Kommunikation
Recht einfach? Warum Juristendeutsch oft unverständlich ist

Für Laien wirken Urteile und Gesetzestexte oft, als wären sie in einer Fremdsprache geschrieben. Warum ist das so?

05.09.2025

Lange, verschachtelte Sätze und Fachwörter, die man vorher noch nie gehört hat: So geht es vielen Laien bei der Lektüre wissenschaftlicher Texte. "Verstehen ist am Ende immer das Produkt mehrerer Faktoren", erläuterte Professor Frank Brettschneider in der Juli-Ausgabe von Forschung & Lehre. Dabei spielten einerseits die formale Verständlichkeit des Textes, andererseits die Merkmale der Empfängerinnen und Empfänger und zusätzlich der jeweilige Kommunikationskanal eine Rolle. Je nach Kombination dieser Faktoren müssten Inhalte angepasst werden, um Verständlichkeit zu sichern.

Lässt auch das sogenannte Juristendeutsch solche Anpassungen zu? "Im Prinzip ist Juristendeutsch eine Fachsprache wie alle anderen auch", sagt Roland Schimmel, Rechtswissenschaftler an der Frankfurt University of Applied Sciences, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Seine Komplexität hat nach seiner Einschätzung auch historische Gründe. Die heutige Rechtssprache sei etwa stark vom antiken römischen Recht sowie vom Latein geprägt worden. Zentrale Gesetze wie das Bürgerliche Gesetzbuch oder das Strafgesetzbuch stammten außerdem aus dem 19. Jahrhundert und seien sprachlich nie modernisiert worden, erklärt Schimmel. Deshalb kämen Juristinnen und Juristen in ihrer Arbeit oft nicht um altmodische Formulierungen herum.

Juristinnen und Juristen gehörten zudem damals wie heute zum akademisch gut ausgebildeten Bildungsbürgertum. "Das sind oft Menschen, die Spaß daran haben, kompliziert zu formulieren", ist Schimmel überzeugt. Häufig sei die Abneigung gegenüber Vereinfachungen auch der Sorge geschuldet, die eigene Aussage werde dadurch falsch.

Komplizierte Sprache vermittelt Autorität

Eine US-Studie fand im vergangenen Jahr Parallelen zwischen der Juristensprache (auf Englisch umgangssprachlich "legalese" genannt) und Zaubersprüchen. So wie Zauberformeln durch spezielle Reime und archaische Begriffe Macht signalisierten, vermittele die komplizierte Sprache der Juristinnen und Juristen ein Gefühl von Autorität, so das Forschungsteam.

Für ihre Untersuchung ließen die Forschenden mehr als 200 juristische Laien teils offizielle Gesetze schreiben, die bestimmte Verbrechen verbieten, und teils inoffizielle Beschreibungen dieser Gesetze formulieren. Dabei zeigte sich: Auch Laien griffen bei Gesetzestexten eher zu verschachtelten Sätzen. Bei den inoffiziellen Beschreibungen war das dagegen selbst dann nicht der Fall, wenn sie nachher aufgefordert wurden, im Text weitere Details zu ergänzen.

Gesetzesredaktion prüft Entwürfe

Damit Gesetze in Deutschland sprachlich richtig und möglichst verständlich sind, werden alle Gesetz- und Verordnungsentwürfe von der sogenannten Gesetzesredaktion des Bundesjustizministeriums geprüft. Sie kann auch schon während der Erarbeitung des Entwurfs zur Beratung herangezogen werden. Wenn der Entwurf dann im Parlament liegt, übernimmt der Redaktionsstab beim Deutschen Bundestag die Sprach- und Verständlichkeitsprüfung.

Das Statistische Bundesamt befragt Bürgerinnen und Bürger regelmäßig dazu, wie zufrieden sie in verschiedenen Lebenslagen mit den Leistungen deutscher Behörden sind. Im Jahr 2023 waren die Befragten mit der "Verständlichkeit des Rechts" von allen abgefragten Faktoren am wenigsten zufrieden. Auf einer Skala von -2 (sehr unzufrieden) bis +2 (sehr zufrieden) landete dieser Punkt im Schnitt bei 0,5. Besonders hoch wurden hingegen zum Beispiel die Faktoren Diskriminierungsfreiheit und Unbestechlichkeit (beide 1,6) bewertet.

Keine "Vereinfachung um jeden Preis"

Die Erwartung, juristische Sprache müsse klar und präzise sein, sei zwar richtig, sagt Juraprofessorin Pascale Cancik von der Universität Osnabrück. Klarheit dürfe aber nicht mit Einfachheit verwechselt werden, und: Ziel dürfe nicht eine Vereinfachung um jeden Preis sein. "Bei vielen Dingen, die das Recht regelt, geht es um ganz komplexe Vorgänge und verschiedene Interessen, die beteiligt sind", so die Expertin. Nicht immer sei es da möglich, zu vereinfachen, ohne dass wesentliche Punkte verloren gingen.

Wichtig sei daher immer auch die Frage, wer überhaupt von einem Recht adressiert werde. "Ganz viel hochkomplexes Recht ist für viele Bürgerinnen und Bürger gar nicht unmittelbar relevant", sagt Cancik. Während man erwarten dürfe, dass etwa die Adressaten einer Genehmigungsregelung für Atommüll-Endlager mit komplizierten Regelungen umgehen könnten, sei es bei Ordnungswidrigkeiten oder im Strafrecht entscheidend, möglichst für alle eindeutig zu kommunizieren, was verboten ist und welche Strafen drohen. Nicht ohne Grund sei das auch verfassungsrechtlich abgesichert.

Ansätze für Universitäten und Schulen

Im Grundgesetz ist unter anderem der sogenannte Bestimmtheitsgrundsatz verankert. Dieser besagt, dass Gesetze und Verwaltungsakte so klar und bestimmt formuliert sein müssen, dass Bürgerinnen und Bürger verstehen können, was von ihnen erwartet wird. 

Auch an deutschen Rechtsfakultäten werde die Bedeutung von Sprache für die Juristerei von vielen Lehrenden erkannt, sagt Cancik. Spracharbeit gehe aber im dichten Lehrplan oft unter. Studierende hätten oft Schwierigkeiten beim präzisen Formulieren und beim Verständnis komplexer Texte, was letztlich auch das juristische Denken beeinträchtige. Die Rechtswissenschaftlerin regt an, zum Beispiel ein Einführungsjahr vor dem Studium oder verpflichtenden Rechtsunterricht an Schulen einzuführen, um Grundkenntnisse früh zu fördern.

dpa/hes