Self-Care-Serie
So können Hochschulangehörige auf ihre Ressourcen achten
"Wie steht es eigentlich um Ihre Selbstfürsorge? Legen Sie mal Ihre Hand auf den Brustkorb und konzentrieren sich auf Ihre Atmung. Achten Sie darauf, was Sie wahrnehmen." Wer würde sich nicht ertappt fühlen, wenn es mit der Achtsamkeit kurz vor Jahresende naturgemäß schlecht aussieht? Zahlreiche Projekte müssen abgeschlossen, Weihnachtsfeiern besucht und Feiertagsgrüße verschickt werden. Also, Scheuklappen aufsetzen und einfach weiterarbeiten? Professor Nils Altner hat Antworten parat zum achtsamen Umgang mit sich selbst. Er ist Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler und Inhaber einer Gastprofessur an der Alice Salomon Hochschule in Berlin mit dem Arbeitsschwerpunkt professionelle Selbstfürsorge.
In der Hochschulwelt steht professionelle Selbstfürsorge eher selten oben auf der Tagesordnung. Dabei ist in kaum einer Branche die Nähe von Leben und Arbeit so groß wie in der Wissenschaft. Forschende brennen nicht selten für die Themen, zu denen sie arbeiten. Altner erläutert: "Einerseits ist es toll, dass ich mich mit Themen beschäftigen darf, die mir wichtig sind. Zugleich ist es auch eine potentielle Möglichkeit, mich komplett zu überfordern." Daher sei es umso notwendiger, dass klare Grenzen etabliert werden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Hochschullehrende müssten in persönlicher Selbstfürsorge geschult werden, damit sie nachhaltig mit ihren inneren Ressourcen umgehen können. Wer für seine Arbeit brennt, brennt eben auch schnell aus.
Was beinhaltet professionelle Selbstfürsorge?
Hinter professioneller Selbstfürsorge versteckt sich ein bewusstes Kümmern um so das eigene Wohlbefinden, um Überlastungen vorzubeugen. Durch verschiedene physische, psychische und soziale Strategien soll dabei die eigene Resilienz gestärkt und somit die Arbeitsfähigkeit erhalten werden. Gemeint sind etwa ausreichend Schlaf, Bewegung, das Setzen von Grenzen und das Annehmen von Unterstützung.
"Selbstfürsorge ist Naturschutz in eigener Sache." Professor Nils Altner
"Wenn wir Gesundheit als Naturphänomen verstehen wollen und unser Menschsein als von Naturgesetzen und natürlichen Rhythmen bestimmt erkennen, dann ist Selbstfürsorge Naturschutz in eigener Sache", so beschreibt es Altner.
Ab und an die Wahrnehmung auf das eigene Empfinden zu lenken, helfe dabei, in der Folgezeit wieder mit weniger Selbstfürsorge zubringen zu können. Auf Dauer sei das allerdings nicht zu empfehlen: "Wenn man einen Monat, ein Jahr oder gar Jahrzehnte ohne Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit für sich selbst verbringen muss, dann sind die Ressourcen schnell verschlissen", erklärt Altner.
Achtsamkeit und Selbstfürsorge
Achtsamkeit ist ein Stichwort, das immer wieder im Kontext der Beschäftigung mit den eigenen Grenzen fällt. Kritische Stimmen bezeichnen es als ein Modewort. Altner stimmt zu, dass es teilweise "inflationär" verwendet wird. Verstehe man den Begriff "Achtsamkeit" aber mit Jon Kabat-Zinn als die Fähigkeit, mit der Aufmerksamkeit zu den eigenen Sinneseindrücken zu finden, ohne sie zu bewerten oder auch abzuwerten, dann stelle sie eine zentrale Voraussetzung dafür dar, die eigene Belastung zu spüren. Der US-amerikanische Medizinprofessor ist der Begründer der wissenschaftlich anerkannten Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR).
"Als Forscher habe ich viele Projekte in Kitas, Schulen und Hochschulen durchgeführt, wo ich allerdings immer wieder an eine Grenze gestoßen bin: Bewusst wahrgenommene Überlastung ist wenig hilfreich, wenn man in einem System steckt, das einen dazu zwingt, so weiterzumachen.", berichtet Altner. Das Bemühen um professionelle Selbstfürsorge kann demnach nicht ausschließlich das Bemühen des Einzelnen sein. Es sei wichtig, dass man sich mit Kolleginnen und Kollegen zusammentue und sich gemeinsam um eine Kultur kümmere, die berücksichtigt, dass auch innere Ressourcen endlich sind. Dann würde die professionelle Selbstfürsorge ihr "transformatives Potential" entfalten.
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Bewusstes Freuen
Für mehr professionelle Selbstfürsorge an Hochschulen ist es Altner zufolge hilfreich, wenn Hochschullehrende Freude und Dankbarkeit für das, was sie an Ressourcen und Möglichkeiten haben, bewusst spüren: Hierzu gehörten nicht nur Räume und zeitliche Ressourcen, sondern auch die Freiheit von Forschung und Lehre und die Wertschätzung der Gesellschaft für Hochschulen und ihre Arbeit, erläutert Altner. "Ich freue mich über die Freiheiten, die ich habe, und die Gestaltungsmöglichkeiten. Mir das immer wieder bewusst zu machen, gibt mir große Befriedigung in meiner Arbeit. Und auf dieser Basis kann ich mich dann auch freudvoll kreativ den Herausforderungen widmen", erklärt er die Wirkung des bewussten Freuens auf sich.
Wahrnehmung des eigenen Körpers
"Wir sind eine Bildungsgesellschaft mit allen Vorteilen, die dies mit sich bringt. Aber wir haben den Körper vernachlässigt, ebenso wie die sinnenbezogene Verbundenheit mit dem Leben, mit uns selbst und miteinander", resümiert Altner. Es sei wichtig, dass Menschen die Wahrnehmung körperlicher Gegebenheiten mit ins Bewusstsein holen und abstrakte Struktur- und Theorieentwicklung auch immer wieder mit körperlicher Wahrnehmung und Präsenz verbinden. "Da wären wir wieder bei der Achtsamkeit", so Altner.
Mutig sein
"Wir sollten mutig sein, dort, wo wir gestalten können", sagt Altner. Es müssten Lehr-Lern-Prozesse, Forschungsprozesse und auch Leitungs- und Organisationsstrukturen entwickelt werden, die dem Leben dienten und Bedürfnisse berücksichtigen. Dazu gehören auch die Demokratiebildung und die Stärkung von Friedensfähigkeiten.
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Blockseminare
Altner berichtet, dass er mit Vorliebe im Block unterrichtet – einen ganzen oder auch mehrere Tage am Stück. Ein Blockseminar ermögliche einen Zeit- und Gestaltungsraum, den Seminare von 90 Minuten nicht böten. Im Anschluss sei bei diesen kürzeren Lehrveranstaltungen jegliche achtsame Wirkung verflogen, kaum wurden Ort und Kontext gewechselt. Mit mehr Zeit sei es möglich, selbstfürsorgliche und prozessorientierte Aspekte miteinzubeziehen. Dann könne ein Rhythmus verfolgt werden, der den Bedürfnissen aller Beteiligten entspreche und der einen Wechsel an aktiven Phasen und solchen erlaube, die der Introspektion dienten. Auf Phasen, die Ressourcen aufbrauchen, könnten solche folgen, die diese wieder stärken.
Partizipation
Alle Beteiligten sollten bei der Gestaltung einer Lehrveranstaltung beteiligt werden, nicht nur die Lehrenden. Studierende sollten gefragt werden, was sie sich von der Veranstaltung wünschen. "Wenn man sich nach ihrer Perspektive erkundigt, sagen viele Studierende, dass sie nicht nur zuhören möchten. Sie wollen auch gefragt werden und sich beteiligen", erläutert Altner. Beteiligen sie sich, können sie ihre Bedürfnisse kommunizieren. Die Lehrveranstaltung kann so gestaltet sein, dass sie allen Teilnehmenden und Lehrenden Selbstfürsorge ermöglicht.
Raum für Langsamkeit und Stille
Im Rahmen der Lehrveranstaltungen seien Augenblicke der Stille hilfreich für mehr professionelle Selbstfürsorge, auch wenn sie etwas Mut bedürften. "Manchmal gibt es Momente im Lehr-Lern-Geschehen, wo jemand eine Einsicht hat oder besonders berührt ist. Diesen Momenten mit einer Stille eine neue Wertschätzung zu geben, erlebe ich persönlich als sehr beglückend", so Altner. Auch individuell und außerhalb von Lehrveranstaltungen sollte man ab und zu innehalten und in sich hineinspüren. Das lenke die Wahrnehmung auf den Körper und seine Bedürfnisse – man spürt, ob er eine Pause, einen Schluck Wasser oder vielleicht etwas Bewegung braucht. Dazu dient beispielsweise ein kurzer "Body Scan": Nach und nach nimmt man bei dieser häufig in Achtsamkeitstrainings eingesetzten Technik den ganzen Körper wahr, was zu besserer Selbstfürsorge und somit Stressbewältigung führen soll.
Selbstfürsorge und Demokratiebildung
Im Rahmen seiner Lehre wirbt Altner für einen achtsamen Umgang mit sich selbst: "Meine Seminare sollen die professionelle Selbstfürsorge erlebbar machen. Ich lasse die Studierenden die Lehrveranstaltungen demokratisch mitgestalten." Damit möchte er auch einen Beitrag zur Demokratiebildung leisten, die seiner Meinung nach eng mit Selbstfürsorge zusammenhängt. Wer sich selbst und die eigenen Bedürfnisse einbringen darf, wer mitgestalten kann, erlebe sich als selbstwirksam. Selbstwirksamkeit wiederum sei eine wichtige Grundlage der Demokratiebildung: Nach Altner ist die innere Demokratisierung die Basis der Bildung von Demokratiefähigkeiten. Bei dieser bilden Lehrkräfte die Anteile ihrer Persönlichkeit, so dass sie demokratisch zu einem dienlichen Ganzen beitragen. Leise und schüchterne Stimmen erhielten mehr Aufmerksamkeit und dominierende Stimmen würden begrenzt. Das stärke die Basis für (selbst)fürsorgendes und pro-demokratisches Unterrichten.
"Meine Seminare sollen die professionelle Selbstfürsorge erlebbar machen." Professor Nils Altner
Zu diesem Zusammenhang arbeitet Altner im Projekt "FRIDA – Friedensfähigkeit, Innere Demokratie und Achtsamkeit". Es ist Teil des Forschungsprojekts "Demokratiefähigkeit bilden", in dem es um achtsamkeits- und mitgefühlsbasierte Lehr-Lern-Formate geht. Durch die bewusste Kultivierung von Gewaltfreiheit, Mitgefühl und Freundlichkeit soll sich ein zur demokratischen Mitgestaltung einladendes Lehr-Lern-Klima ergeben. Mit den neuen Bildungsformaten sollen Lehrkräfte an Hochschulen und Schulen angesprochen werden. Gefördert wird das Projekt vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.
In Altners Blockseminaren beginnt das Erlernen von Demokratiefähigkeiten mit einer partizipatorischen Gestaltung, die den Bedürfnissen der Einzelnen und der ganzen Gruppe Raum gibt. Das Erfüllen dieser Bedürfnisse müsse im Miteinander demokratisch ausgehandelt werden. "Aus der Wiederholung dieser gemeinsamen Wahrnehmungs- und Gestaltungsprozesse entsteht eine Kompetenz in eigener Sache, die wiederum von den Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die ich dort ausbilde, in deren Gruppen weitergetragen werden kann. Die Wirkung strahlt in die Hochschule aus, in Schulen, Kindergärten und darüber hinaus."
Self-Care-Serie im Dezember
- Auftakt zur Beitragsserie (19. Dezember):
"Selbstfürsorge im Wissenschaftsbetrieb" von F&L-Redakteurin Christine Vallbracht
- Beitrag von F&L-Redakteurin Charlotte Pardey (27. Dezember):
"So können Hochschulangehörige auf ihre Ressourcen achten", mit Erläuterungen von Gesundheitswissenschaftler Professor Nils Altner zu professioneller Selbstfürsorge
- "Endloser Stress, freie Tage, plötzlich krank: Leisure Sickness" (29. Dezember):
Interview von F&L-Redakteurin Christine Vallbracht mit Gesundheitswissenschaftlerin Professorin Stefanie André
- Gastbeitrag von Professor Ralf Peter (30. Dezember):
"Jünger Altern – Hope, Hype, Hybris, Heist oder Hoax?", Redaktion: Henrike Schwab