleibt."

Unterstützung von Mathematischen Gesellschaften

Professor Jürg Kramer, Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV), hat in einem Schreiben an die Mitglieder vom 24. Februar angekündigt, dass der DMV gemeinsam mit der Gesellschaft für Angewandte Mathematik (GAMM) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) am ICM in Philadelphia teilnehmen wird. Man sei sich der politisch angespannten Situation in den USA bewusst. "Dennoch sind wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Auffassung, dass wir unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort durch eine aktive Teilnahme stärker unterstützen als durch Nicht-Teilnahme".

Die Europäische Gesellschaft für Mathematik (European Mathematical Society, EMS) hat sich ebenfalls für eine Teilnahme entschieden, wie aus einer Erklärung vom 24. Februar hervorgeht. Nach eigenen Angaben will sie damit Spaltungen innerhalb der mathematischen Gemeinschaft verhindern.

Der ICM hat sich behauptet, weil Mathematikerinnen und Mathematiker sich für Engagement statt Rückzug entschieden haben.

Professorin Deirdre Haskell

Auch die Direktorin des Fields Institute für Research in Mathematical Science, Professorin Deirdre Haskell, appellierte an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, am ICM teilzunehmen. Sie verweist dabei auf historische Momente, in denen die internationale Zusammenarbeit infrage gestellt wurde, beispielsweise nach dem Ersten Weltkrieg: "Der ICM hat sich gerade deshalb behauptet und weiterentwickelt, weil Mathematikerinnen und Mathematiker sich für Engagement statt Rückzug und für Präsenz statt Abwesenheit entschieden haben, selbst wenn die Umstände nicht ideal oder angespannt waren."

Französische und brasilianische Gesellschaften sagen Teilnahme ab

Bereits am 26. Januar hatte die Französische Gesellschaft für Mathematik (Société Mathématique de France, SMF) bekannt gegeben, dass sie beim ICM in Philadelphia nicht vertreten sein werde. Weder die Erteilung von Visa durch die USA noch deren innere Sicherheit schienen gewährleistet zu sein, schrieb sie zur Begründung. Weiterhin verurteile sie "das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft sowie jeden Eingriff in die akademischen Freiheiten."

Am 18. Februar verkündete auch die Brasilianische Gesellschaft für Mathematik (Sociedade Brasileira de Matemática, SBM), sich nicht am Kongress der IMU beteiligen zu wollen. Sie begründete dies mit erheblichen Herausforderungen, denen sich ihre Mitglieder zur Teilnahme gegenübergestellt sähen. "Die Auferlegung von Beschränkungen und administrativen Hindernissen für internationale Reisen, insbesondere bei wissenschaftlichen Veranstaltungen von globaler Bedeutung, ist unvereinbar mit dem Geist der Zusammenarbeit, der die weltweite Mathematikgemeinschaft prägt." Die SBM boykottiert demnach den Kongress, wird aber an der Delegiertenversammlung in New York teilnehmen.

Spannungen in der internationalen Mathematik

Die heutigen Boykott-Aufrufe sind laut Dr. Michael J. Barany, Mathematikhistoriker an der Universität Edinburgh, keine Neuheit. Wie er gegenüber Scientific American erklärt, hat die US-amerikanische Beteiligung im ICM bereits zuvor für Spannungen gesorgt. So habe es rund um den Kongress 1950 Boykott-Aufrufe gegeben, weil Teilnehmende mit vermeintlich kommunistischen Haltungen Schwierigkeiten hatten, Visa zu erhalten.

Internationalismus als Bewegung habe schon immer Zusammenarbeit, aber auch Wettbewerb zwischen verschiedenen Nationen bedeutet, so Barany. Dabei gebe es immer einen Punkt, an dem "der Wunsch nach Einbeziehung und Repräsentation an die Grenzen von Staatsgrenzen, politischen Kontexten und Ressourcenknappheit stößt".

Nicht nur in der Mathematik gehe es bei internationalen Bewegungen darum, Kompromisse zu finden, mit denen sich die Betroffenen wohl fühlten, sagte er. "Die Petition ist ein wirklich starker Beweis dafür, dass das, was von Mathematikern für diese spezielle Veranstaltung verlangt wird, einfach zu viel ist."

hae