Self-Care-Serie
Jünger Altern – Hope, Hype, Hybris, Heist oder Hoax?
Unsterblichkeit oder zumindest Langlebigkeit ist Ausdruck eines uralten Menschheitstraums: Die Legende vom Jungbrunnen hat die Phantasie der Menschheit über Jahrhunderte beflügelt. Unter anderem Lucas Cranach der Ältere hat sie in ein Gemälde gefasst (Der Jungbrunnen, 1546).
Heute wächst das Wissen über die biologischen Mechanismen des Alterns nahezu täglich – zugleich werden die soziokulturellen Implikationen drängender. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit will der folgende Überblick nicht nur den aktuellen Wissensstand hinsichtlich der diagnostischen, therapeutischen und präventiven Möglichkeiten reflektieren, sondern auch die potentiellen Weiterungen dieses Trends für die gesellschaftliche Entwicklung unter Einbeziehung evolutionsbiologischer Aspekte in den Blick zu nehmen.
Longevity versus Anti-Aging
Longevity unterscheidet sich vom klassischen Anti-Aging fundamental: Während letzteres, im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des griechischen Adjektivs 'kosmetikos' ("zum Schmücken geeignet"), kosmetische Eingriffe und Modifikationen des äußeren Erscheinungsbildes, der Persona (lat. Maske) umfasst, zielt Longevity durch Optimierung organismischer Grundlagen nicht nur auf ein längeres (Lifespan), sondern auch möglichst beschwerdefreies Leben (Healthspan).
Und das ist inzwischen keine reine Phantasie mehr: Hundertjährige gibt es mittlerweile Tausende auf der Welt, selbst die Zahl der "Supercentenarians", die 110 Jahre und älter werden, geht mittlerweile in die Hunderte. Die bisher älteste Frau (mit amtlich belegtem Geburts- und Todestag), Jeanne Calment aus Frankreich, wurde 122 Jahre alt.
"Es gab offenbar schon historische Phasen, in denen ein höheres Lebensalter kollektiv erreichbar war."
Allerdings hat es auch schon in früheren Zeiten Hoch- und Höchstbetagte gegeben: Die Äbtissin Hildegard von Bingen erreichte im Mittelalter immerhin das 81. Lebensjahr, ein Holländer, geboren 1788, wurde über 110 Jahre alt, der Engländer Thomas Parr, ein Zeitgenosse von Peter Paul Rubens (1577–1640), soll über 150 Jahre alt geworden sein, was jedoch umstritten ist.
Es gab aber auch historisch offenbar schon Phasen, in denen ein höheres Lebensalter kollektiv erreichbar war. So existieren aus der Gupta-Periode, dem "goldenen Zeitalter" Indiens im 3. Jahrhundert nach Christus, Lebensregeln für die Eliten der auf dem Subkontinent prosperierenden Stadtstaaten, die auf eine Lebenserwartung von 90 Jahren skaliert waren. Angesichts der damaligen durchschnittlichen Lebenserwartung in Europa, erst recht nach dem Ende des weströmischen Reiches, ist das durchaus bemerkenswert.
Auch gibt es überall auf der Welt sogenannte "Blue Zones", in denen die Menschen schon immer und bis heute ein bemerkenswertes Durchschnittsalter erreichen.
Die biologischen und medizinischen Grundlagen der Langlebigkeit
Neben individuellen Voraussetzungen spielen also Umgebungsbedingungen eine entscheidende Rolle für Langlebigkeit. In der freien Natur ist Langlebigkeit, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ein eher seltenes Phänomen. Allerdings kann man bei vielen Tierarten beobachten, dass ihre Lebenszeit in Zoos oder Wildgehegen oft länger ist als in der freien Wildbahn.
Daraus kann man ableiten, dass ausreichende (nicht übermäßige) Ernährung und die Abwesenheit von Fressfeinden wesentliche Voraussetzungen für die Erreichung eines langen Lebens sind. Das scheint analog für den Menschen zu gelten, entsprechend ist die Lebenserwartung in den letzten 150 Jahren in den sogenannten entwickelten Gesellschaften deutlich gestiegen.
Mit zunehmenden sozialen Standards ziehen auch die sogenannten Entwicklungsländer nach. Hier wird meist der medizinische Fortschritt als Ursache genannt. Es ist aber durchaus nicht eindeutig geklärt, ob der Fortschritt der individualmedizinischen Versorgung eine größere Bedeutung hat als die verbesserte allgemeine Hygiene durch keimfreies Trinkwasser, eine regulierte Abwasserentsorgung und eine reduzierte Gewaltrate.
"Ohne fachkundige Interpretation erhöht ungezieltes 'genetic mapping' nur die Unsicherheit."
Die ursprüngliche Hoffnung, durch simple (nichtsdestotrotz methodisch natürlich hochkomplexe) genomische Analysen einen eindeutigen prädiktiven Wert für die erwartbare Lebenszeit zu definieren, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil stellte sich heraus, dass die alleinige Identifikation eines Genlocus oder einer Mutation in aller Regel wenig darüber aussagt, ob sich eine Erkrankung im Laufe eines Lebens auch tatsächlich manifestiert. Ein ungezieltes "genetic mapping", das man sich heute für entsprechendes Geld unter Abgabe einer Blut- und/oder Speichelprobe im Internet bestellen kann, erhöht ohne eine fachkundige Interpretation nur die Unsicherheit.
Mittlerweile hat die biomedizinische Wissenschaft eine Unmenge von Indikatoren identifiziert, denen ein prädiktives Potential für die Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird, bestimmte Erkrankungen zu erleiden. Aus Sicht der Langlebigkeitsforschung sind hier besonders Indikatoren für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinsuffizienz und Arteriosklerose, für Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen sowie für neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz, Parkinson oder Alzheimer oder für Krebserkrankungen von Relevanz.
Ein zentraler Forschungsstrang widmet sich der Frage, wie Alterungsprozesse reversibel gestaltet werden können. So wird an der Entwicklung von Senolytika gearbeitet, die alternde Zellen und Trümmer von Mitochondrien eliminieren, welche entzündungsfördernde Signale emittieren. Die Reprogrammierungsforschung untersucht, ob eine partielle epigenetische Rücksetzung Alterungsindikatoren reduzieren kann, ohne dass dabei gesundheitliche Risiken entstehen. Auch bestimmte Stoffwechselpfade sind im Fokus experimentellen Interesses und aus der Chronobiologie wachsen die Erkenntnisse über den Einfluss der Störungen des Tag-Wach-Rhythmus auf stoffwechselbedingte Alterungsprozesse.
Biologische Uhren
Im Fokus des aktuellen Interesses stehen aber vor allem "biologische Uhren", also Parameter, mit denen sich feststellen lässt, ob der Untersuchte biologisch jünger oder älter ist, als seinem kalendarischen Lebensalter entspricht.
Allerdings muss festgestellt werden, dass diese Parameter allein nur bedingt aussagekräftig sind: So konnte 2023 bei der sehr umfangreichen Untersuchung der im Folgejahr mit rund 117 ½ Jahren verstorbenen Katalonierin, der bis dahin ältesten Frau der Welt, festgestellt werden, dass sie relativ kurze Telomere aufwies, was auf hohes Alter hindeutet. Telomere gelten als Biomarker für das Alter. Andere Parameter reduzierten ihr biologisches Alter jedoch um 23 Jahre im Vergleich zum kalendarischen. Immerhin war sie biologisch damit auch schon eine respektable Mittneunzigerin.
Zu diesen anderen Parametern gehörten offenbar ein extrem gut funktionierendes Immunsystem mit einer spezifischen Komposition aus B- und T-Lymphozyten, ein hervorragend regulierter Lipidstoffwechsel, das Fehlen jeglicher genetischen Prädisposition für kardiovaskuläre Erkrankungen und ein Darmmikrobiom, das durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Bifidusbakterien gekennzeichnet war. Offensichtlich hatte die Höchstbetagte die Angewohnheit, jeden Tag drei Becher Joghurt zu essen. Daneben konnte eine Reihe von Genen identifiziert werden, die in der europäischen Bevölkerung äußerst selten vorkommen. Ob diese ursächlich für das lange Leben der Seniorin waren, ist bisher Gegenstand der Spekulation.
Welche Rolle spielen die Gene?
Insgesamt hat sich mittlerweile nämlich herausgestellt, dass die Rolle der primären genetischen Ausstattung eines Individuums offenbar einen weitaus geringeren Einfluss auf dessen Lebenserwartung hat als früher angenommen. Derzeit werden etwa sieben bis acht Prozent veranschlagt. Somit wiegen Lebensstil und Umwelteinflüsse schwerer. Entsprechend können ungünstige genetische Dispositionen teilweise kompensiert, günstige durch schädliche Lebensführung jedoch auch neutralisiert werden.
"Ungünstige genetische Dispositionen können kompensiert, günstige durch schädliche Lebensführung neutralisiert werden."
Will man sein eigenes biologisches Alter optimieren, empfiehlt sich aus diagnostischer Perspektive ein breites Screening – dabei wird zunehmend auch Künstliche Intelligenz eingesetzt. Die daraus abzuleitenden Interventionen reichen von alltäglichen Maßnahmen – Bewegung, Gewichtsnormalisierung, Stressmodulation, Suchtmittelreduktion, meditative Praktiken – bis hin zu gezielten Substitutionen fehlender Vitamine und Spurenelemente, idealerweise durch optimierte Ernährung, durch Zugabe von Nahrungsergänzungsmitteln im Einzelfall.
Mit zunehmendem Alter geraten entsprechende Empfehlungen jedoch in ein Spannungsfeld: Für Hochbetagte kann der Verlust durch strikten Verzicht lebensverkürzender wirken als der potentielle Nutzen des Verzichts selbst – einfach deshalb, weil das Alter als unabhängiger Faktor alle anderen Parameter statistisch "überstrahlt".
Religiöse Praxis und Musik
Interessanterweise deuten einige Studien auch auf eine Steigerung der Lebenserwartung durch religiöse Praxis um mehr als sechs Jahre hin. Dagegen zeigt sich bei "militant-atheistischen" Männern die geringste Lebenserwartung. Es ist Gegenstand aktueller Diskussion, ob diese positiven Effekte kausal oder mit dem mit der jeweiligen Religion assoziierten Lebensstil korreliert sind.
Auch musikalische Betätigung, insbesondere Klavierspielen, bis ins hohe Alter scheint erhebliche verjüngende Auswirkungen auf die Plastizität des Gehirns zu zeitigen, wie die große Zahl hochbetagter Pianisten und Dirigenten demonstriert.
Philosophische, ethische und sozio-kulturelle Implikationen
Der Longevity-Trend wirft kritische Fragen auf. Erstens: Warum wollen wir überhaupt länger leben? Jenseits religiöser Eschatologien verfolgen vorwiegend atheistische Gesellschaften zunehmend das Ideal der Maximierung der diesseitigen Existenz. Damit droht aber das Leben des Einzelnen zur einzig relevanten Maxime des Handelns zu werden und, schlimmer noch: über das der Anderen zu rücken – ein Gedanke, der bereits heute an dunkle Ränder stößt, weil der exklusive Zugang zu Diagnostik, Therapien und Organtransplantationen globale Ungleichheiten schafft.
Zweitens: Was geschieht, wenn viele erheblich länger leben und grundsätzlich die meisten länger leben könnten? Angesichts erwartbar zunehmender struktureller Begrenzungen der öffentlichen Gesundheitssysteme ist davon auszugehen, dass Longevity zum Luxusgut mutiert, was in extremen sozialen Spaltungen resultieren könnte: Eine kleine Elite optimiert ihr biologisches Alter, während die Mehrheit allenfalls von Basismedizin profitiert und im schlimmsten Fall durch entsprechend prekarisierte soziale Bedingungen zum "freiwilligen" Ersatzteillager mutiert.
Mammutbäume, Galapagos-Schildkröten, Mensch?
Drittens: Ist Langlebigkeit evolutiv sinnvoll? Die Natur toleriert offenbar extrem langlebige Organismen (Schwämme, Mammutbäume, Galapagos-Schildkröten), solange ihr ökologischer Fußabdruck gering bleibt.
Problematisch könnte es werden, wenn sehr langlebige Eliten mit hohem Ressourcenverbrauch gesellschaftliche Systeme über Jahrzehnte, gegebenenfalls Jahrhunderte, dominieren. Dies könnte neben einem deutlich größeren ökologischen Fußabdruck auch zu Innovationshemmungen, Verkrustung und schleichender Dysfunktion der jeweiligen Gesellschaften führen, denen vermutlich dann im besten Sinne des darwinschen Anpassungspostulats die Auslöschung im globalen Wettbewerb der Systeme zuteil würde.
"Die Vision einer langlebigen, superreichen Führungsgruppe ist auch sozial und evolutiv höchst fragil."
Die Vision einer langlebigen, superreichen Führungsgruppe ist somit nicht nur medizinisch fragwürdig, sondern auch sozial und evolutiv höchst fragil. Letztlich wird auf die ein oder andere Art wohl immer wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden, sei es durch ökologische, ökonomische oder politische Korrekturen.
Eine solche Korrektur wird jedoch mit erheblichen Kollateralschäden einhergehen – dann auch für die Nicht-Langlebigen. Somit sollten bereits jetzt Kriterien definiert werden, wie sich die angedeuteten negativen Implikationen der Langlebigkeit durch entsprechende, neu zu denkende und definierende gesellschaftliche Konsensmechanismen vermeiden lassen.
Den Longevity-Trend aufzuhalten wird nicht gelingen – dazu sind dessen Verheißungen schlicht zu verlockend.
Self-Care-Serie im Dezember
- Auftakt zur Beitragsserie (19. Dezember):
"Selbstfürsorge im Wissenschaftsbetrieb" von F&L-Redakteurin Christine Vallbracht
- Beitrag von F&L-Redakteurin Charlotte Pardey (27. Dezember):
"So können Hochschulangehörige auf ihre Ressourcen achten", mit Erläuterungen von Gesundheitswissenschaftler Professor Nils Altner zu professioneller Selbstfürsorge
- "Endloser Stress, freie Tage, plötzlich krank: Leisure Sickness" (29. Dezember):
Interview von F&L-Redakteurin Christine Vallbracht mit Gesundheitswissenschaftlerin Professorin Stefanie André
- Gastbeitrag von Professor Ralf Peter (30. Dezember):
"Jünger Altern – Hope, Hype, Hybris, Heist oder Hoax?", Redaktion: Henrike Schwab