Mann sitzt telefonierend an seinem Arbeitsplatz vor einem Laptop
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Corona und die Universität
Neue Ideen brauchen zufällige Begegnungen

Die Universität ist ein spontaner Begegnungsraum. Sie leidet unter Kontaktreduzierungen und Präventionsmaßnahmen, wie unser Autor argumentiert.

Von Oliver Lepsius 10.04.2021

Im Jahr 2020 haben wir vor allem eines gelernt: Corona zu meistern verlangt, Kontakte zu reduzieren. Freiheitsräume können erst wieder geöffnet werden, heißt es, wenn das Geschehen in ihnen zurückverfolgt werden kann. Wie können aber Veranstaltungen, die keine Rückverfolgbarkeit der Teilnehmer erlauben, unter diesen Bedingungen zugelassen werden? Veranstaltungen, Gewerbe und Orte, die Zufallsbekanntschaften ermöglichen oder auf dem Prinzip des zufälligen Kontakts beruhen, haben kaum Perspektiven. Unter dieser Situation leiden nicht nur Bereiche, deren Zweck es ist, Menschen zusammenzubringen, sondern besonders junge Menschen, die allein leben, einen Partner suchen, Menschen, die sich verändern wollen, umziehen und sich ein neues soziales Leben aufbauen wollen. Und unter dieser Situation leidet die Wissenschaft und ihre Institution, die Universität. Wir können die Universität nicht als einen Ort der Nachverfolgung von Begegnungen organisieren. Selbst perfekte Hygienekonzepte schließen große Vorlesungen, frei zugängliche Bibliotheken und spontane Begegnungsräume aus.

Präventionslogik gefährdet Kreativität

Die Präventionslogik, nicht verfolgbare Zufallskontakte zu unterbinden, ermöglicht es, Schulen anders zu behandeln als Hochschulen. Hochschulen gelten als potenziell besonders infektionsgefährdeter Raum (was sie in geistiger Hinsicht zweifellos sind), weil sie als soziales Milieu gerade auf Zufallskontakten basieren. Neue Ideen aber entstehen nun gerade oft aus Zufällen. Argumente werden überprüft und verbessert, weil plötzlich jemand (nicht selten Studierende) etwas sagt oder fragt. Wissenschaft lebt von Wettbewerbssituationen, deren ideelle Offenheit die prinzipiell beliebige physische Anwesenheit von Menschen mit ihren Gedanken und Fragen voraussetzt. Pluralismus und Wettbewerb können nicht geplant oder inszeniert werden: ohne eine physisch offene Kontaktstruktur sind sie nicht zu haben. Man rühmt, Zoom-Sitzungen seien konzentrierter und kürzer. Tatsächlich fördern sie aber die Diskursregulierung des Sitzungsleiters. Die Veranstaltung dient nicht dem Nebenzweck, über Dinge nachzudenken, neue Dinge aufzuwerfen, Gedanken auch spielerisch oder mit den rhetorischen Möglichkeiten des Scherzes oder der Ironie auszuprobieren. Die Sachlichkeit von Zoom-Veranstaltungen hat eine hierarchieverstärkende und kreativitätshinderliche Kehrseite. Das ist das Problem bei digitaler Lehre. Bekannter oder standardisierbarer Stoff kann ordentlich verkündet werden. Überraschungen, Konfrontationen, Spontaneität aber werden durch digitale Formate strukturell unterdrückt.

Wissenschaft und Universität entwickeln sich in der momentanen Präventionslogik notgedrungen zu weniger kreativen Orten. Veranstaltungsformate, die durch den personellen oder didaktischen Zuschnitt Kreativität, Pluralismus und Wettbewerb der Ideen fördern, sind beweispflichtig geworden. Dies geschieht anhand von Kriterien, die die Universität in ihrer Zielrichtung behindern. Die Universität wird institutionell bedroht, wenn sich eine Präventionslogik etabliert, die Kreativräumen skeptisch begegnet, weil sie Zufallskontakte vermeiden zu müssen meint.

Welche Lebensbereiche werden die Kontaktreduzierungen erbringen und sich insofern gesamtgesellschaftlich opfern müssen? Das Jahr 2021 wird uns weniger virologische, dafür aber mehr politische, ethische und rechtliche Antworten abverlangen.

Kurzfassung der Rede anlässlich der Online-Examensfeier der Juristischen Fakultät der Universität Münster am 18. Dezember 2020.