Symbolbild mit zwei Inseln: Auf der einen steht eine Frau am Podium und spricht, auf der anderen stehen Menschen.
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Policy Paper
Resilienz der Hochschulen in der ungesicherten Demokratie

Die demokratische Einbettung und die rechtliche Situation von Forschungseinrichtungen sind gefährdet. Eine Analyse mit Handlungstipps.

Wissenschaft, die unabhängig sein soll und will, unterliegt einer zentralen Abhängigkeit: Sie ist darauf angewiesen, dass sie von Gesellschaft und Politik in ihrer Unabhängigkeit als notwendig erachtet wird. Nur das sichert die nötigen finanzielle Ressourcen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Zum Beispiel gehört die grundgesetzliche Wissenschaftsfreiheit zwar zum Normenbestand mit sogenannter Ewigkeitsgarantie. Aber diese ‚"Ewigkeit"‘ kann abrupt auf Endlichkeit verkürzt werden, sobald es die dafür nötigen politischen Mehrheiten gibt. 

Die Entwicklungen in den USA zeigen, wie schnell solche Sicherungen schmelzen können. Einen Vorteil immerhin hat das: Was in einer Demokratie alles möglich ist, muss nicht mehr imaginiert werden, sondern lässt sich live besichtigen. Dabei kann man überlegen, ob Vergleichbares in Deutschland als unabwendbar hingenommen oder ihm besser entgegengearbeitet werden sollte. 

In letzterem Falle wären zwar auch, aber nicht allein die Hochschulen und ihre Leitungen gefragt, unabhängige Wissenschaft zu sichern. Denn Hochschulen sind Expertenorganisationen, denen ohne ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fehlt, was sie ausmacht. Nicht ohne Pathos ist daher zu sagen: Es kommt auch auf jede Einzelne und jeden Einzelnen an. 

Was zu tun ist, ist zunächst auf die Gegenwart und unmittelbare Zukunft bezogen. Was können die Hochschulen für die demokratische Resilienz der Gesellschaft leisten, und wie können sie ihre dafür nötige eigene Resilienz stärken? Daneben ist die weitere Zukunft in den Blick zu nehmen, und das heißt: sich auch auf den Fall vorbereiten, dass wissenschaftsunfreundlich gesinnte Akteurinnen und Akteure politische Verantwortung für die Wissenschaft erlangen. 

Umgang mit Kontroversen im Hochschulkontext 

Als Organisationen pflegen die deutschen Hochschulen ein traditionelles Selbstbild als Garanten des offenen Diskurses und der Überzeugungskraft des Arguments. Manchen ihrer Angehörigen und einem Teil der Öffentlichkeit erscheinen Hochschulen hingegen anders: als Räume verengter Diskurse und als Horte empirisch nicht zu erschütternder Dogmatiken. Bereits die auseinanderdriftenden Wahrnehmungen sollten Anlass zur Selbstprüfung der Hochschulen sein. 

Diese sollte dabei ansetzen, dass die Wissenschaft selbst durchaus Angriffsflächen bietet. Stichworte dafür sind: Peer-Review- und Replikationskrisen, die verbreitete Impact-Faktor-gesteuerte Ignoranz gegenüber Inhalten oder das Umschlagen wissenschaftlicher Arbeit in politischen Aktivismus. Werden diese Mängel nicht bearbeitet, wird es Kritikern recht einfach gemacht, Kritiken zu formulieren, denen sich nur schwer widersprechen lässt. 

Rechtspopulistische Angriffe richten sich gegen ein wahrgenommenes oder unterstelltes Wahrheitsregime, das die Wissenschaft etabliert habe.

Rechtspopulistische Angriffe richten sich gegen ein wahrgenommenes oder unterstelltes Wahrheitsregime, das die Wissenschaft etabliert habe. Nicht nur, aber insbesondere zielen sie auf das, was von dieser Seite als "Agenda-Wissenschaften" bezeichnet wird. Das betrifft vor allem postkoloniale Studien, Diversitäts- inklusive Genderforschung, Migrations- und Integrationsforschung sowie Klima- und Nachhaltigkeitsforschung. Dazu sollte es an den Hochschulen eine belastbare Haltung geben, denn die Anfragen werden absehbar nicht von nur zeitweiliger Art sein. Eine belastbare Haltung ist eine solche, die auch jenseits von Fördermitteln trägt. Sie könnte etwa sein, dass diese Forschungen notwendig sind, um auch in anderen Forschungsfeldern exzellent sein zu können, weil heterogene Talente, Forschungserkenntnisse und Netzwerke benötigt werden oder schlicht, weil sie Existenzgrundlage (Klima) sind. 

Um die Akzeptanz solcher Forschungen innerhalb der Hochschulen zu stabilisieren, wird es darauf ankommen, überzeugende und auch nach außen hin vermittelbare Antworten auf zwei Fragen geben zu können: Inwiefern sind die Forschungen aus innerwissenschaftlichen Fragelogiken heraus berechtigt, keineswegs von außerwissenschaftlichen "Vor-Urteilen" geleitet und daher auch empirisch irritierbar? Und inwiefern sind sie aufgrund bestehender gesellschaftlicher Problemlagen unabweisbar? 

Gesteigerte Kontroversen erfahren insbesondere Identitätsfragen aller Art, in der Wissenschaft vor allem solche, die als politisch "links" gelabelt sind. Wenn Hochschulen auch Diskursräume sein sollen, dann gehören dazu ebenso "nichtlinke" Positionen. Entscheidend ist die wissenschaftliche Satisfaktionsfähigkeit. In den USA zumindest hat das Konzept des Intersektionalismus (das soziale Fragen aufnahm, indem es sie als "Klassismus" ins Diskursive verschob) eines nicht verhindert: dass der als Rust Belt bezeichnete industriell geprägte Teil der USA oder der Mittlere Westen der (Sozial-)Wissenschaft weitgehend aus dem Blick gerieten. 

Wissenschaft steht für die Erweiterung, nicht die Einengung von Problemhorizonten.

Hier scheint es mit Blick auf die Öffentlichkeit angebracht, dass sich die Hochschulen eines Handelns befleißigen, das eines deutlich macht: Wissenschaft steht für die Erweiterung, nicht die Einengung von Problemhorizonten. Sie macht auch Dimensionen konkreter Probleme verstehbar, die in gesellschaftlichen Debatten (noch) unterbelichtet sind. Hierzu wären einige Klärungen sinnvoll: In der Wissenschaft gilt kein Neutralitäts-, aber ein Abwägungsgebot. Objektivität ist als intersubjektive Nachvollziehbarkeit zu verstehen, die fortwährend herzustellen ist. 

Lehre und demokratische Orientierungen 

Das ist auch für die Lehre herunterzubrechen. Stärkt die heutige akademische Lehre demokratische Orientierungen und Handlungsfertigkeiten bei den Studierenden? Trivial ist diese Frage nicht. Immerhin werden Studierende nach ihrem Hochschulabschluss oder einige Jahre später zu einem beträchtlichen Teil mittlere und höhere Entscheiderpositionen besetzen. Ob sie demokratisch ertüchtigt sind oder nicht, prägt dort dann ihr Handeln. Dafür braucht es einige Voraussetzungen. 

Jenseits der vielen normativen Anliegen, die den Hochschulen von Hochschulgesetzen auferlegt werden, sind das vier: 

  1. wissenschaftlich basierte Urteilsfähigkeit,
  2. Konfliktfähigkeit (die – wo sonst? – in der Lehre trainiert werden muss),
  3. Milieugrenzen überschreitende Kommunikationsfähigkeit und
  4. die Befähigung zum Umgang mit Uneindeutigkeit. 

Ob und wie das gelingt, kann geprüft werden, indem man sich einige Fragen zu den Qualifikationsausstattungen heutiger Hochschulabsolventinnen und -absolventen über alle Studienfächer hinweg vorlegt: 

  • Sind methodisierte Entscheidungsprogramme beziehungsweise -heuristiken individuell verfügbar?
  • Werden solche in allen oder wenigstens den meisten Studiengängen vermittelt?
  • Hat eine Physikerin oder ein Historiker neben der Systematik des je eigenen Faches auch die Systematik der operativen Nutzung des Fachwissens in Situationen, die nicht allein der Lösung fachlicher Fragestellungen dienen, mit auf den Weg bekommen?
  • Wird Digitalisierung nicht nur als handwerkliches Problem begriffen, sondern als eines, das vernetztes Denken so sehr braucht wie fördern kann?
  • Hat die Absolventin einer Hochschule anwendbare Grundkenntnisse darüber, wie ein Projekt, wie Zielkonflikte oder wie Krisen zu managen sind? 

Diese Fragenliste ist fortsetzungsfähig. Die Antworten, die sich geben lassen werden, informieren darüber, ob Hochschulabsolventinnen und -absolventen Voraussetzungen haben für "verantwortliches Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat". Dafür zu sorgen, ist den Hochschulen bereits seit 1976 durch das Hochschulrahmengesetz (HRG) aufgetragen.

Hintergrundinformation zum Policy Paper 

Das hier nur in Teilen dargestellte Policy Paper von Dr. Justus Henke und Professor Peer Pasternack vom Institut für Hochschulforschung (HoF) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verdeutlicht die Strategie zur Stärkung der Resilienz an drei konkreten Themen. Diese werden als Brenngläser für eine aktuelle Risikobewertung beschrieben: 

  • die Verantwortung der Hochschulbildung,
  • der Umgang mit wissenschaftlichen und wissenschaftlich-politischen Kontroversen sowie
  • die Risiken für die Finanzierung des Wissenschaftssystems. 

Zugrunde liegt dem eine gemeinsame Doppelfrage: 

  • Was leistet die Wissenschaft für die demokratische Resilienz der Gesellschaft?
  • Wie kann sie ihre dafür nötige eigene Resilienz stärken? 

Eine abschließende Übersicht fasst zentrale Risiken und mögliche Handlungsoptionen zusammen. Diese versteht sich als Orientierungsrahmen für unterschiedliche Akteurinnen Akteure im Wissenschaftssystem – von Lehrenden und Studierenden über Instituts- und Hochschulleitungen bis hin zu wissenschaftspolitisch Verantwortlichen. 

Anlass des Papiers sind nach Angaben der Autoren die aktuellen politischen Entwicklungen, wonach sowohl die demokratische Einbettung als auch die rechtliche Situation von Hochschulen und Forschungsinstituten Erosionsrisiken unterliegen.