Russland
Forschungsstelle Osteuropa für "unerwünscht" erklärt
Das russische Justizministerium hat die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) der Universität Bremen zur "unerwünschten Organisation" erklärt. Damit hat die Regierung die Liste der ausländischen und internationalen Einrichtungen erweitert, deren Arbeit auf dem Gebiet der Russischen Föderation untersagt ist. Besondere Gründe werden dem Bericht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vom 14. August zufolge nicht genannt. Gelistet werden demnach Organisationen, die nach Auffassung der Moskauer Behörden gegen die Interessen des russischen Staates arbeiten.
Auf der Liste stehen bereits mehrere deutsche Einrichtungen, darunter das viele Jahre in Moskau tätige Deutsche Historische Institut (DHI) sowie zahlreiche politische Stiftungen. Auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) wurde Anfang 2026 in Russland für "unerwünscht" erklärt.
Direktorin der FSO nicht überrascht
Auf Anfrage von Forschung & Lehre zeigt sich die Direktorin der FSO, Professorin Susanne Schattenberg, von der Entwicklung nicht überrascht. Die Forschungsstelle habe damit schon lange gerechnet. "Unsere Forschung ist russlandkritisch und in unseren Einlassungen in den Medien nennen wir die Dinge beim Namen: dass Putin sich vom autoritären Herrscher zum Diktator gewandelt hat, der gegen die Ukraine einen völkerrechtswidrigen Krieg führt", erklärt sie. Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO), als deren Zweigstelle die FSO agiere, sei bereits vor einiger Zeit als "extremistisch" eingestuft worden. Zudem habe die Forschungseinrichtung Teams der in Russland verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial aufgenommen.
Konsequenzen habe der Vorgang vor allem für die Mitarbeitenden der Forschungsstelle, die eine russische Staatsbürgerschaft besitzen, sagt die FSO-Direktorin gegenüber Forschung & Lehre: "Mehrere haben sich sofort von unserer Homepage nehmen lassen, um sich, aber auch ihre Angehörigen in Russland, zu schützen." Sie nimmt an, dass die Sanktion genau gegen diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerichtet ist: "Entweder sie sagen sich von ihrer Arbeitgeberin los oder von ihrer Heimat. Hier sollen die letzten Reste von Kontakt und Kooperation zerstört werden." Das Ziel sei einerseits, die Forschung und Expertise der Einrichtung zu diskreditieren, und andererseits zu verhindern, dass Personen aus Russland weiterhin mit ihr zusammenarbeiten, vermutet Schattenberg. "Schon als die DGO für extremistisch erklärt wurde, sagten mir Kolleginnen und Kollegen, sie hätten gern selbst entschieden, ob sie die Tür hinter sich zuwerfen oder nicht. Nun hat Putin sie endgültig der Tür verwiesen", sagt sie.
Schattenberg befürchtet Cyberangriff
Die Forschung der FSO werde von der Entscheidung des russischen Justizministeriums nicht beeinträchtigt, so Schattenberg. Diese sei mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 bereits radikal geändert und neuorientiert worden. Allerdings kann sie sich anderweitige Folgen vorstellen: "Zu rechnen ist zunächst mit einem Cyberangriff. Das ist der DGO und dem ZOiS (Anm. d. Red.: Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien) passiert, nachdem sie entsprechend von der russischen Justiz gelistet wurden." Zudem rechne sie mit einem "Upgrade" des Status "unerwünscht" auf "extremistisch".
Die DGO wurde im März 2024 von der russischen Justiz auf die Liste der "unerwünschten Organisationen" gesetzt. Im Juli desselben Jahres folgte die Einstufung als "extremistische" Organisation. Im Oktober 2024 meldete die Gesellschaft einen Cyberangriff auf E-Mail-Postfächer, der mutmaßlich von staatlich-russischen Akteuren ausgeführt wurde. Das ZOiS vermeldete im Juni 2026 ebenfalls einen Angriff , nachdem es bereits im Oktober 2023 von Russland für "unerwünscht" erklärt worden war.
Schattenberg betont, dass die Priorität der FSO nun in erster Linie darin liege, wachsam zu sein, Kolleginnen und Kollegen zu schützen sowie die Resilienz von Daten und der Webpräsenz zu erhöhen.
Die Universität Bremen bezeichnete den Vorgang gegenüber der dpa als "weiteren Versuch der Einschüchterung" von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die Sanktionierung von DGO und FSO könne als nochmaliger Ausdruck der Wissenschaftsfeindlichkeit Russlands betrachtet werden, erklärte Rektorin Professorin Jutta Günther.
aktualisiert am 18. August 2026 um 10:28 Uhr [Ergänzung Kommentar von Jutta Günther], erstmals veröffentlicht am 17. August 2026
Forschungsstelle Osteuropa (FSO)
Die FSO der Universität Bremen beschäftigt sich unter dem Leitgedanken "Zwischen Dissens und Konsens" mit Geschichte und Kultur der Sowjetunion und der Länder Ostmitteleuropas sowie mit Politik und Wirtschaft Osteuropas und Zentralasiens. Neben der Bereitstellung von Länderanalysen konzipiert die FSO Ausstellungen, organisiert öffentliche Veranstaltungen und betreibt ein eigenes Archiv. Gegründet wurde die Forschungsstelle 1982. Sie wird von der Kulturministerkonferenz und dem Land Bremen finanziert.
hae/dpa