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Medizin
Gibt es einen Ärztemangel?

Für einen generellen Ärztemangel gibt es keine Belege, für eine mehrfache Fehlverteilung hingegen schon. Ein Kommentar.

Von Ferdinand Gerlach 10.10.2018

In den 1980er Jahren warnten führende Ärztevertreter eindringlich vor einer "Ärzteschwemme", aktuell warnen die gleichen Institutionen vor einem eklatanten "Ärztemangel" und fordern mehr Medizinstudienplätze: eine Fehleinschätzung – damals wie heute.

Die Fakten: In Deutschland gibt es (2017) genau 385.149 berufstätige Ärztinnen und Ärzte. So viele wie niemals zuvor. 1990, nach der Wiedervereinigung, waren es erst 237.750. Allein in den letzten zehn Jahren ist die Zahl berufstätiger Ärzte netto um 65.450 gestiegen. Tendenz: weiter steigend. Mit 4,1 Ärzten je 1.000 Einwohner liegt Deutschland international in der Spitzengruppe (Platz 5 von 29 OECD-Ländern). Schwarzmalern zum Trotz steigt bereits seit 2005 der Anteil junger Ärzte unter 35 Jahre (von 15,4 Prozent auf 18,9 Prozent).

Warum entsteht dennoch der Eindruck eines Ärztemangels? Die Gründe sind in Kliniken und Praxen ähnlich: Besonders problematisch – und häufig verkannt – ist etwa die in Deutschland sehr geringe Anzahl von nur 0,9 Ärzten je 1.000 Belegungstagen im Krankenhaus. In Dänemark zum Beispiel, wo insgesamt weniger Ärzte tätig sind (nur 3,7 pro 1.000 Einwohner), gibt es 3,7 mal so viele Ärzte am Klinikbett (3,3 je 1.000 Belegungstage). Obwohl Deutschland also insgesamt mehr Ärzte je Einwohner hat, sind es je Klinikpatient deutlich weniger.

Unnötigen Patientenkontakten "verstopfen" Praxen und Kliniken

Schon diese Fehlverteilung erklärt den real "gefühlten Ärztemangel". Hauptursachen: zu hohe Fallzahlen und zu viele Leistungen in zu vielen deutschen Kliniken. Ursachen dafür wiederum sind eine ungenügende Finanzierung von Investitionen und starke Mengenanreize eines korrekturbedürftigen Fallpauschalensystems zur Finanzierung der Betriebskosten. Keiner dieser Ursachen kann (oder sollte!) durch "mehr Ärzte" entgegengewirkt werden.

Würde die Zahl der Kliniken auf ein internationales Normalmaß konzentriert und eklatante Überversorgung in Form von medizinisch nicht nachvollziehbaren Mengenausweitungen oder regionalen Variationen, etwa bei Linksherzkathetern oder Wirbelkörperoperationen, abgebaut, könnten ausgelaugte Ärzte – und übrigens auch an ihren Kapazitätsgrenzen arbeitende Pflegende – aus den hochtourig laufenden Hamsterrädern aussteigen.

Im ambulanten Bereich dreht sich mit (grob geschätzt) rund 20 Arzt-Patient-Kontakten je Einwohner und Jahr ebenfalls ein Hamsterrad. Haus- wie Facharztpraxen und auch die Notaufnahmen der Kliniken werden in Deutschland vielfach mit medizinisch unnötigen Patientenkontakten "verstopft", weshalb, zum Teil infolge finanzieller Fehlanreize und mangelnder Steuerung der Inanspruchnahme, oftmals für ernsthaft erkrankte Patienten zu wenig Zeit und Raum zur Verfügung steht.

Kritisch und weltweit einzigartig ist, dass in Deutschland fast 90 Prozent aller Facharztanerkennungen in einem von inzwischen 77 spezialistischen Bereichen erfolgen und nur 10,4 Prozent einen Abschluss als Generalist (Allgemeinmediziner) erreichen.

Zudem sind die meisten Ärzte dort tätig, wo sie am wenigsten benötigt werden: in wohlhabenden, überversorgten Quartieren der Ballungszentren. Ländliche Räume und ärmere Stadtteile sind hingegen mit zunehmender Unterversorgung konfrontiert.

Medizinische Versorgung abhängig von Region und Disziplin

Die genannten Fakten – und noch viele mehr – sprechen, trotz veränderter Präferenzen und verringerter Arbeitszeiten des Nachwuchses, gegen einen generellen Ärztemangel in Deutschland. Sie weisen vielmehr deutlich auf ein Nebeneinander von Über-, Unter- und Fehlversorgung sowie eine mehrfache Fehlverteilung ärztlicher Fachkräfte hin: vor allem nach Regionen (Stadt versus Land) und nach Disziplinen (Spezialisten versus Generalisten).

Zunächst sollten also Strukturprobleme (Fehlverteilungen und Fehlanreize) beseitigt werden. Parallel können schnell(er) wirksame Lösungen wie Arbeit im Team, Delegation an andere Gesundheitsberufe, Digitalisierung, Robotik, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Wieder- und Quereinsteigerprogramme genutzt werden.

Falls dann noch zusätzliche Ausbildungskapazitäten geschaffen werden sollten, ist dies eine gesellschaftliche Entscheidung zur Allokation von Steuergeldern: Medizinstudienplätze sind teuer und kompetitiv zu anderen Bildungsausgaben (zum Beispiel MINT-Fächer) beziehungsweise Staatsaufgaben (etwa Kultur, innere Sicherheit).

Eine durchaus diskutable Option ist die Nutzung als Mittel aktiver Strukturpolitik: Wie Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, haben (Zweig-)Fakultäten mit gezielten, auf die Grundversorgung ausgerichteten Schwerpunktprogrammen in (drohend) unterversorgten ländlichen Regionen das Potenzial, die regionalen Fachkräftekapazitäten nachhaltig zu erhöhen.

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