Kreidezeichnung von einem Haus auf Asphalt
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Standpunkt
Ich habe einen Traum – Universität in Phantasien

Wie würden Hochschulen in einer idealen Welt agieren und wahrgenommen werden? Harald Lesch hat da eine konkrete Vorstellung.

Von Harald Lesch 04.02.2022

Die Universität in Phantasien ist den  Menschen dort bestens bekannt. Fragt man auf der Straße nach der Adresse, wird man gerne begleitet. "Sehen Sie, hier ist unsere Universität". Voller Stolz sprechen die Passanten von ihr. Akademikerinnen und Akademiker sind in Phantasien angesehene und auch oft angesprochene Leute, denn sie geben gerne Auskunft. Man schätzt die Tiefe ihrer Gedanken, die Hinweise aus den Wissenschaften, denn die Forscherinnen und Forscher, so weiß man in Phantasien, haben genügend Zeit, sich den wichtigen Problemen der Welt zu widmen. Nicht nur unmittelbar aktuelle, relevante Themen werden dort genauen und tiefgehenden Untersuchungen unterzogen. An der Universität Phantasiens werden auch Fragen behandelt, die kaum jemand stellt, deren Antworten aber wichtig für das Bild der Welt sind und zwar für alle Menschen in Phantasien. Wie ist die Welt aufgebaut, aus was besteht die Materie, wie funktioniert das Weltall? Diese Fragen sind nur auf den ersten Blick nicht relevant, aber ihre Antworten eröffnen möglicherweise Handlungsoptionen, neue Technologien und ein neues Verständnis für die Wirkungen und Wechselwirkungen von Mensch und Natur. Auch die Innenperspektive der Gesellschaft Phantasiens wird betrachtet. Was machen wir mit uns, wie gehen wir miteinander um, wie wirken Gesetze und Verordnungen und wie verändert sich die Gesellschaft als Ganzes und in Gruppen? Die Ergebnisse dieser humanistischen Wissenschaften bis hin zur Psyche der Gesellschaft und des Einzelnen sind Gegenstand langfristiger kontinuierlicher intellektueller Betrachtungen.

Und da sich die Universität in Phantasien als eine Bildungsinstitution versteht, kümmert sie sich natürlich auch darum, wie ihre Ergebnisse in der Öffentlichkeit kommuniziert und verstanden werden. Alle sind eingeladen, an großen Vorlesungen über den neuesten Stand der Dinge teilzunehmen und so zu erfahren, was wir wissen und was wir noch nicht wissen. Meinungen und Positionen der Nicht-Studierenden werden eingeholt, die Fenster und Türen der Universität in Phantasien stehen offen. Fragen an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Gesellschaft sind oft Anlass für neue Forschungsprojekte, auf deren Antworten alle warten. Oft entsprechen die Antworten nicht dem, was man erwartet hat. Aber auch unliebsame Hinweise werden angenommen und offen debattiert.

In Phantasien hat man den Wert des ungestörten Forschens längst erkannt. Vor langer Zeit hat der Wettbewerb um ausreichende finanzielle Mittel aufgehört, die Gesellschaft sorgt dafür, dass genügend für alle da ist. Damit kauft sich Phantasien die Zeit, die oft nötig ist, um Probleme wirklich zu verstehen und damit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nicht nur der Wettlauf ums Geld hat aufgehört, auch die Politik hat längst begriffen, dass sie sachkompetente wissenschaftliche Beratung nur dann erwarten kann, wenn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ohne Druck arbeiten und ihre Ergebnisse veröffentlichen können. Die Universität in Phantasien hat einen Bildungsauftrag, sie sorgt dafür, dass die Gesellschaft in Phantasien sich als Demokratie stabilisiert und weiterentwickelt. Sie gibt den Menschen dort Vertrauen in die Kraft der Vernunft und des Zusammenlebens, in Gegenwart und Zukunft. Damit liefert die Universität in Phantasien einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft und zu einem gedeihlichen Miteinander.

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