Rede des Jahres 2025
Uni Tübingen zeichnet Drosten für Rede aus
Die Auszeichnung "Rede des Jahres 2025" geht an Professor Christian Drosten. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen würdigt damit das klare und eindringliche Plädoyer für eine engagierte Wissenschaft, das Drosten in seiner Rede "Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht" am 27. Mai 2025 formulierte. In der vor dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gehaltenen Rede verpflichtete er die Wissenschaft, Freiheit und Demokratie nicht für selbstverständlich zu erachten.
Seit 1998 zeichnet das Seminar für Allgemeine Rhetorik die "Rede des Jahres" aus, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion entscheidend beeinflusst hat und als wichtiger Beitrag zur Entwicklung der Redekultur gelten kann. Kriterien für die Jury sind unter anderem inhaltliche Relevanz, Vortragsstil, Elaboriertheit sowie publizistische Wirkung. Auf der Social-Media-Plattform X teilte Drosten am 12. Dezember seine große Freude über die Auszeichnung.
Unbequeme Wahrheiten über eine postfaktische Ära
Drosten, der das Institut für Virologie an der Charité Berlin leitet und aus der Pandemie-Zeit als Wissenschaftskommunikator weiten Teilen der Bevölkerung bekannt wurde, argumentiere in der ausgezeichneten Rede sachlich und stringent, klar und verständlich, so die Begründung der Jury. Er spare dabei unbequeme Wahrheiten nicht aus. Glaubwürdig werde der nüchtern-sachliche Stil des Redners durch seine persönliche Integrität. Der Redner selbst, sein Anliegen sowie sein Stil stellen der Jury zufolge den Rahmen einer bedeutsamen Rede dar.
Vor dem DIW hatte Drosten gleich zu Beginn analysiert: "Die Gesellschaft hat das Bewusstsein für Fakten verloren." Die Polarisierung von Debatten, die Personalisierung vielschichtiger Sachthemen sowie die menschlichen Bestrebungen nach Öffentlichkeit und Opportunität hatte er als Folgen dieses Realitätsverlustes bezeichnet. Seine Kritik gipfelte in der pointierten Aussage, dass das, was postfaktische Politikerinnen und Politiker äußerten, "noch nicht einmal falsch, aber dennoch keineswegs richtig" sei.
Drosten stellt in seiner Rede eine "Verwechslung von Alltagsverstand mit methodischer Kompetenz" fest, einen "vollkommenen Verlust der Orientierung an Fakten". Er bemängelt darin den verlorengegangenen Respekt vor Expertinnen und Experten, der mit einem fehlenden Gefühl für die Realität einhergeht.
Der Orientierungsverlust äußere sich im Alltag in einer stetigen Erosion wissenschaftlicher und journalistischer Gütekriterien und münde in einer Monopolstellung der "Meinungsmacht" – wovor auch die Wissenschaft selbst nicht gefeit sei. Leistungsdruck, Selektionsdruck sowie politische Flexibilität und Opportunismus wirken ebenso auf das moderne Wissenschaftssystem wie auf die Gesellschaft. Was der Gesellschaft fehle, seien "Personen, die die Realität der Forschung kennengelernt haben – und mit ihr die Demut vor der Wirklichkeit" sowie die "Bereitschaft zur Selbstkorrektur".
"Es wird lange dauern, bis sich Courage in der Breite der Wissenschaft von selbst einstellt."
Christian Drosten, Professor, Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor an der Charité in Berlin
Die wissenschaftliche Genauigkeit hilft Drosten zufolge der Gesellschaft beim demokratischen Prozess des Für und Wider und "als vielleicht letzte Bastion gegen die alternativen Fakten, die unsere Gesellschaft zerstören". Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seien es (noch) nicht gewohnt, die Faktizität verteidigen zu müssen, erläutert der Virologe und fordert mehr Altruismus, soziale Verantwortung und Courage ein. "Es wird lange dauern, bis sich Courage in der Breite der Wissenschaft von selbst einstellt", prognostiziert er.
Demokratie und Wissenschaftsfreiheit
Wie steht es um die akademische Freiheit? Ausgewählte Artikel über Entwicklungen und Diskussionen zum gesetzlich verankerten Recht finden Sie in unserem Online-Schwerpunkt "Wissenschaftsfreiheit". Wie stehen Wissenschaft und Demokratie zueinander? Gesammelte Beiträge rund um diese Themen bietet Ihnen der Schwerpunkt "Demokratie".
Vom Erklärer zur engagierten Stimme der Wissenschaft
Die Entwicklung in den USA zeige, dass Wissenschaftsfreiheit nicht bedeute, "sich herauszuhalten" – ganz im Gegenteil, betont Drosten: "Ich plädiere heute für ein Nachdenken über den Grundsatz der Wissenschaftsfreiheit – und zwar nicht in erster Linie wegen ihrer Einschränkung! Die Freiheit der Wissenschaft muss auch Verpflichtungen mit sich bringen".
Für seine Forderung ist er in den Augen der Jury selbst ein mustergültiges Beispiel, sehe er doch seine Rolle nicht mehr wie in der Corona-Zeit als bloßer Erklärer, sondern nunmehr als Mahner und engagierte Stimme der Wissenschaft. Mit Leidenschaft fordert er in seinem Schlussappell von allen Beteiligten im Wissenschaftssystem beherzten Einsatz und Engagement "in der demokratischen Debatte". Denn auch diese Verantwortung bringe die Wissenschaftsfreiheit mit sich.
In einem Plädoyer für eine engagierte Wissenschaft adressiert er auch die politisch Verantwortlichen, die "Institutionen der Wissenschaft zu stärken – in ihrem eigenen Interesse und für die Überlebensfähigkeit unserer demokratischen Gesellschaften".
Video: Rede von Christian Drosten zum Festakt 100 Jahre DIW
cva