Fahrrad am Wegrand vor einer flachen Landschaft im Sonnenschein
mauritius images / Catharina Lux

Orte im Blick
Reisen und Verweilen in einem seltsamen Jahr

Durch Corona ist Reisen stark eingeschränkt. Viele Menschen unternehmen seither Ausflüge in ihrer Nähe. Unser Autor zeigt uns seine Neuentdeckungen.

Von Elmar Schenkel 27.12.2020

Rechtzeitig ging mein altes Fahrrad zugrunde und mit dem Niedergang sozialen Verkehrs dank der Einschränkungen kaufte ich mir ein neues: es sollte mich etwa nach Röcken bei Lützen tragen, dorthin, wo ich gelegentlich Museumdienst mache. Nietzsche ist dort geboren, er liegt dort begraben. Die Besucher kamen in diesem Sommer fast nur noch aus Deutschland, bis auf einen Holländer oder Iraner. Aber man entdeckte nun die stillen Orte in der Umgebung.

Ich hatte, sozusagen als Anbahnung, lange nach dem idealsten Radweg von Leipzig aus gesucht. Erst jetzt nach vielen Anläufen und Umwegen fand ich diese Strecke. Ideal heißt: nicht der kürzeste, sondern der schönste Weg. Denn bei Schönheit spielt die Dauer keine Rolle, im Gegenteil: je länger, desto schöner. Es ist eine Bahnung, bei der man die vielen industrialisierten Felder der anderen Wege vergessen kann, die verbauten und versiegelten Flächen, die zu überquerenden Autobahnen mit ihrem Höllenlärm und ihrem Tempokrieg. Wer legt ihnen das Fieberthermometer an? Also ich fand einen Weg, der über die Leipziger Neuseenlandschaft führt, die einstigen Tagebaugebiete.

Wenn ich nun die Ortsnamen aufzähle, dann einzig, um mich zu berauschen, so wie es einst Proust tat, als ihn (in "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit") der Klang der Stationsnamen entlang der Bahnstrecke Paris-Normandie in eine selige Trance versetzten. Bei mir sind es: der Markkleeberger See, Cospudener See, Zöbigker, Bistumshöhe (wo ein Indianer Crêpes serviert), Belantis (mit seiner bröckelnden Märchenfassade und den Schreien aus der Achterbahn), Zwenkauer See, Zitschen (ah, der Kirchturm aus der Ferne! wie bei Proust der von Combray), Löben, Kitzen, Eisdorf, Kleingörschen (wo sich Napoleon 1813 mit Preußen und Russen schlug), Meuchen (in dessen Kirche der 1632 gefallene König Gustav Adolf aufgebahrt war), Lützen, Röcken. Dazwischen die Pappelalleen, die Apfelbäume, Pferde im Morgendunst, romanische Kirchen, ein Friseurladen mit Kaffee to go, Teiche wie dörfliche Spiegeleier, schließlich der Döner bei den Irakern von Lützen. So konnte der Museumsdienst beginnen.

Menschen und Bücher als Wegbegleiter

Es sind nicht einfach Orte, die mir im Gedächtnis bleiben, sondern die Bewegungen zwischen den Orten; Touren, die ich ohne die Corona-Einschränkungen nicht gemacht hätte. Allein war ich dabei nie. Ich war unterwegs mit einem Buch im Gepäck oder traf zufällig Bekannte. Am Cospudener See fand ich eine Hütte mit Kaffee, wo ich jeweils eine halbe Stunde ein schwieriges Buch lesen konnte (Nietzsche und das Judentum). Ein Bekannter, Rentner und Sozialist, zog mit zwei Hunden vorbei, grüßte freundlich und erklärte mir, warum er einmal im Jahr eine Woche lang mit Vipassana-Yoga meditiert. Ein Kunsthistoriker erzählte mir über den Gründer seines Instituts in Leipzig (ein Philosemit). In der Einsamkeit der Seen stieß ich auf ein verlorenes Magdeburger Pärchen. Ich radelte mit ihnen eine halbe Stunde, um sie wieder auf den Weg zu bringen, und bekam dabei einen Eindruck von der Elbestadt.

Wir müssen nie ganz einsam sein. Die Bücher (gerne Aphorismen) bringen unsere innere Stimme wieder in ein Gleichgewicht; wir reden miteinander. In der Geschichte der Wanderer (etwa bei R.L. Stevenson) spielte die Frage: alleine losziehen oder zu zweit, mit Büchern im Gepäck oder ohne, immer eine Rolle. So trugen die Steinzeitjäger sicherlich auch kleine Figuren mit sich, um in Kontakt zu bleiben mit anderen, und damit auch mit sich als ihrem sozialen Selbst. "Unsere Gewohnheit ist", schreibt Nietzsche, "im Freien zu denken, gehend […], da wo selbst die Wege nachdenklich werden." Wenn wir Wege suchen, dann verhalten wir uns wohl so, wie die Neuronen unserer ersten Welterfahrung im Gehirn: wir bahnen, verknüpfen, bilden Synapsen und –kommunizieren.

Zu zweit radelnd machten wir ganz andere Erfahrungen. Meine Frau etwa knüpfte ein Gespräch an mit einem Vogelbeobachter, den ich vermutlich nicht angesprochen hätte. Er hatte morgens schon einige Flaschen intus und man kann davon ausgehen, dass die Zahlen der Vögel, die er an die Institutionen weitergab, doppelt so hoch sein dürften. Mit einem befreundeten Cartoonisten radelte ich nach Zeitz, und natürlich sieht man mit solch einem Menschen wiederum gänzlich anderes, und nicht nur die Komik. Ein Passant fasste Vertrauen zu uns und erzählte uns über sein im Tagebau verschwundenes Dorf.

Ein anderes Wegenetz, das mich anlockte, war der Leipziger Auenwald, einer der größten Stadtwälder des Landes. Das Ziel war ein stiller See, auf dem große Plastikschwäne schwammen und der von einer Kleinbahn umrundet wurde. Spektakuläres Szenarium seit 1912, bei dem man einst ein Alpenpanorama aufstellte, um den Leipzigern, die nicht verreisen konnten, etwas Bergluft zu schenken. Zuvor war hier ein großes Loch entstanden – die Grube, aus der man den Kies für den Leipziger Hauptbahnhof holte, der dann denen half, in die wirklichen Alpen reisen wollten. Der Auenwald ist durchzogen von einem Netz von Rad- und Fußwegen, von trägen Flussläufen, punktiert von Brücken und Gartenlokalen wie "Waldluft" und dem Rosentalhügel, der zwar nur 20 Meter hoch ist, von dem man jedoch einen schönen Überblick über die grünen Labyrinthe hat. Überall gibt es Ein- und Ausgänge dazu, doch ist es ein Leichtes, sich zu verirren, und das war das Ziel meiner Übungen. Denn nur indem man sich verfährt, erfährt man etwas. Dazu gab es jetzt Zeit. Am Auensee schließlich die Freude, noch ein Fenster zu finden, aus dem Kaffee und Brezel gereicht wurden.

Was ist die Lehre aus diesen Touren zu Orten in der Nähe, diesen Reisen durch mein Leipziger Zimmer? Die Ferne ist auch in der nächsten Nähe zu haben. Die touristische Ferne muss dagegen eine Zeitlang wieder erträumt werden, wie die Menschen es durch viele Jahrtausende taten: durch Geschichten, Gedichte, Bilder. Wir müssen sie uns wieder verdienen. Darin liegt eine Chance. Nietzsches Erzfeind, der englische Autor G.K. Chesterton, bemerkte einmal, als er wegen einer Verstauchung nur auf einem Bein stehen konnte: "Man kann etwas nur dann wahrhaft lieben, wenn einem bewusst wird, dass man es verlieren könnte." Auch wir stehen derzeit auf einem Bein und sollten, wenn es wieder soweit ist, die Zweibeinigkeit besser schätzen lernen.

0 Kommentare