BiB-Studie
Je höher die Bildung, desto länger die Lebensarbeitszeit
Personen mit hoher Bildung, wie etwa einem Hochschulabschluss, verzeichnen in Deutschland durchschnittlich die längste Lebenszeit in Erwerbsarbeit. Das zeigt eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR). Diese ist im European Journal of Population, 42/14 (2026) erschienen.
Die Forschenden haben erstmals mit dem Indikator "Lebensarbeitszeit" soziale Unterschiede in der Arbeitsmarktbeteiligung betrachtet und dabei sowohl den Anteil der Erwerbstätigen als auch die wöchentliche Arbeitszeit in Stunden erfasst, heißt es in der Pressemitteilung des BiB vom 27. Mai. Nur so sei es der Analyse zufolge möglich, "ungenutzte Erwerbspotenziale in der Bevölkerung zu identifizieren und zu aktivieren".
Frauen hätten in den letzten Jahrzehnten bei der Lebensarbeitszeit gegenüber Männern aufgeholt, lägen aber weiterhin deutlich zurück. In der Studie wird darauf hingewiesen, dass sich zwar die Erwerbsbeteiligung von Frauen in Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung teilweise angenähert habe, in Ostdeutschland Frauen jedoch weiterhin deutlich häufiger in Vollzeit arbeiteten, während unter westdeutschen Frauen – insbesondere unter Müttern – Teilzeitarbeit vorherrsche.
Hohe Lebensarbeitszeit mit Hochschulabschluss
Das Konzept der Erwerbslebenserwartung beschreibt der Studie zufolge die erwartete Zahl an Jahren, die zwischen dem 15. und 74. Lebensjahr in Arbeit verbracht werden. Die Forschenden beschreiben, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten "ein wachsender Anteil hochgebildeter Personen mit ihrer höheren Erwerbslebenserwartung zu einem leichten Anstieg der gesamten Erwerbslebenserwartung" geführt habe. Hinzu käme der deutliche Anstieg infolge einer höheren Beteiligung von Frauen, insbesondere in Westdeutschland.
Hochgebildete Männer arbeiten am längsten
Aktuelle Zahlen für 2025 zeigten, dass die Lebensarbeitszeit bei Männern mit hoher Bildung bei 40,6 Jahren liege. Damit sei sie mehr als neun Jahre länger als bei Männern mit niedriger Bildung (31,3 Jahre). Bei Frauen betrage der Unterschied zwischen Personen mit hoher und niedriger Bildung sogar 14 Jahre: 31,9 im Vergleich zu 17,9 Jahren. Die Erwerbstätigkeit von Personen mit niedriger Bildung sei stärker von der konjunkturellen Entwicklung und der Lage auf dem Arbeitsmarkt abhängig, weshalb deren Erwerbsbiografien öfter Lücken aufwiesen.
Insgesamt verzeichneten Männer eine Lebensarbeitszeit von 38,8 Jahren, während Frauen auf einen Wert von 28,8 Jahren kämen.
"Die vergleichsweise hohe Lebensarbeitszeit von Personen mit hoher Bildung lässt sich vor allem auf ihre durchgehend höheren Erwerbstätigenquoten zurückführen."
Harun Sulak, BiB-Wissenschaftler und Mitautor der Studie
"Die vergleichsweise hohe Lebensarbeitszeit von Personen mit hoher Bildung lässt sich vor allem auf ihre durchgehend höheren Erwerbstätigenquoten zurückführen", analysiert der BiB-Wissenschaftler und Mitautor der Studie, Harun Sulak. "Diese gleichen zusammen mit der höheren Wochenarbeitszeit den im Durchschnitt späteren Eintritt in das Erwerbsleben durch längere Ausbildungszeiten mehr als aus. Ein Studium führt also nicht zwangsläufig zu einer verkürzten Lebensarbeitszeit."
2025 höchste Lebensarbeitszeit seit der Wiedervereinigung
Bei der Betrachtung der Entwicklung seit 1991 werde deutlich, dass die Lebensarbeitszeit in Deutschland nach der Wiedervereinigung zunächst zurückging. Um das Jahr 2005 habe sie einen Tiefpunkt erreicht, bevor sie anschließend wieder relativ stetig angestiegen sei. Dabei zeigten sich im Gesamtverlauf deutliche Unterschiede zwischen den betrachteten Gruppen.
Allgemein sei die Lebensarbeitszeit heute mit 33,8 Jahren mehr als anderthalb Jahre länger als Anfang der 1990er Jahre (1991: 32,1 Jahre). Damit würden die Beschäftigungspotentiale pro Person in einem höheren Maße ausgeschöpft. Das wirke sich fördernd auf die Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme in einer alternden Bevölkerung aus.
"Dabei ist bei Frauen und auch bei Männern weiterhin die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiges Thema."
Mitautor Professor Sebastian Klüsener, BiB
Ungenutztes Potential sehen die Forschenden vor allem bei Frauen, bei älteren Personen und bei jüngeren und mittleren Altersgruppen mit niedriger Bildung. "Dabei ist bei Frauen und auch bei Männern weiterhin die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiges Thema", erklärt Professor Sebastian Klüsener vom BiB, Mitautor der Studie. "Bei älteren Personen sind gesundheitlicher Arbeitsschutz und lebenslanges Lernen von hoher Bedeutung."
Trend bei Lebensarbeitszeit je nach Bildungsgrad unterschiedlich
Frauen mit niedriger Bildung seien im Jahr 2025 auf eine Lebensarbeitszeit von 17,9 Jahren gekommen und hätten damit rund zwei Jahre unter dem Niveau von 1991 gelegen. Hoch gebildete Frauen verzeichneten hingegen einen Zuwachs auf zuletzt 31,9 Jahre im Vergleich zu 1991 mit 30,8 Jahren.
Die höchsten Anstiege aller Gruppen verzeichneten der BiB-Pressemitteilung zufolge Frauen mit mittlerer Bildung mit einer Zunahme von 25,7 auf 29,7 Jahre. Bei Männern mit hoher Bildung habe der Wert 2025 mit 40,6 Jahren leicht über dem von 1991 gelegen, während niedrig gebildete Männer mit 31,3 Jahren deutlich unter dem Wert von 1991 mit 36 Jahren Lebensarbeitszeit geblieben seien.
Ungenutztes Arbeitsmarktpotential in Deutschland
Insgesamt seien niedrig gebildete Personen bei der Lebensarbeitszeit in den letzten Jahrzehnten gegenüber Personen mit hoher und mittlerer Bildung zurückgefallen. "In den vergangenen Jahren wiesen nur noch Personen mit niedrigem Bildungsniveau ein nennenswertes nicht realisiertes Potenzial auf, während bei hochgebildeten Personen praktisch kein nicht realisiertes Potenzial mehr verbleibt. Im Gegenteil: Für diese Gruppe finden wir Hinweise auf Überbeschäftigung", heißt es dazu in der Studie.
Das verbleibende Erwerbspotential sei somit weitgehend auf Personen mit niedrigem Bildungsniveau in jüngeren und mittleren Altersgruppen beschränkt. Dies sei eine zentrale Erkenntnis für Debatten über die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme und den Arbeitskräftemangel in Deutschland, die sich häufig ausschließlich auf die Verlängerung des Erwerbslebens und auf ältere Personen konzentrierten, stellt das Forschungsteam fest. Um dieses verbleibende Potential zu nutzen, sollten Anstrengungen auf Bildung und Weiterbildung der betreffenden Personengruppen gerichtet werden.
Die BiB-Direktorin Professorin C. Katharina Spieß verweist in diesem Zusammenhang auch darauf, dass es weiterhin einen hohen Anteil von Personen ohne beruflichen Bildungsabschluss gibt: "Wenn es uns gelingt, diesen Anteil zu reduzieren, könnten weitere Arbeitsmarktpotenziale erschlossen werden."
Darüber hinaus merken die Autorin und die Autoren an, dass die vergleichsweise geringe Zahl geleisteter Arbeitsstunden von Frauen in Westdeutschland nicht ohne Weiteres erhöht werden könne. Voraussetzung seien Veränderungen der Rahmenbedingungen, die individuelle Erwerbsentscheidungen prägen. So habe beispielsweise die Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 dazu geführt, dass Mütter früher auf den Arbeitsmarkt zurückgekehrt seien, und hätte insgesamt positive Effekte auf ihre Arbeitsmarktbeteiligung gehabt. Neben dem rechtlichen Rahmen spielten bei der reduzierten Erwerbstätigkeit von Frauen zudem soziale Normen und Leitbilder hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung bei der Hausarbeit, Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen eine Rolle.
Zur Methodik
Die Auswertungen basieren auf repräsentativen Daten des Mikrozensus. Bei diesen wurden alle Personen in Deutschland im Alter zwischen 15 und 74 Jahren und ihre Erwerbsbeteiligung in dieser Altersspanne berücksichtigt. Die obere Altersgrenze von 74 Jahren wurde gewählt, da ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung auch über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus erwerbstätig ist. Dies ist bei Personen mit hoher Bildung besonders ausgeprägt.
Die geleisteten Wochenarbeitszeiten wurden auf Basis einer 40-Stunden-Woche gewichtet, wodurch Tätigkeiten in Teilzeit anteilig berücksichtigt wurden.
Der Bildungsabschluss wurde nach der ISCED Klassifikation (ISCED 2011) abgegrenzt,
wobei
- ISCED 0 bis 2 einem niedrigen (kein beruflicher Abschluss und kein Abitur),
- 3 bis 4 einem mittleren (Abitur oder Lehre oder vergleichbarer Abschluss) und
- ISCED 5 bis 8 einem hohen Bildungsabschluss ((Fach-)Hochschul- oder Meisterabschluss)
entsprechen.
Bei den Qualifikationsniveaus ist zu berücksichtigen, dass unter anderem Erwerbstätigkeiten während der Ausbildung oder des Studiums nicht in die Lebensarbeitszeit der Personen mit mittlerem beziehungsweise hohem Bildungsabschluss eingehen. Dies führt laut BiB tendenziell zu einer leichten Unterschätzung der Lebensarbeitszeit von Personen mit mittlerem Bildungsabschluss.
cva