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Christian Stein / Philipps-Universität Marburg
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Christina Brüning
Marburger Professorin sieht sich mit Bedrohungen alleingelassen

Seit 2025 erhält die Holocaust-Expertin Drohungen. Auf ihre Offenheit gegenüber der Hessenschau reagiert die Wissenschafts-Community solidarisch.

16.06.2026

Die Marburger Historikerin Professorin Christina Brüning hat erstmals öffentlich über Mordaufrufe gegen sie berichtet. Gegenüber der Hessenschau schilderte sie fortwährende Bedrohungen und Störungen in Seminaren. Der ausführliche Artikel und das Video vom 11. Juni, in dem sie von "Gedanken über Frühpension" spricht, veranschaulichen den psychischen Druck, unter dem die 45-jährige Expertin für Didaktik der Geschichte mit einem Themenschwerpunkt auf Holocaust und Antisemitismus steht. 

Brüning berichtete gegenüber der Hessenschau, dass sie seit dem aktuellen Semester nur noch im Homeoffice arbeite, dass Marburg für sie, aber auch für ihr 14-köpfiges Team, "zum Angstort" geworden sei. Teammitglieder hätten ihre Wohnungen gekündigt, ihre Büros gewechselt und Namensschilder entfernt. Brüning und damit verbunden auch ihr Team sähen sich seit Dezember 2025 regelmäßig mit Morddrohungen konfrontiert

Die Historikerin verortet laut Hessenschau die Bedrohung im rechtsextremen Lager, da sie bereits seit 2021 in Universitätsveranstaltungen Störungen, aggressive Zwischenrufe und Schmierereien mit diesem Bezug erlebt hätte. Studierende hätten diese Vorgänge gegenüber dem Nachrichtenportal bestätigt. 

Unterstützung von Polizei und Hochschule ungenügend 

Brüning sieht sich auch von der Hochschule "im Stich gelassen". Dazu erklärte ihr Fachbereichsleiter, Geschichtsdekan Professor Eckart Conze, gegenüber der Hessenschau, dass es an der Philipps-Universität Marburg ein Problem mit "rechtsextremen Vorstößen" der Einflussnahme gebe. Man plane derzeit die Erarbeitung eines Wertekodex zum Umgang mit Anfeindungen auf Wissenschaft und Lehrende. 

Zunächst hatte der Staatsschutz des Landes Hessen ermittelt, jedoch bald die Untersuchung ergebnislos eingestellt. Am 12. Juni berichtete die Hessenschau, die Ermittlungen seien vom Polizeipräsidium Mittelhessen erneut aufgenommen worden. Diese stünden allerdings in Zusammenhang mit einer Strafanzeige zu "antisemitischen Schmierereien, die im Mai in der Universität aufgetaucht" und mit einem Pro-Palästina-Aufruf verbunden gewesen sein sollen.  

Auch in den Fraktionen des hessischen Landtags diskutiere man über den Fall. Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) habe gegenüber der Hessenschau die Vorfälle scharf kritisiert und Brüning in einem persönlichen Gespräch Unterstützung zugesichert. Das hessische Wissenschaftsministerium habe die Themen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus als potentielle Gefahren für die Hochschulen im Blick. 

Auf Anfrage des Nachrichtenportals habe sich auch Professor Marcell Saß, Theologieprofessor aus Marburg und hessischer Landesvorsitzender des Deutschen Hochschulverbands (DHV), verurteilend geäußert. Die Gewaltandrohungen seien nicht zu tolerienen, widersprächen den Vorstellungen des DHV von freier Wissenschaft und von offener Debatte. Es brauche verlässliche Rahmenbedingungen sowie Schutz vor persönlichen Anfeindungen und politischer Einflussnahme.

Solidaritätsbekundungen gegenüber der Historikerin 

Hochschulpräsident Professor Thomas Neuss hatte im Namen der Universität Marburg nach den ersten Morddrohungen im Dezember mit einer öffentlichen Stellungnahme reagiert. Darin ist von wissenschaftsfeindlichen und antifeministischen Angriffen sowie einer "neuen Eskalationsstufe" die Rede. Gewaltandrohungen seien ein Angriff auf die gesamte Universitätsgemeinschaft und auf die Freiheit der Wissenschaft. Man stehe hinter dem Team und unterstütze es "vollumfänglich". 

Ebenfalls in einem Online-Statement äußerte die Konferenz für Geschichtsdidaktik am 11. Juni ihre Solidarität mit der Fachkollegin. Das Gremium betonte, dass "Einschüchterungen, Bedrohungen und persönliche Angriffe" keinen Platz in der Hochschullandschaft hätten. Machtkritische, antisemitismuskritische und postkoloniale Perspektiven, wie sie Brüning in ihrer Arbeit verfolge, seien "zentrale Bestandteile wissenschaftlicher Reflexion und demokratischer Bildung". Man stehe fest an der Seite Brünings und ihrer Arbeitsgruppe und bekräftige das eigene Engagement für ein "respektvolles, offenes und sicheres akademisches Umfeld". 

Das Team der Kölner Melanchthon-Akademie unter Akademieleiter Dr. Martin Bock und Dr. Stefan Hößl heben in ihrer öffentlichen Solidaritätsbekundung auf der Akademie-Website hervor, dass sie wüssten, dass es sich nicht um einen Einzelfall handele. "So wissen wir sehr genau, dass rechtsextreme Akteur*innen in und im Umfeld von Hochschulen aktiv sind und immer wieder demokratiebezogen engagierte Mitarbeiter*innen und Studierende sowie letztlich die Wissenschaftsfreiheit selbst angreifen, um ihre menschenfeindlichen Inhalte zu setzen", heißt es dort. Das Team der Akademie bezeichnet Brüning als "engagierte Kämpferin gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homo-/Transfeindlichkeit und Rechtsextremismus sowie für Demokratie und das Ideal eines respektvollen Miteinanders in der pluralen Migrationsgesellschaft". Sie appellieren an "Verantwortungsträger*innen, Studierende und Kolleg*innen in ihrem Umfeld mit Nachdruck", hinzusehen, Verantwortung zu übernehmen und "endlich ins Handeln zu kommen". 

In zahlreichen Kommentaren auf Social-Media-Plattformen solidarisieren sich Kolleginnen und Kollegen sowie weitere Unterstützende teils unter dem Hashtag #StandWithChristinaBrüning. Viele weisen darauf hin, dass es wichtig sei, dass Hochschulen, wissenschaftliche Einrichtungen aber auch die Gesellschaft als Ganzes Haltung zeige gegenüber Hassbekundungen von politisch rechtsextremer, antidemokratischer und deswegen wissenschaftsfeindlicher Seite. Bei den Drohungen gegenüber einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern handle es sich um gefährliche, nicht hinnehmbare Angriffe auf die Freiheit von Forschung und Lehre.

aktualisiert am 17. Juni um 8:35 Uhr [Ergänzung Hintergrund Schmierereien und DHV-Stellungnahme], erstmals veröffentlicht am 16. Juni 2025

cva