Studierfähigkeit
Tausche zweckrationales Lesen gegen gemeinsame Fachlektüre
Unsere derzeitigen Studierenden sind die Generation Post-PISA. Ihre Schulzeit hat sie lesekompetent machen sollen. Der Definition nach heißt das, in übertragbaren Situationen "Texte zu verstehen, zu nutzen, zu bewerten und über sie zu reflektieren sowie bereit zu sein, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um eigene Ziele zu erreichen". Haben über 20 Jahre Kompetenzorientierung das geschafft?
Lese ich die Kurzberichte meiner jährlich 400 Studierenden, stimmen sie mich nachdenklich: Hier beschreiben Erstsemesterinnen und Erstsemester, dass sie über (Groß-)Eltern und Geschwister in der Kindheit vielfältige Erfahrungen mit Texten und Medien machten. Während der Schulzeit nahm das genussvolle, identifikatorische Lesen jedoch immer weiter ab. Lesestrategietrainings sowie das analytische Herangehen an literarische Texte führten zu einer zunehmend distanzierten, ablehnenden Haltung – nicht nur gegenüber der jeweiligen Lektüre, sondern auch gegenüber dem Lesen generell.
Nun könnte man das Leseverhalten dieser Generation defizitorientiert betrachten und damit weiter abwerten. Ein Perspektivwechsel ist ergiebiger: In der deutschdidaktischen Lesesozialisationsforschung wurden keine Standards vorgegeben, vielmehr haben Forschende bereits vor PISA durch empirische Studien zwei sich grundsätzlich unterscheidende Lesemodi herausgearbeitet:
Auf der einen Seite steht das zweckrationale Lesen. Hier arbeiten Studierende Lesestoff als Pflichtlektüre ab und beschaffen sich aus Texten relevante Informationen.
Auf der anderen Seite finden wir das Lesen zur diskursiven Erkenntnis. Hier erhoffen sich Studierende von der Lektüre neue Sichtweisen über sich und die Welt; die Lernenden nehmen durch die Rezeption des Stoffs an Fragen der Gesellschaft teil; bei der Auseinandersetzung mit dem Textinhalt geht es um ein Probehandeln im Geiste, das zu eigenem Tun aktivieren kann.
Genau dieses Lesen zur diskursiven Erkenntnis müssen wir an den Universitäten, aber auch an den Schulen, wieder stärken. Denn das Bedürfnis nach Welt- und Selbstverstehen, das Verweilen-Können mit Lektüren, das Aushandeln von Nicht-Verstehens-Momenten sind Bildungsprozesse, die zu wissenschaftlichem Denken und Handeln führen. Sicher ist eine solche diskursive Lesehaltung nicht gut messbar. Darauf verzichten wollen wir deswegen aber nicht.
Statt Credits für zweckrationales Abarbeiten von Fachtexten beziehungsweise Power-Point-Folien als isolierte Einzelleistung zu verbuchen, sollten wir den Diskurs über gemeinsame Lektüreerfahrungen von Fachtexten honorieren und auch eigene Lesarten und Erkenntnisse zur Diskussion stellen. An widerständigen Texten, die auch als Podcast oder Video den Weg zu den Studierenden finden können, entwickelt sich ein kritischer Geist – besser heute als morgen.