Auf einer sonnengelben Decke liegen neben einer Tasse Kaffee ein Kissen, eine Gitarre, ein Fotoapparat und ein paar Bücher.
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Self-Care-Serie
Selbstfürsorge im Wissenschaftsbetrieb

Ist in einer Leistungsgesellschaft die Pflege des eigenen Wohlbefindens akzeptabel? Unsere Serie beleuchtet verschiedene Sichtweisen auf Self Care.

Von Christine Vallbracht 19.12.2025

In der Wissenschaft zu arbeiten, hält den Geist fit, ist erfüllend und ein Privileg. Aus dieser Perspektive betrachtet, verwundern die Ergebnisse der Kohortenstudie "lidA – leben in der Arbeit" nicht, die der Arbeitswissenschaftler Professor Hans Martin Hasselhorn in der Dezemberausgabe der Zeitschrift Forschung & Lehre vorgestellt hat

Demnach nehmen ältere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in mancher Hinsicht eine Sonderrolle ein: "Sie fühlen sich länger leistungsfähig, verfügen über ausgeprägte berufliche Ziele und erleben eine Arbeitskultur, in der der frühe Ausstieg kaum als Option gilt", schreibt Hasselhorn. Aus diesem Grund würden sie überdurchschnittlich oft den Wunsch hegen, über das Rentenalter hinaus zu arbeiten. 

Ohne Zweifel geht eine Wissenschaftskarriere aber auch mit Faktoren einher, die sich nachteilig auf die psychische und körperliche Gesundheit auswirken. Da wären institutioneller Leistungsdruck sowie prekäre Arbeitsbedingungen. Auch ist die flexible Arbeitszeiteinteilung, die manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genießen, nicht immer ein Vorteil. Sie sorgt auch für eine Art Entgrenzung zwischen Privatsphäre und Arbeitswelt. 

Zwischen Selbstverwirklichung und Dauerstress 

Entsprechend wird das Arbeiten im Wissenschaftsbetrieb mit einer besonderen Anfälligkeit für Überlastung und Burnout in Zusammenhang gebracht. "Burnout und ähnliche Zustände ergeben sich aus problematischen Arbeitsbedingungen, unter anderem wegen Stress aufgrund hoher Lehrbelastung, der Notwendigkeit, Emotionen zu verbergen beziehungsweise Emotionen zu zeigen, die man nicht fühlt, andauernder Konflikte oder der Angst, die Professur nicht zu bekommen, weil 'noch ein A-Paper fehlt'", umschreiben die Managementexperten Professor Yevgen Bogodistov und Professor Jürgen Moormann die herausfordernden Bedingungen an den Hochschulen in ihrem Gastbeitrag für Forschung & Lehre

Bogodistov und Moormann stellen fest, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gut mit der mentalen Belastung aus ihren vielfältigen Aufgaben umgehen können, während andere damit Schwierigkeiten haben. Manchen gelänge es besser, Energie zu tanken, und sie profitierten eventuell mehr von psychologischen beziehungsweise physiologischen Arbeitsressourcen wie Lob von Kolleginnen und Kollegen, Anerkennung in Form von akzeptierten Publikationen, moralische Unterstützung durch Betreuerin, Professor, Team und Ähnliches. 

Selbstfürsorge und Leistungsfähigkeit im Wissenschaftsbetrieb 

Selbstfürsorge im Wissenschaftsalltag bedeutet, regelmäßige Pausen, Schlaf, Bewegung und Rituale bewusst zu planen, um Stress zu reduzieren, mentale Gesundheit zu stärken und so nachhaltige Leistungsfähigkeit sowie Kreativität in Forschung und Lehre zu fördern. So lässt sich das Bemühen zusammenfassen, trotz einer Karriere in der Wissenschaft auf das eigene Wohlbefinden zu achten, indem man die eigenen Bedürfnisse wahrnimmt und ihnen durch entsprechende Aktivitäten gerecht wird. 

In kaum einer Branche ist die Nähe von leben und arbeiten so groß wie in der Wissenschaft: Forschende brennen nicht selten für die Themen zu denen sie arbeiten. "Einerseits ist es toll, dass ich mich mit Themen beschäftigen darf, die mir wichtig sind". Im Artikel zum Thema professionelle Selbstfürsorge kommt Gesundheitswissenschaftler Professor Nils Altner zu Wort und erläutert, wie herausfordernd und gleichzeitig stärkend ein bewusster, nachhaltig gesunder Umgang mit sich selbst sein kann. Altner liefert erste Anhaltspunkte zu hilfreichen Perspektivenwechseln und Verhaltensänderungen, damit ein achtsamer Umgang mit sich selbst gelingen kann. Der Artikel ist der erste Teil unserer Self-Care-Serie während der Feiertage (Erscheinungsdatum siehe Infobox unten). 

Was passiert, wenn Menschen ihre eigenen Bedürfnisse ignorieren, erfahren Sie im Interview mit der Gesundheitswissenschaftlerin Professorin Stefanie André zum Phänomen Leisure Sickness – auch Post-Stress-Syndrom genannt. Sie gibt wertvolle Tipps, wie Selbstfürsorge in den wissenschaftlichen Alltag integriert werden kann und was es dabei zu beachten gilt. Das Interview ist der zweite Beitrag in unserer Self-Care-Serie zwischen den Jahren (Erscheinungsdatum siehe Infobox unten). 

Self Care und Gesundheitsvorsorge münden im aktuellen Longevity-Trend. Dieser zielt auf die Verlängerung der Lebenszeit durch unterschiedlichste Maßnahmen wie Bewegung, Gewichtsnormalisierung, Stressmodulation, Suchtmittelreduktion, Ernährungsoptimierung, aber auch medizinische Eingriffe und meditative oder religiöse Praktiken. Der Gastbeitrag von Professor Ralf Peter in unserer Self-Care-Serie beschäftigt sich mit diesem Phänomen (Erscheinungsdatum siehe Infobox unten).

Self-Care-Serie im Dezember 

  1. Auftakt zur Beitragsserie (19. Dezember): 
    "Selbstfürsorge im Wissenschaftsbetrieb" von F&L-Redakteurin Christine Vallbracht
     
  2. Beitrag von F&L-Redakteurin Charlotte Pardey (27. Dezember):
    "So können Hochschulangehörige auf ihre Ressourcen achten", mit Erläuterungen von Gesundheitswissenschaftler Professor Nils Altner zu professioneller Selbstfürsorge 
     
  3. "Endloser Stress, freie Tage, plötzlich krank: Leisure Sickness" (29. Dezember):
    Interview von F&L-Redakteurin Christine Vallbracht mit Gesundheitswissenschaftlerin Professorin Stefanie André 
     
  4. Gastbeitrag von Professor Ralf Peter (30. Dezember):
    "Jünger Altern – Hope, Hype, Hybris, Heist oder Hoax?", Redaktion: Henrike Schwab