Science Slam in Köln
Forschung & Lehre/Katrin Schmermund

Science Slams
Mit der eigenen Forschung auf der Clubbühne

Bei Science Slams präsentieren Wissenschaftler ihre Forschung möglichst kreativ einem bunten Publikum. Das ist gefragt – wer fehlt, sind die Slammer.

Von Katrin Schmermund 28.04.2018

Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Biomassereaktoren rappen, die Stärke von Tsunamis mit dem Gewicht von Äpfeln vergleichen oder sich mit ihren eigenen sprachlichen Fauxpas auf die Schippe nehmen, dann ist Science Slam angesagt.

"Die Kunst ist, die eigene Forschung so zu erklären, dass sie jeder – zumindest in Ansätzen – verstehen kann", sagt Dr. Julia Offe, die über die Online-Plattform "scienceslam.de" mittlerweile hauptberuflich Science Slams und ähnliche Veranstaltungen in Deutschland organisiert.

Ob anschaulich, unterhaltsam oder lustig: Wie Wissenschaftler ihren Vortrag gestalten, ist ihnen selbst überlassen. Auf der Science-Slam-Bühne können sie präsentieren, experimentieren oder eben auch rappen. Festgelegt ist, dass sie dafür jeweils zehn Minuten Zeit haben. Danach bespricht sich das Publikum kurz in Kleingruppen und stimmt dann mit Wertekarten zwischen eins und zehn über den jeweiligen Vortrag ab. Ein wichtiger Aspekt des Science Slams, sagt die Molekularbiologin Julia Offe. "Während sich die Leute auf eine Punktezahl einigen, kommen sie über Wissenschaft ins Gespräch – und genau das ist das Ziel."

Als Wissenschaftler profitiere er von dem Austausch über seine Forschung, sagt Geophysiker und Teilnehmer Dr. Andreas Schäfer – sei es mit dem Publikum oder auch anderen Wissenschaftlern. "Ich bekomme mit, was die Leute interessiert und ein Gespür dafür, auf welchem Niveau ich mich bewegen muss, um fachlich verständlich zu erklären."

Teilnehmer Dr. Uwe Gaitzsch hebt die Fülle an Informationen hervor: "Ich bin der typische Nerd, der sich für alles interessiert", sagt der Materialwissenschaftler vom Fraunhofer Institut. "Science Slams sind eine super Möglichkeit, um aus ganz verschiedenen Fachrichtungen etwas zu erfahren."

Die Routine auf der Bühne sei außerdem eine gute Vorbereitung auf andere Vorträge, sagte Slammer und Moderator André Lampe einmal im Interview mit "Wissenschaft im Dialog". Vor allem in der interdisziplinären Forschung könne dies nützlich sein: Zwar präsentiere man hier vor Wissenschaftlern, doch seien diese ebenfalls keine Experten für das vorgetragene Thema.

Vor allem Naturwissenschaftler punkten beim Publikum

"Die Nachfrage nach Science Slams ist riesig", sagt Julia Offe. Pro Slam kämen im Schnitt 200 bis 400 Gäste. Ob Uni-Aula, Kulturzentrum oder Club: Oft seien es die Räumlichkeiten, die die Besucherzahl begrenzten, nicht die Nachfrage nach Tickets. Erreicht werden sollen laut der Organisatorin vor allem diejenigen, "die in ihrer Freizeit nicht in eine Ringvorlesung gehen würden und vielleicht auch selten in ein Museum oder an einen sonstigen wissenschaftlichen Ort". Ein grundlegendes Interesse für Wissenschaft müssten sie aber natürlich mitbringen. Die größte Gruppe seien bislang Studierende, die im Schnitt ein Drittel des Publikums ausmachten.

Der Science Slam – eine Initiative aus Darmstadt

Science Slams gibt es seit 2006. Ihr Begründer ist der Verständlichkeitsforscher Alex Dreppec. Er trat vorher bereits als Poetry-Slammer auf. Den ersten Slam organisierte er in Darmstadt. Über die Jahre hat sich die Liste an Städten stetig verlängert. Seit 2010 gibt es sogar Deutsche Meisterschaften im Science Slam. 2014 folgten die Europameisterschaften. 

Den Zuschauern wolle man eine Vielzahl an Teilnehmern und Themen bieten. Dies gelinge jedoch noch nicht wie gewünscht. "Meistens müssen wir noch gezielt Slammer einladen, um ausreichend Vorträge für eine Veranstaltung zusammenzubekommen und den Gästen nicht absagen zu müssen", sagt Julia Offe.

Nehmen Forscherinnen und Forscher teil, kämen sie aus ganz unterschiedlichen Fächern und seien im Schnitt zwischen Mitte 20 und Mitte 30. "Anders als in den ersten Jahren sind mittlerweile auch mehr Frauen dabei", sagt Organisatorin Julia Offe. "Wir haben die Rückmeldung bekommen, dass es unter anderem daran liegt, dass wir im Organisations-Team vor allem Frauen sind und oft auch eine Frau moderiert."

Anders sieht die Verteilung bei den Deutschen Meisterschaften aus. Gewonnen haben seit deren Start 2010 ausschließlich Männer, meist aus naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, 2017 etwa der Materialwissenschaftler Martin Werz mit dem "Rührreibschweißen in der Küche".

"Naturwissenschaftler – im weiteren Sinne – scheinen bei dem Publikum tatsächlich besonders gut anzukommen", beobachtet auch Julia Offe. "Vielleicht liegt es daran, dass sie sich besonders gut 'leisten können', selbstironische Witze zu machen." Bei einem Physiker stelle kaum jemand in Frage, dass er ein "richtiger" Wissenschaftler sei.

"Abwechslungsreiche Formate für die Wissenschaftskommunikation sind in Deutschland noch nicht so typisch." Science-Slam-Organisatorin Julia Offe

Warum sich insgesamt so wenige Wissenschaftler meldeten? Dafür habe sie auch keine richtige Erklärung. Bei Promovierenden erklärt sie es sich mit der mangelnden Zeit.
"Viele unterschätzen gerade am Anfang den Aufwand und sagten kurzfristig wieder ab", sagt sie. "Es ist etwas anderes, die eigene Forschung vor Wissenschaftlern vorzutragen – und das meist noch aus dem eigenen Fachbereich – als sie so herunterzubrechen, dass sie allen Menschen einleuchtet und sie bestenfalls begeistert."

Hinzu kämen kulturelle Gründe. "Abwechslungsreiche Formate für die Wissenschaftskommunikation sind in Deutschland noch nicht so typisch", sagt Julia Offe. Vor allem Großbritannien sei da schon weiter. "Engländer haben viele niedrigschwellige Angebote." In London könnten etwa Schulklassen in dem naturhistorischen Museum zwischen den Dinosauriern auf Matratzen übernachten. "Ich fände es gut, wenn wissenschaftliche Orte auch in Deutschland stärker ein selbstverständlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens werden würden."

Science Slams: Ein Kommunikations-Format in der Kritik

Harsche Kritik an Science Slams äußerte 2015 Dr. Magnus Klaue vom Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon-Dubnow. In der Print-Ausgabe von Forschung & Lehre beschrieb er Science Slammer als "verbissen an der Optimierung ihrer Performance arbeitende Existenzgründer". Dabei verkauften sie das Publikum für dumm, indem sie ihren Zuhörern nicht zutrauten, "länger als zehn Minuten der Erklärung eines komplexen Sachverhaltes zuzuhören". 

Slammer und Moderator André Lampe kritisiert diese "pauschalen Vorwürfe" im Interview mit "Wissenschaft im Dialog". Er argumentiert, dass der Vorwurf einer Infantilisierung des Publikums aus der Luft gegriffen sei. Gleichzeitig fürchtet er mit Blick auf solche Kritik, dass Slammen in manchen Fällen der Karriere in der Wissenschaft schaden könne. "Das betrübt mich sehr, weil die Auseinandersetzung mit dem Science Slam eigentlich Fähigkeiten fördert, die einem wirklich weiterhelfen."

Science Slam sei Bühnenkunst, sagt er, und das meine er in keiner Weise abwertend. Es sei als ein ergänzendes Format, nicht als Ersatz für rein wissenschaftliche Vorträge zu sehen. Den Wettbewerbscharakter hält der Doktorand in Biochemie an der Freien Universität Berlin für wichtig, um das Format für das Publikum spannend zu machen. Wem das Gewinnen jedoch die Grundmotivation liefere, sei beim Science Slam fehl am Platz.

Die Absicht zu gewinnen sei für ihn zwar nicht der einzige, aber ein wesentlicher Antrieb für seine Teilnahme an Science Slams, sagt Materialwissenschaftler Uwe Gaitzsch. Über seine Auftritte führt er Strichliste: Bei 31 Slams war er bislang dabei. Zwölfmal hat er den ersten Platz gewonnen. Hinzu kommen mehrere Zweit- und Dritt-Platzierungen. Das Publikum ist von seinem Rap über Supraleiter begeistert. An dicht verpackten Informationen mangelt es dabei nicht. 


Dr. Uwe Gaitzsch und sein Supraleiter-Rap


Aufklären und in den Austausch mit dem Publikum kommen

Teilnehmer Andreas Schäfer erzählt, dass sich seine Motivation für die Teilnahme am Science Slam gewandelt habe – vom Ehrgeiz zu gewinnen zum Spaß an der Sache und der Überzeugung, damit das Richtige zu tun. "Ich möchte über mein Forschungsgebiet aufklären", sagt der Doktorand am Geophysikalischen Institut des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). "Wenn nach dem Vortrag Leute auf mich zukommen, freut mich das.

In sozialen Netzwerken mische er sich immer wieder in Diskussionen von Verschwörungstheoretikern ein, liefere wissenschaftlich basierte Gegenargumente. "Häufig bekomme ich als Erdbebenforscher Zuschriften von Menschen, die glauben, dass Naturkatastrophen vom geheimnisvollen Planet X hervorgerufen werden, dessen Existenz von regierungsnahen Wissenschaftlern vertuscht werde", berichtet er. "Natürlich weiß ich, dass ich nicht an jemanden herankomme, der sich auf seine Theorien versteift hat. Aber meine Antworten sehen andere Nutzer – das alleine ist viel Wert."

Mit Blick auf die Kritik an Vereinfachungen beim Science Slam sagt Teilnehmerin und Dozentin für Linguistik an der Universität des Saarlandes Dr. Carrie Ankerstein: "Wir vereinfachen im Alltag doch so vieles. Nehmen wir den Geschmack – in der Regel unterscheiden wir zwischen süß, bitter, sauer und salzig." Dabei gebe es so viele Geschmäcker mehr, für die wir aber einfach keine Worte hätten.

"Sobald du Experte für etwas bist, merkst du, was aus diesem Bereich alles im Alltag vereinfacht wird", sagt sie. Wolle man dies umgehen, könne man sich nur über die eigenen Fachgebiete unterhalten und das auch nur mit Fachkollegen. "Das kann aber nicht die Lösung sein. Leute, die Steuern zahlen, bezahlen mich und dass ich es an sie zurückgeben kann, finde ich toll."

Der Biologie-Promovend Felix Heider war in diesem Jahr zum ersten Mal bei einem Science Slam dabei. Die Vorträge hätte er sich insgesamt ernster und wissenschaftlicher vorgestellt, sagt er. "Ich habe erwartet, dass mehr Faktenwissen vermittelt wird und die Leute etwas lernen, das sie sich woanders nicht hätten anlesen können." Den Science-Slam-Abend fand er locker und witzig. "So war es irgendwie schöner, aber die wissenschaftliche Message ist etwas auf der Strecke geblieben."

Felix Heider erforscht mit der CRISPR/Cas-9-Methode, wie man Blutzellen so verändern kann, dass Blutkrankheiten geheilt werden können. Damit bewegt er sich in einem Feld, das in Deutschland gesellschaftlich umstritten ist. Eignet es sich überhaupt für einen Science Slam? "Ich glaube, dass sich grundsätzlich jedes Thema lustig oder einfach nur kreativ aufbereiten lässt", sagt der Wissenschaftler. Jeder Forscher müsse das nötige Feingefühl für sein Thema mitbringen. Er habe sich zum Beispiel entschieden, die kritischen Punkte in seine Präsentation einzubinden.

Wissenschaftskommunikation auf Zielgruppe zuschneiden

Ähnlich wie beim Poetry Slam hat der Begriff "Science Slam" Kultcharakter gewonnen. Auf immer mehr Veranstaltungen in Universitäten, Schulen oder anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen sind Vorträge als Science Slam ausgezeichnet, um mehr Leute anzuziehen. André Lampe appelliert an die Organisatoren von Science Slams, sich an Standards für die Slams zu halten, um deren Ruf nicht zu ruinieren.

"Natürlich gibt es außergewöhnliche und kreative wissenschaftliche Vorträge neben Science Slams", sagt Julia Offe. Ein Science Slam sei es aber erst, wenn drei Voraussetzungen gegeben seien: "Jeder Vortrag dauert zehn Minuten, man stellt ein eigenes Forschungsprojekt vor, und das Publikum bildet die Jury."

Machen sich Slammer dann die Mühe, ihre Erkenntnisse so zu verpacken, dass sie Information und Unterhaltung geschickt verknüpfen, bieten Science Slams die Chance, Wissenschaft greifbarer und lebendiger zu machen. Das Publikum verbindet die Themen mit den Slammern, mit einem Gesicht. Im besten Fall kommen Slammer und Gäste in den Pausen oder nach der Veranstaltung ins Gespräch. Ist die Neugierde einmal geweckt, recherchiert der eine oder die andere womöglich vor dem heimischen Computer weiter. Letztlich kommt es darauf an, was Organisatoren, Teilnehmer und Publikum aus dem Format machen.

Weiterführende Informationen 

Die größten Organisatoren für Science Slams in Deutschland:

www.scienceslam.de, Initiatorin: Molekularbiologin Dr. Julia Offe

www.science-slam.com, Initiator: Städteführer und Gutscheinanbieter "LUUPS"


Wissenschaftlerin und Autorin Giulia Ender – durch ihre Teilnahme am Science Slam 2012 wurden sie und ihre Forschung über den Darm bekannt


0 Kommentare