Ein Mann sitzt mit hängendem Kopf auf einem Sofa und wird von einer Frau getröstet.
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Interview
Im Sog der Verwundbarkeit

Die Sensibilität für Leidens- und Ausgrenzungserfahrungen ist gestiegen. Die Ausweitung von Begriffen und ihre moralische Aufladung werfen Fragen auf.

Von Friederike Invernizzi 12.08.2026

Forschung & Lehre: In Ihrem neuen Buch "Opfer" beschäftigen Sie sich mit der Rhetorik der Verletzlichkeit. Fühlen wir uns heute verletzlicher als früher?

Maria-Sibylla Lotter: Seit den 1970er- und 80er-Jahren hat sich die kulturelle Wahrnehmung der Verletzlichkeit spürbar verändert. Dieser Prozess findet nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Gesellschaften statt: Das Selbstbild verschiebt sich ein Stück weg vom Ideal des autonomen, selbstverantwortlichen Individuums hin zu einem Paradigma der Verletzlichkeit, auf mehreren Ebenen. Dazu gehört die starke Erweiterung und Popularisierung psychiatrischer Krankheitsbilder wie beispielsweise "Trauma" und "Depression". Aber auch moralische Begriffe wie "Gewalt" und "Rassismus" wurden stark erweitert. 

Dadurch hat sich zwar die moralische Aufmerksamkeit und Sensibilität für subtilere Formen von Ausgrenzung und Verletzung beträchtlich entwickelt, aber diese Entwicklung hat auch eine Schattenseite: Wenn Institutionen ständig kommunizieren, dass Verletzungen drohen, indem sie etwa auf Anlaufstellen für verbale oder physische Übergriffe hinweisen, entsteht der Eindruck, dass man sich in einem immer gefährlicheren Raum bewegt.

Maria-Sibylla Lotter ist Professorin für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Anna Ziegler

F&L: Warum sind die hohen moralischen Ansprüche, die der Verletzlichkeit von Personen besondere Aufmerksamkeit schenken, auch eine problematische Entwicklung?

Maria-Sibylla Lotter: Die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten hat zunächst zu einer großen Entlastung der Betroffenen und einer Verbesserung ihrer Lebenslage geführt. Heute aber orientiert sich die Identitätssuche vieler Menschen vermehrt an psychiatrischen Kategorien der Verletzlichkeit. Man diskutiert in sozialen Foren, ob man diese und jene Erkrankung hat, vergleicht untereinander die Symptome und gewinnt daraus so etwas wie eine persönliche Identität. Außerdem kann die Erweiterung der Begriffe Gewalt, Rassismus, Diskriminierung und anderer Kategorien der sozialen Verletzlichkeit im Ergebnis – nicht in der Absicht – zu Verharmlosungen führen.

Heute umfasst der Gewaltbegriff ein weites Spektrum von physischen über psychische bis verbalen Verletzungen. Das führt aber unvermeidlich auch zu einer gewissen Nivellierung der enormen Unterschiede zwischen dem Einsatz brutaler physischer Gewalt, wie er für die faschistischen Bewegungen charakteristisch war, und Äußerungen, die als ausgrenzend empfunden werden könnten. Natürlich sind auch Beleidigungen und Ausgrenzungen moralische Übel, aber es sind Übel anderer Art als physische Gewalt. 

Wird der Gewaltbegriff, der wie alle dichten moralischen Begriffe dazu dient, bestimmte moralische Phänomene von anderen zu unterscheiden und zu bewerten, zu stark gedehnt, dann verliert er die Unterscheidungsfähigkeit. Wenn man heute das Wort Gewalt hört und nicht ein Adjektiv dabei ist wie "physisch", dann weiß man im Grunde gar nicht mehr, wovon die Rede ist. Das Wort dient dann nur noch als emotionaler Appell: Das darf nicht sein! Das ist eine ungute Entwicklung, denn moralische Begriffe dienen ja dazu, dass man unterschiedliche Arten von moralischen Problemen präzise unterscheiden kann und entsprechend unterschiedliche Handlungsempfehlungen damit verbunden sind.

F&L: Bedroht dies unsere Ambiguitätstoleranz?

Maria-Sibylla Lotter: Ja. Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff des Faschismus. Gegenwärtige Verhältnisse werden neuerdings gerne mit dem Begriff des Faschismus beschrieben, was nicht unbedingt den Blick für ihre Besonderheiten schärft. Jedenfalls kann ich nicht erkennen, dass die Interpretation der Gegenwart im Lichte der faschistischen Bewegung der 1920er-Jahre in Italien, des Nationalsozialismus in Deutschland oder des Franco-Staats in Spanien besonders erhellend wäre. 

Wer heute etwa die Entwicklungen in den USA als Faschismus bezeichnet, möchte nun vermutlich auch eher die emotive Wirkung des Begriffs nutzen, um wachzurütteln: auf Entwicklungen hinzuweisen, die er oder sie für gefährlich hält. Bloß funktioniert das Wachrütteln nicht, wenn der Begriff kognitiv entleert wird. 

Gleichzeitig ist damit eine starke moralische Emphase verbunden, die dazu führt, dass diejenigen, die den Begriff in seiner Verwendung hinterfragen, dem Vorwurf ausgesetzt sind, als Verharmloser von potentiell faschistoiden Tendenzen in der Gegenwart zu gelten. Über die Adäquatheit bestimmter politischer und moralischer Begriffe muss man aber immer reden können.

"Gegenwärtige Verhältnisse werden neuerdings gerne mit dem Begriff des Faschismus beschrieben, was nicht unbedingt den Blick für ihre Besonderheiten schärft."

F&L: Welche Folgen hätte denn eine solche epistemische Immunisierung, bei der bestimmte Positionen dem Diskurs entzogen werden? Müssen wir mit einer Tyrannei moralischer Werte rechnen?

Maria-Sibylla Lotter: Nicolai Hartmann verstand unter einer Tyrannei der Werte die unhinterfragte Vorherrschaft eines Werts, der gar nicht mehr in Zweifel gestellt werden und nicht mehr mit anderen Werten abgewogen werden darf. Tatsächlich hatte ich besonders in der Coronazeit den Eindruck, dass wir mit Blick auf das Thema Verwundbarkeit tyrannische Züge entwickelt haben – nicht nur im Umgang mit der Krankheit und den besonders Vulnerablen, sondern auch mit strittigen Themen in den Wissenschaften. 

Etwa in der mehr oder weniger bewussten Vorstellung, die Solidarität mit verwundbaren Gruppen müsse alle anderen Erwägungen übertrumpfen. Oder der Fall des Historikers Egon Flaig, der ein Buch über die Weltgeschichte der Sklaverei geschrieben hat. Allein schon, dass er die unbestreitbare Tatsache erörtert, dass Versklavung und Sklavenhandel keine Erfindung europäischer Kolonialisten ist, sondern in Afrika und weltweit eine lange Tradition hat, die bis in die Antike zurückreicht, hat zu einer starken Abwehrhaltung auch in wissenschaftlichen Kreisen geführt. Nicht wenige finden, man solle darüber schweigen, weil das so wahrgenommen werden könnte, als wollten die Europäer ihre eigene Verantwortung und Schuld relativieren. Die Wissenschaft ist jedoch darauf angewiesen, dass man relevante Tatsachen benennt und Entwicklungen unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet.

F&L: Geht es hier nicht auch um die nötige Distanz, um Sachverhalte und Anliegen genauer einschätzen zu können, auch im Sinne der Betroffenen?

Maria-Sibylla Lotter: Ja, dem stimme ich zu. Es wird den Nachkommen ehemaliger Opfer kolonialer Gewalt ebenso wenig gerecht wie den heutigen Opfern von Rassismus, sie auf eine passive Rolle festzulegen und sie als so verletzlich zu behandeln, dass ihnen die Auseinandersetzung mit eigenen Verantwortlichkeiten in Vergangenheit und Gegenwart grundsätzlich nicht zugemutet werden könne. Die Erwartung, Europäer müssten durch ein demonstratives Schuldbekenntnis jeden Zweifel an ihrer gefühlten Verantwortung für sämtliche historische Übel ausräumen, ist gegenüber den anderen historischen Akteuren etwa aus Afrika letztlich entmündigend und damit in einem klassischen Sinne rassistisch.

F&L: Sie beschreiben, wie der Tonfall in bestimmten akademischen Veranstaltungen und Debatten ein anderer geworden ist. Was hat sich verändert und worin sehen Sie die Ursachen?

Maria-Sibylla Lotter: Es hat sich die Vorstellung entwickelt, dass man bestimmte Gruppen davor schützen müsste, dass in Seminaren oder in Vorträgen Dinge angesprochen werden, die für sie verletzend sein könnten. Dabei ist es gerade Aufgabe des wissenschaftlichen Raums, dass dort alle Argumente nüchtern ausgetauscht werden können. Heute spielt zudem die Außenwahrnehmung für die Universitäten eine größere Rolle, man möchte schlechte Presse vermeiden, benötigt aber eine moralisch akzeptierte Begründung dafür, die Wissenschaftsfreiheit etwa durch Absage von Vorträgen einzuschränken. Da greift man nicht selten auf das Argument zurück, ein – beispielsweise israelkritischer – Vortrag sei zu belastend für sogenannte vulnerable Gruppen wie etwa jüdische Studierende. Seit dem 7. Oktober 2023 wächst der moralische Druck, alles zu unterbinden, was als antizionistisch oder gar antisemitisch interpretiert werden könnte. Das ist verständlich. 

Sich durch bestimmte Diskussionen gekränkt oder irritiert zu fühlen, ist aber ein unverzichtbarer Teil unserer Entwicklungs- und Bildungsprozesse. Wir werden überhaupt erst in der Konfrontation mit Meinungen, die wir nicht teilen, unter hinreichenden Druck gesetzt, unsere eigene Sicht der Dinge genau zu begründen – und zu erkennen, dass sie recht einseitig sein kann. Das kann auch unangenehm sein, ist aber unverzichtbar. Der akademische Raum muss nur vor offenen Anfeindungen, Drohungen und Gewalt geschützt werden.

"Dabei ist es gerade Aufgabe des wissenschaftlichen Raums, dass dort alle Argumente nüchtern ausgetauscht werden können."

F&L: Wie können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Anspruch auf kritische Rationalität im akademischen Alltag gerecht werden?

Maria-Sibylla Lotter: Immanuel Kant unterscheidet in seiner Kritik der Urteilskraft zwischen einer bestimmenden Urteilskraft, mit der ich einen Begriff, den es schon gibt, auf einen Sachverhalt anwende, und einer reflexiven Urteilskraft, die den Sachverhalt auslotet und dabei nach einem allgemeinen Ausdruck sucht – vielleicht auch nach einem neuen. Diese Fähigkeit, ein bestimmtes Phänomen nicht schon von vornherein im Lichte eines allgemeinen Begriffs zu betrachten, sondern erst einmal genau zu beschreiben und zu prüfen, welche Art von Begriff hier überhaupt angemessen sein könnte, brauchen wir ja sowohl in den Wissenschaften als auch im Alltagsleben. Diese Fähigkeit wird aber blockiert, wenn man sofort hochdramatische Begriffe wie Faschismus oder Rassismus anwendet. 

Und noch etwas anderes ist zu berücksichtigen: In den Wissenschaften sind wir gewohnt, Begriffe ständig zu revidieren – das erzeugt meist keine Verständigungsprobleme, weil man in seinem Bereich die neuen Bedeutungen kennt. Im Alltagsleben hingegen gefährden wir die Grundlagen der Verständigung zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, wenn wir ständig sprachliche Revisionen vornehmen, die nur ein Teil der Sprachverwender kennt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass diejenigen, die mit den besten progressiven Absichten neue Formen des Genderns einführen oder moralische Begriffe erweitern, das zu wenig auf dem Schirm haben. Hinzu kommt: Die gute Absicht, durch eine ständige Erweiterung von Begriffen wie Gewalt und Rassismus mehr Sensibilität zu erzeugen, kann zum Gegenteil, nämlich einer Abstumpfung führen, wenn der kognitive Gehalt der Begriffe dabei verloren geht.