Ein Mann und eine Frau sitzen in einem Ruderbot und rudern in entgegengesetzte Richtungen (Symbolbild).
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Deutschland
Polarisierung ist ein dynamisches Phänomen

Menschen lehnen ihr Gegenüber oft emotional ab, wenn sie es für politisch andersdenkend halten. Empirische Daten zeigen die Dynamik des Phänomens.

Ein rauher Umgangston, bis hin zu Anfeindungen und Übergriffen, scheint heutzutage allgegenwärtig in der Politik und spiegelt sich auch in der Gesellschaft wider. Die Politikwissenschaft beschreibt dies mit dem Phänomen der affektiven Polarisierung, womit die Tendenz von Individuen, sich Gleichgesinnten emotional nahe zu fühlen und sich zugleich von Personen oder Gruppen mit abweichenden politischen Ansichten zu distanzieren, gemeint ist. Der Eigengruppe werden positive Gefühle entgegengebracht und der Fremdgruppe negative Affekte.

Affektive Polarisierung ist dabei klar von ideologischer Polarisierung zu unterscheiden. Während sich letztere auf inhaltliche Differenzen in politischen Positionen bezieht, sei es auf der Ebene politischer Eliten oder der Bevölkerung insgesamt, geht es bei affektiver Polarisierung um wertungsbasierte, emotionale Einstellungen wie Ablehnung oder Feindseligkeit, die nicht zwingend an konkrete politische Überzeugungen gebunden sind.

Affektive Polarisierung ist weiter von politischem Misstrauen oder Politikverdrossenheit abzugrenzen, da sie nicht Ablehnung gegenüber Politik oder Institutionen beschreibt, sondern emotionale Auf- und Abwertungen zwischen als gegensätzlich wahrgenommenen politischen Gruppen und sich oft gerade bei politisch interessierten Bürgerinnen und Bürgern ausgeprägt zeigt.

Dynamik in Deutschland

Obwohl der Begriff der affektiven Polarisierung ursprünglich zur Analyse des parteipolitischen Wettbewerbs im Zweiparteiensystem der USA entwickelt wurde, zeigen neuere Studien, dass entsprechende Dynamiken auch in europäischen Gesellschaften zu beobachten sind. Politische Gegensätze verlaufen hier weniger strikt entlang fester Parteigrenzen, äußern sich jedoch zunehmend in emotional aufgeladenen gesellschaftlichen Debatten und Konflikten. Deutschland ist von diesen Dynamiken nicht ausgenommen.

Zudem sind aufgrund des Mehrparteiensystems und den damit verbundenen sich überlappenden Konfliktlinien gerade in Deutschland nicht nur parteipolitische Auseinandersetzungen, sondern auch politische Themen emotional aufgeladen. Dies betrifft konkrete innenpolitische Auseinandersetzungen zu Klima, Migration oder zum Sozialstaat, aber auch Fragen der Außenpolitik. Affektive Polarisierung manifestiert sich dabei auch zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen, die sich entlang solcher Sachfragen formieren und emotional gegeneinander abgrenzen. Diese themenbezogene Per­spektive trägt den multidimensionalen Konfliktstrukturen moderner Mehrparteiensysteme Rechnung und erlaubt es, affektive Polarisierung dort zu erfassen, wo politische Auseinandersetzungen in Deutschland häufig entstehen: im Alltag, in zivilgesellschaftlichen Arenen und in öffentlichen Debatten, oft noch, bevor sie die Politik aufgreift.

Neue Daten des Berliner Polarisierungsmonitors (BPM) erlauben uns, diese Dynamiken empirisch nachzuzeichnen. Der BPM ist eine längerfristig angelegte Panelumfrage, die ­affektive Polarisierung deutschlandweit abbildet. Die Studie umfasst 4 000 Teilnehmende. Das zurückliegende, erste Jahr des BPM war durch einen kurzen, aber intensiven Winterwahlkampf geprägt, der auf das Zerbrechen der Bundesregierung folgte und in die Bundestagswahlen im Februar 2025 mündete. An die Wahl schlossen sich Koalitionsverhandlungen sowie die erste Phase der neuen Bundesregierung an. Diese politische Übergangsphase ging mit ausgeprägten inhaltlichen Auseinandersetzungen über zentrale ökonomische und kulturelle Fragen der Innenpolitik einher und fiel zugleich in eine Zeit spürbarer geopolitischer Verschiebungen und Krisen. Der betrachtete Zeitraum ist also von besonderer Relevanz, da er Einblicke in affektive Polarisierungsdynamiken unter Bedingungen erhöhter politischer Mobilisierung, institutioneller Unsicherheit und politischer Neuordnung ermöglicht. Aus den ersten sechs Wellen des Monitors lassen sich drei Erkenntnisse gewinnen:

Deutschland ist affektiv polarisiert, besonders entlang Parteienlinien.

Die empirischen Befunde zeigen erstens, dass auch Deutschland von affektiver Polarisierung geprägt ist. Sowohl die Abneigung gegenüber Menschen, die eine andere Partei wählen, wie auch die Abneigung gegenüber Menschen mit anderen sachpolitischen Meinungen ist bedeutsam.

Abb. 1: Die Dynamik parteien- und themenbezogener affektiver Polarisierung im Jahr 2025

Dabei zeigt sich affektive Polarisierung entlang Parteienlinien als stärker ausgeprägt als themenbezogene affektive Polarisierung, wie Abbildung 1 zeigt. Dies verdeutlicht die fortwährend zentrale Rolle von Parteien als Ankerpunkte politischer Konflikte und als zentrale Akteure in den Meinungsbildungsprozessen in der Parteiendemokratie Deutschlands. Trotz des Niedergangs ihrer Organisationsfähigkeit sind Parteien noch immer in der Lage, politische Konflikte aufzugreifen und zu strukturieren.

"Parteien sind noch immer in der Lage, politische Konflikte aufzugreifen und zu strukturieren."

Stärker ausgeprägt als Polarisierung entlang von Parteienlinien ist nur die Kontroverse um das Thema der "Brandmauer", das heißt die Frage, ob eta­blierte Parteien, allen voran die Unionsparteien, mit der – laut Verfassungsschutz – gesichert rechtsex­tremen Alternative für Deutschland (AfD) zusammenarbeiten sollen. Diese Debatte entfachte sich erneut, nachdem der damalige Bundeskanzlerkandidat Friedrich Merz einen Antrag zur Eingrenzung von Migration in den Bundestag einbrachte, der anschließend auch mit Stimmen der AfD verabschiedet wurde. Diese indirekte Zusammenarbeit wurde nicht nur von den Parteien Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und SPD scharf kritisiert, sondern führte zu öffentlichem Protest. Knapp eine Million Menschen gingen bundesweit auf die Straßen. Unsere Daten zeigen: Spannungen zwischen Parteianhängern sowie der Umgang mit der AfD – Thema "Brandmauer" – bleiben die dominanten Treiber affektiver Polarisierung in Deutschland.

"Brandmauer" ist das am stärksten polarisierende Thema

Zweitens erweist sich innerhalb der Themen, die wir über einen längeren Zeitraum erhoben haben, die Debatte um die sogenannte Brandmauer deutlich als am stärksten polarisierend. Ebenfalls stark emotional aufgeladen sind zudem Debatten zur Aufnahme von Asylsuchenden, zum Umfang sozialer Absicherung sowie zur Notwendigkeit weiterer klimapolitischer Maßnahmen. Die Frage nach der Rolle Deutschlands im Nahostkonflikt sowie die Kontroverse um eine Lockerung der Schuldenbremse scheinen die Menschen in Deutschland – trotz der erhitzten Mediendebatten – hingegen weniger zu bewegen.

Wahlen fungieren als temporäre Zuspitzung affektiver Polarisierung

Drittens erweist sich affektive Polarisierung als dynamisch. Sie nimmt in Phasen erhöhter politischer Aufmerksamkeit, insbesondere rund um zentrale politische Ereignisse wie Bundestagswahlen, deutlich zu und geht im Anschluss wieder zurück. Dies entspricht auch bisherigen politikwissenschaftlichen Befunden, die einen Rückgang affektiver Polarisierung im Nachgang von Wahlen konstatieren.

"Affektive Polarisierung nimmt in ­Phasen erhöhter politischer Aufmerksamkeit deutlich zu und geht im Anschluss wieder zurück."

Im Umfeld von Wahlkämpfen steigt affektive Polarisierung, weil parteipolitische Identitäten gezielt aktiviert und zugespitzt werden, politische Eliten in Abgrenzung zu ihren politischen Rivalen antagonistische Signale senden und mittels Abgrenzung und emotionaler Bindung ihre Wählerinnen und Wähler strategisch zu mobilisieren versuchen. Die Dynamik wird durch die erhöhte mediale Aufmerksamkeit im Vorfeld von Wahlen verstärkt, indem konfrontative Frames, Negativberichterstattung und soziale Medien emotionale Reaktionen begünstigen und politische Gegensätze weiter zuspitzen.

Nach den Wahlen nehmen diese emotionalen Aufladungen wieder ab, hauptsächlich über zwei Mechanismen, die auch den Rückgang der affektiven Polarisierung nach der deutschen Bundestagswahl im Februar 2025 erklären können: Erstens zeigen Wählerinnen und Wähler, die sich als Gewinner der Wahl wahrnehmen, geringere parteipolitische Ablehnung gegenüber gegnerischen Parteien. Zweitens führt geteilte Regierungsverantwortung dazu, dass Anhängerinnen und Anhänger ko-regierender Parteien politische Gegnerschaft weniger stark emotional abwerten.

Verlauf nach Bundestagswahl 2025

Die Bundestagswahl 2025 stellte insofern eine Besonderheit dar, als sie für fast alle relevanten Parteien Gewinne hervorbrachte, sei es durch Regierungsbeteiligung im Fall von CDU und SPD oder durch deutliche Stimmenzuwächse bei Die Linke und der AfD. Entsprechend fällt der Rückgang der emotionalen Aufladung besonders stark bei den Unterstützerinnen und Unterstützern der beiden Regierungsparteien aus, wie Abbildung 2 zeigt, da diese Gruppen sowohl vom Winner-Bias als auch von Koalitionsdynamiken profitieren. Auch unter den Unterstützerinnen und Unterstützern der anderen Parteien nimmt die affektive Polarisierung mit der Aufnahme des regulären parlamentarischen Betriebs ab. Lediglich bei der Anhängerschaft der AfD ist diese Entspannung deutlich schwächer ausgeprägt, was auf den dauerhaften Wahlkampfmodus dieser Partei hindeuten könnte.

Abb. 2: Die Dynamik parteienbezogener affektiver Polarisierung nach Parteienfamilie 2025

Entspannung ist möglich

Die Ergebnisse zeigen, dass auch Deutschland als affektiv polarisierte Gesellschaft zu verstehen ist, wobei sich Polarisierung vor allem entlang parteipolitischer Konfliktlinien und in normativ stark aufgeladenen Debatten wie jener um die Brandmauer manifestiert. Politische Gegnerschaft wird dabei nicht nur inhaltlich, sondern zunehmend emotional bewertet, was Spannungen zwischen politischen Lagern verschärft.

Zugleich verdeutlichen die Befunde, dass affektive Polarisierung in Deutschland kein statisches Phänomen ist, sondern ausgeprägte zeitliche Dynamiken aufweist. Wahlkämpfe fungieren als Höhepunkte emotionaler Aufladung, während sich diese Polarisierung im Anschluss an Wahlen wieder abschwächen kann.

"Die beobachtete Entspannung nach der Bundestagswahl 2025 verweist auf ein wichtiges Moment demokratischer Resilienz."

Gerade diese beobachtete Entspannung nach der Bundestagswahl 2025 verweist auf ein wichtiges Moment demokratischer Resilienz. Der Rückgang affektiver Polarisierung, insbesondere in der Anhängerschaft von Parteien mit objektiven oder subjektiven Wahlerfolgen, deutet darauf hin, dass selbst in polarisierten Demokratien emotionale Zuspitzungen überwunden werden können. Auch wenn die geringere Entspannung unter Anhängerinnen und Anhängern der AfD zeigt, dass dauerhafte Mobilisierungsstrategien Polarisierung antreiben können, lassen die Befunde Raum für vorsichtigen Optimismus, dass demokratische Prozesse in Deutschland affektive Spannungen abbauen und politische Konflikte wieder stärker auf inhaltliche Auseinandersetzungen zurückführen können.

Der Berliner Polarisierungsmonitor ist eine deutschlandweite repräsentative Panelstudie, die seit Januar 2025 regelmäßig Polarisierungstrends auf individueller und gesamtgesellschaftlicher Ebene erfasst. Es handelt sich um ein Projekt des Forschungsverbunds "Coping with Affective Polarization – How Civil Society Fosters Social Cohesion"

Polarisierung – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"

Im März nähert sich "Forschung & Lehre" in seinem Schwerpunkt dem Thema Polarisierung aus unterschiedlichen Perspektiven an. Die Beiträge:

  • Im Gespräch mit Wolfgang Merkel
    Verschwindet unsere Demokratie? Zu den Folgen politischer Polarisierungen und demokratischer Erosionsprozesse
  • Nils Kumkar 
    Zugleich real und konstruiert: Zur Debatte um die Spaltung der Gesellschaft
  • Hanna Schwander/Bastian Becker/Luke Shuttleworth
    Dynamisches Phänomen: Aktuelle Zahlen zur affektiven Polarisierung in Deutschland
  • Im Gespräch mit Ute Frevert 
    Angstunternehmer unterwegs: Zur Bedeutung von Gefühlen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
  • Andreas Zick
    Identitätskämpfe: Polarisierungsprozesse aus sozialpsychologischer Perspektive
  • Christiane Eilders
    Ideologisch oder affektiv: Zur Konfliktdynamik in öffentlichen Debatten
  • Michael Weber
    Sicht auf reale Konsequenzen: Subjektive Erwartungen und geldpolitische Handlungsfähigkeit

Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!