Bei einer Demonstration hält eine Frau ein Plakat mit dem Namen "Epstein" hoch.
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Epstein-Files
Prominente Namen aus der Wissenschaft im Epstein-Netzwerk

Der verurteilte Sexualstraftäter umgab sich mit renommierten Persönlichkeiten. Durch Millionenspenden übte er Einfluss auf die Wissenschaft aus.

Von Christine Vallbracht 03.03.2026

Einladungen zu exklusiven Empfängen und Partys, Kontakte für die Karriere sowie Millionenspenden für die Forschung – sowohl prominente Persönlichkeiten aus der Wissenschaft als auch Hochschulen selbst profitierten systematisch vom Netzwerk des Multimillionärs Jeffrey Epstein. Das geht aus internationalen Medienberichten hervor. Demnach interessierte Epstein inhaltlich insbesondere die Idee des Transhumanismus, die sich damit befasst, durch Erkenntnisse aus Genetik, Kognitionswissenschaften und Künstlicher Intelligenz menschliche Schwächen und den Tod zu überwinden. 

Investigative Journalistinnen und Journalisten untersuchen seit der Öffnung der ersten Epstein-Akten durch das US-Justizministerium im Dezember 2025 weltweit, welche Personen und Institutionen mit dem verurteilten Sexualstraftäter in welcher Form zu tun hatten. Die Veröffentlichung von drei Millionen zusätzlichen Dokumenten, E-Mails, Fotos und Videodateien Anfang Februar hat weitere Verbindungen aus der Wissenschafts-Community zu Epstein offengelegt. Bei der Analyse der Unterlagen geht es vor allem um die Intensität der Verstrickungen und ob Abhängigkeitsverhältnisse nach Bekanntwerden der Straftaten Epsteins aufrechterhalten wurden. 

Investmentbanker Epstein war 2008 verurteilt worden, weil er sich der Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger für schuldig bekannt hatte. Unzählige weitere Fälle sexualisierter Gewalt gegen Mädchen und Frauen sowie Menschenhandel mit Minderjährigen waren ihm zu Last gelegt worden, als er im Sommer 2019 erneut verhaftet wurde und kurz darauf im Gefängnis starb. 

Enge Kontakte Epsteins in die Hochschulwelt 

Internationalen Medienberichten zufolge profitierten zahlreiche Universitäten wie die Harvard University, das Massachusetts Institute of Technology (MIT), die Columbia University oder die Stanford University von hohen Geldbeträgen, die der Investmentbanker ihnen zukommen ließ. Die Columbia University äußerte sich am 13. Februar dazu in einer offiziellen Erklärung: "Der Universität sind Spenden in Höhe von 210.000 US-Dollar von mit Epstein verbundenen Organisationen bekannt. Die Universität wird jeweils 105.000 US-Dollar an zwei in New York ansässige gemeinnützige Organisationen spenden, die Überlebende von sexuellem Missbrauch und Menschenhandel unterstützen." 

Im Falle von Harvard handelte es sich laut einer internen Untersuchung von 2020 um hohe Millionenbeträge, die Epstein im Laufe der Jahre in unterschiedlichste Projekte investierte, während er als Gast ein und aus ging. Der daraus resultierende Rat des Untersuchungsgremiums an das Spendenkomitee (Gift Policy Committee, GPC) besagte: "Wir empfehlen, das GPC formell mit der Entwicklung schriftlicher Richtlinien zu beauftragen, die den Kreis der zu bewertenden Spenden, Spenderinnen und Spender erweitern. Diese Richtlinien sollten die Pflichten aller Fundraising-Verantwortlichen – ob Fakultätsmitglieder, Fachbereichsleitungen, Dekaninnen und Dekane oder Mitarbeitende der Entwicklungsabteilung – regeln, potentiell kontroverse Spendenvorschläge dem GPC vorzulegen oder gegebenenfalls andere Genehmigungswege einzurichten." 

Etliche Epstein-Dokumente belegen Medienberichten zufolge darüber hinaus, dass der Multimillionär zusammen mit Komplizen jungen Frauen den Zugang beispielsweise zur Columbia University und zur New York University ermöglichte und deren Studiengebühren bezahlte. Viele von ihnen seien Opfer sexualisierter Gewalt geworden, hätten die Straftaten aufgrund ihrer Abhängigkeit jedoch selten angezeigt. 

Auch zahlreiche renommierte internationale Wissenschaftler und einige wenige Wissenschaftlerinnen unterhielten laut Presseberichten Kontakte zu Epstein beziehungsweise wurden von ihm subventioniert – darunter Universitätsprofessor und Medizin-Nobelpreisträger Richard Axel, der Linguist und Professor im Ruhestand Noam Chomsky, der 2018 verstorbene Astrophysiker Professor Stephen Hawking, Harvard-Biomathematiker Professor Martin Nowak, der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Harvard-Präsident Professor Lawrence Summers, Sterling-Professor an der Yale University Nicholas Christakis, und, wie erst kürzlich bekannt wurde, Medizin-Nobelpreisträger Professor James Watson. 

Wenige Günstlinge in der deutschen Wissenschafts-Community 

Laut einer Analyse der Epstein-Dokumente durch Spiegel, ZDF und die österreichische Tageszeitung Standard profitierte auch der deutsche Kognitionswissenschaftler und KI-Experte Dr. Joscha Bach sowohl finanziell als auch bezüglich seiner wissenschaftlichen Karriere von Epsteins Wohlwollen. "Tausende E-Mails, Chatverläufe und Kontoauszüge zeigen, dass Epstein den deutschen Wissenschaftler umfassend gefördert hat", schrieb spiegel-online Anfang Februar

Auf Nachfrage der Wochenzeitung bekannte Bach, dass Epstein ihm seine Karriere in den USA, unter anderem am renommierten MIT, maßgeblich ermöglicht habe. Diese finanzielle Förderung hat laut Analyse der Medienhäuser von den Umzugskosten über die Miete und das Schulgeld für Bachs Kinder bis zum Gehaltszuschuss gereicht und zwischen 2013 und 2019 insgesamt über eine Million Dollar umfasst. Auch nach Epsteins erneuter Verhaftung habe Bach den Kontakt zu ihm aufrechterhalten. 

Bisher sind weitere Hinweise auf direkte Verbindungen zur deutschen Wissenschafts-Community oder zu hiesigen Hochschulen rar. Am 14. Februar berichteten verschiedene deutsche Medien wie Der Westen online und Das RedaktionsNetzwerk Deutschland, dass Wissenschaftler der Universität Göttingen in ein von Epstein finanziertes Projekt involviert gewesen seien. Die Universität habe angegeben, dass keine direkten Kontakte über die Finanzierung durch Epsteins Stiftung hinaus bestanden hätten. 

Die Folgen der Abhängigkeit für Bach, Nowak und Summers 

Laut der gemeinsamen Recherche von Spiegel, ZDF und Standard war Bach finanziell von Epstein abhängig. Offenbar sei Bach aufgefallen, dass Epstein ein auffälliges Verhältnis zu Frauen pflegte, er habe aber keine Anzeichen für fragwürdige Aktivitäten festgestellt. Er teilte dem Spiegel mit, er hätte nach Epsteins Gefängnisaufenthalt 2008 nie "irgendeine Kenntnis von ungesetzlichen Handlungen Jeffrey Epsteins" gehabt. Wäre das der Fall gewesen, hätte er jeglichen Kontakt sofort abgebrochen. Er sei "zutiefst schockiert" gewesen, als er von den erneuten Anschuldigungen 2019 erfahren habe. 

Dem Spiegel zufolge wurde Bach im Dezember 2025 weder zum Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs eingeladen, noch wird er von der Mathematical Consciousness Science Initiative an der Universität Bamberg weiter als Associate Researcher auf der Website geführt. Vor einigen Jahren hat Bach die akademische Welt verlassen und arbeitete für ein kalifornisches KI-Unternehmen. Gegenüber ZEIT online sagte er vor kurzem im Interview, er habe in Folge der jüngsten Veröffentlichungen eine Beraterstelle in einer KI-Firma verloren und zwei Vorträge seien von den Veranstaltern abgesagt worden.

Auch einige Forschungsprojekte an Hochschulen insbesondere in den USA hätten ohne Epstein so nie stattgefunden. Etliche haben nach Bekanntwerden der erneuten Vorwürfe 2019 hausinterne Untersuchungen eingeleitet und neue Richtlinien für Spenden erlassen. Gegen Nowak wurden beispielsweise Sanktionen und Auflagen verordnet, wie vorübergehend aus der Hochschullehre auszusteigen. Nowak äußerte in einem offiziellen Statement Bedauern über seine Verbindung zu Epstein, den Schaden, den diese verursacht habe, und hob hervor, dass er seine "Lehren aus dieser Zeit mitnehmen" werde.  

Wie am 25. Februar bekannt wurde, hat Summers entschieden, seine Professur an der Harvard-Universität zum Ende dieses akademischen Jahres aufzugeben. Zudem hat er der Deutschen Presse-Agentur zufolge seinen Rücktritt von der Position als Co-Direktor des Mossavar-Rahmani Center for Business and Government erklärt. Die Harvard-Studierendenzeitung The Harvard Crimson sowie Reuters haben berichtet, dass Summers ab sofort offiziell beurlaubt sei. Grund sind gemäß internationaler Medienberichte die veröffentlichten Epstein-Dokumente, die einen bis zu dessen zweiter Verhaftung fortlaufenden und sehr persönlichen Briefwechsel zwischen dem ehemaligen Harvard-Präsidenten und dem Sexualstraftäter belegen. 

Bereits Ende letzten Jahres hat Summers etliche Konsequenzen aus seinen engen Kontakten zu Epstein gezogen. Er ließ unter anderem seine Lehrtätigkeit ruhen, war aus dem Vorstand des ChatGPT-Unternehmens OpenAI zurückgetreten und stellte seine Tätigkeiten bei der New York Times ein. Nach seinem freiwilligen Austritt aus der American Economic Association (AEA) – die führende akademische Vereinigung der Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler – schloss diese ihn lebenslang aus jeglicher Kooperation aus. In einer Presseerklärung schrieb die AEA, sie verurteile "das Verhalten von Herrn Summers, wie es in öffentlich bekannt gewordenen Äußerungen zum Ausdruck kommt, als fundamental unvereinbar mit ihren Standards beruflicher Integrität".

Reputationsverlust für Epstein-Freund Chomsky 

Der berühmte Sprachwissenschaftler Chomsky war bis zuletzt mit Epstein eng befreundet, wie die Süddeutsche Zeitung am 2. März berichtete. So erschließe es sich aus den veröffentlichten Dokumenten. Seine in der Korrespondenz ersichtlich gewordene unkritische Haltung gegenüber den erneuten Vorwürfen gegen Epstein hätten zu "Bestürzung" in der Wissenschafts-Community geführt. 

Chris Knight, Autor, Chomsky-Experte und Professor am University College London, analysierte die Zusammenhänge für das kalifornische Online-Magazin Counterpunch. Er führte detailliert den Widerspruch aus, wie dessen linguistische Forschung am MIT vom Militär finanziert worden war während er sich gleichzeitig antimilitaristisch engagierte. Er stellte fest, dass wer die Korrespondenz zwischen Chomsky und Epstein lese, "Chomskys Ansichten zu Gaza oder anderen Themen nun kaum noch respektieren" könne. Knights Spurensuche führte zu dem Schluss, dass der inzwischen 97-jährige, schwer erkrankte Chomsky während seines gesamten Berufslebens stets sowohl "bestechlich" war als auch "der systemkritische Aktivist, der allen Reichen und Mächtigen misstraute". Knight sieht dies als Erklärungsversuch dafür, "warum ein so radikaler Mensch wie Chomsky mit einem so reaktionären Mann wie Epstein in Kontakt kam". 

Folgen für Chomskys Ansehen als Wissenschaftler machen sich inzwischen bemerkbar: So informierte der UNRAST-Verlag am 26. Februar in einer Pressemitteilung, dass ab dem 2. März etliche deutsche Übersetzungen von Chomkys Werken aus dem Programm fallen. Dazu gehören "Die Klimakrise und der Global Green New Deal", "Brennpunkt Palästina" und "Zuversicht in Zeiten des Zerfalls". Der Verlag begründete seine Entscheidung damit, dass in Chomsky in neu veröffentlichten E-Mails vom Februar 2019 "die schreckliche Art und Weise, wie Epstein behandelt wurde" ebenso beklagte wie die "Hysterie, die sich um den Missbrauch von Frauen" entwickelt hätte. Weiter habe Chomsky formuliert, Epstein solle die Kritik ignorieren. "Als linker Verlag, der sich für eine gerechte Welt und gegen Frauenhass und patriarchale Gewalt einsetzt, ist Chomsky für uns als Autor nicht mehr tragbar", resümiert UNRAST.

Wegschauen und eigene Narrative 

Die Süddeutsche Zeitung und der Tagesspiegel thematisierten kürzlich in Gesprächen mit Michael Hartmann, Soziologe und Professor im Ruhestand, die komplexen Zusammenhänge solcher Abhängigkeiten und Elite-Netzwerke. Laut Hartmann ist der Vorfall eher typisch für die US-Hochschullandschaft, da dort private Spenden eine enorme Rolle spielen und Kontakte von Finanziers zur Wissenschafts-Community deshalb üblich sind. Geldgeberinnen und Geldgeber würden so direkten Einfluss auf die Wissenschaft und die Inhalte der Forschung nehmen. In Deutschland gebe es eher Ehemaligen-Netzwerke, wie die Baden-Badener Unternehmergespräche, als derartige "sektorübergreifenden Netzwerke" zwischen Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Justiz und Medien, die eher in den USA, Großbritannien oder Frankreich vorkämen. Und das, obwohl es in Deutschland proportional gesehen mehr Milliardäre als in Großbritannien oder Frankreich gebe. Es sei für die Unabhängigkeit der deutschen Hochschulforschung wichtig, die Drittmittelabhängigkeit nicht "zu groß" werden zu lassen. 

Zudem zeichne sich dem Eliten-Experten zufolge das personengebundene Epstein-Netzwerk durch die Besonderheit aus, dass viele Profitierende von den Vorfällen sexualisierter Gewalt und der offensichtlichen Skrupellosigkeit Epsteins nichts hätten wissen wollen, weil ihnen das Geld und die prominenten Kontakte wichtiger gewesen seien. "Mit solchen Leuten kann man nicht ernsthaft zusammenarbeiten, auch wenn man die Forschung sonst nicht machen kann", sagte Hermann. 

Die Psychologin Stefanie Hechler erklärte kürzlich gegenüber dem Spiegel, dass durch die Gruppendynamik ein moralischer "blinder Fleck" entstehe, der die Maßstäbe für Richtig und Falsch innerhalb eines solchen Netzwerks verschiebe und unangemessene Verhaltensweisen durch eigene Narrative normalisiere. Die Hürde, sich gegen die eigene Gruppe zu stellen, sei hoch. Dies sei keine Entschuldigung für das Verhalten des Wegschauens, aber zumindest eine psychologische Erklärung. Für die Gewaltopfer sei dieses Hinnehmen besonders fatal, da sie ihre eigene Rolle bereits kritisch sähen und diese Zweifel quasi bestätigt würden.

aktualisiert am 3. März um 13:10 Uhr [Ergänzungen Reputations-Folgen Chomsky]; erstmals aktualisiert am 26. Feburar [Ergänzungen Rücktritt Lawrence Summers]; erstmals veröffentlicht am 24. Februar