Fußball-WM
USA zwischen WM-Interesse und Wissenschafts-Diplomatie
Deutsche bewerten die Fußball-Weltmeisterschaft (WM) 2026 weniger kritisch als die vorherige WM in Katar. Die politische Aufladung der aktuell in den USA, in Kanada und in Mexiko ausgerichteten Sportgroßveranstaltung sei geringer. Das geht aus der Fußball-WM-Studie hervor, die Marketingfachleute der Universität Hohenheim durchgeführt und in der vergangenen Woche veröffentlicht haben. Währenddessen bleibe die Skepsis gegenüber dem Weltfußballverband FIFA und der zunehmenden Kommerzialisierung des Turniers groß.
Die Ausrichterländer böten weniger Angriffsfläche, argumentiert der für die Fußball-WM-Studie verantwortliche Professor Markus Voeth. Allerdings würde ein Viertel der befragten 1.000 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählten Probandinnen und Probanden begrüßen, wenn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die WM boykottierte, um auf politische Missstände in den Gastgeberländern aufmerksam zu machen. Rund 38 Prozent der Befragten nehmen eine politische Instrumentalisierung der WM durch die Gastgeberländer USA, Kanada und Mexiko wahr.
Politische Instrumentalisierung auch von demokratischen Staaten
Jürgen Mittag, Sportpolitikprofessor an der Deutschen Sporthochschule Köln, beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre mit der politischen Dimension der Weltmeisterschaft: "Sportereignisse werden von Staaten zunehmend genutzt, um sich international als modern, leistungsfähig und weltoffen zu präsentieren.", schreibt er. Mittag erläutert, dass mit der Vergabe der Fußball-WM 2026 an die Gastgeber USA, Kanada und Mexiko "ursprünglich die Erwartung [verbunden war], dass diese WM weniger stark politisch aufgeladen werden würde, als zuvor Sportereignisse in den BRICS-Staaten", also ehemalige Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Die jüngsten Entwicklungen ließen an dieser Hoffnung allerdings Zweifel aufkommen, so der Sportpolitologe.
"Sportereignisse werden von Staaten zunehmend genutzt, um sich international als modern, leistungsfähig und weltoffen zu präsentieren." Jürgen Mittag, Deutsche Sporthochschule Köln
Auch auf der Website seiner Hochschule erläutert er, dass auch demokratische Staaten Sportgroßveranstaltungen instrumentalisierten, "etwa zur Darstellung nationaler Stärke, wirtschaftlicher Führungsansprüche oder individueller Interessen wie im Fall von Präsident Donald Trump". Die Veranstaltungen dienten den ausrichtenden Organisationen, Gastgeberstaaten und Sponsoren zu wirtschaftlichen, image- und geopolitischen Zielen, so Mittag.
"Fußball-Weltmeisterschaften eröffnen gemeinsame Kommunikationsräume, emotionale Identifikation und transnationale Begegnungen, die politische Spannungen zumindest zeitweise überlagern oder relativieren können", so der Sportpolitikprofessor.
Das scheint Trump zumindest nicht ungelegen zu kommen: Seit seiner Amtseinführung Anfang 2025 sind seine Zustimmungswerte deutlich gesunken, wie etwa die Statistikzusammenstellung der New York Times (NYT) zeigt. Die jüngsten Umfragen, die die NYT gemeinsam mit dem Siena Research Institute Mitte Mai durchgeführt hat, haben ergeben, dass lediglich 37 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner mit Trumps Amtsführung zufrieden sind. Kritisiert werde sein Umgang mit der Wirtschaft, die Höhe der Lebenskosten, der Krieg mit dem Iran und die Immigrationspolitik. Damit unterscheide sich Trump von seinen Vorgängern im Amt, so Nate Cohn, der politische Analyst der NYT. Deren Zustimmungsraten hätten zwar auch geschwankt, aber nie länger als ein paar Tage unter 38 Prozent gelegen. Nachdem die Ablehnung Mitte Mai am höchsten war, zeigt der tägliche Durchschnitt der Zustimmungswerte, den die NYT angibt, seit etwa zehn Tagen wieder eine leichte Erholung.
Die Gründe dafür sind vielschichtig und gehen über die Einflussmöglichkeiten einer Fußballweltmeisterschaft hinaus. So wurde beispielsweise in der vergangenen Woche bekannt, dass eine Einigung zwischen den USA und Iran bevorstehen könnte, die zuletzt in einem digital unterzeichneten Absichtserklärung für ein Konfliktende mündete.
Fußball hilft der Wissenschaftsdiplomatie
Sportpolitologe Mittag betont, dass Fußball weiterhin ein "beträchtliches Potential" besitzt, die Menschen grenzübergreifend zusammenzubringen. Das bestätigt auch Christian Strowa, Nordamerika-Direktor des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD). Fußball beeinflusse seinen Arbeitsbereich, den Wissenschaftsaustausch zwischen Deutschland und Nordamerika. "Sportdiplomatie ist hierzulande ein ganz wichtiges und gewinnbringendes Feld – auch wenn es um ein Studium in Deutschland geht". Gerade unter jungen Leuten sei der Fußballsport, der eng mit Deutschland in Verbindung gebracht werde, ein "Pull-Faktor" für das Interesse an der Bundesrepublik und an Europa allgemein. Daher wirke der DAAD auch in New York am Deutschlandtag des German House of Soccer des DFB mit und werbe dort für Studien- und Karrieremöglichkeiten in Deutschland.
"Sportdiplomatie ist ein ganz wichtiges und gewinnbringendes Feld – auch wenn es um ein Studium in Deutschland geht." Christian Strowa, DAAD
Die aktuelle Lage der US-Hochschulen lässt Amerikanerinnen und Amerikaner nach Optionen im Ausland schauen: Seit seinem Amtsantritt hat Trump den Einfluss der Regierung auf die Hochschulen im Land verstärkt: Programme für Vielfalt und Inklusion wurden beendet, Fördergelder wurden eingefroren, einzelne Forschungsthemen – wie die Gender- oder der Klimaforschung – sind dabei besonders betroffen. Die Regierung hat versucht, Einfluss auf den Zulassungsprozess und sogar die Lehrpläne der Hochschulen zu nehmen. Entsprechend hat auch das diesjährige Update des Academic Freedom Index für die USA festgestellt, dass die institutionelle Autonomie der US-Hochschulen auch im Vergleich zu Institutionen in westeuropäischen Ländern stark abgefallen ist. Erhebliche Einschränkungen haben auch internationale Studierende und Forschende erlebt, zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben daher die USA verlassen oder bemühen sich darum.
Großes Interesse an transatlantischem Austausch
Der DAAD in Nordamerika arbeite natürlich nach wie vor für den deutsch-amerikanischen akademischen Austausch, berichtet Strowa. "Die Rahmenbedingungen sind jedoch andere." Dabei sei das Interesse an Erhalt und Pflege der transatlantischen Wissenschaftsbeziehungen nicht rückläufig, sondern eher gestiegen. Auch seien viele US-Hochschulen sehr an einem Ausbau der Zusammenarbeit mit deutschen Wissenschafts- und Hochschulpartnern interessiert. "Und nicht zuletzt sind die Bewerberzahlen auf unsere DAAD-Stipendien aus den USA deutlich nach oben geschossen."
Der Beratungsbedarf sei seit Beginn der zweiten Amtszeit Trumps stark gestiegen und habe sich verändert. Während sich Anfragen früher vor allem auf Fördermöglichkeiten, Bewerbungsprozesse oder organisatorische Fragen konzentriert hätten, stünden heute komplexe Entscheidungsprozesse im Vordergrund. "Wissenschaftsmobilität wird heute stärker im Kontext politischer Entwicklungen, institutioneller Stabilität und langfristiger Karriereperspektiven betrachtet", so Strowa.
"Wissenschaftsmobilität wird heute stärker im Kontext politischer Entwicklungen, institutioneller Stabilität und langfristiger Karriereperspektiven betrachtet." Christian Strowa, DAAD
Zentral seien Fragen zu Visa- und Aufenthaltsbestimmungen und zur Verlässlichkeit migrationsrechtlicher Rahmenbedingungen. "Gerade für internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist Planungssicherheit ein zunehmend entscheidender Faktor bei der Wahl eines Forschungs- oder Studienstandorts", sagt Strowa. Er beobachte auch eine steigende Verunsicherung hinsichtlich der langfristigen Entwicklung des US-amerikanischen Hochschul- und Wissenschaftssystems. So erkundigten sich deutsche Forschende, die einen Wechsel an eine US-Einrichtung bedenken, beispielsweise nach den Auswirkungen politischer Entscheidungen auf internationale Kooperationen oder nach der Stabilität institutioneller Partnerschaften. Das Interesse an den USA als Forschungsstandort bleibe weiterhin groß: "Trotz bestehender Unsicherheiten schätzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die herausragende Forschungsinfrastruktur, die internationale Vernetzung sowie die exzellenten Kooperationsmöglichkeiten, die viele US-amerikanische Hochschulen und Forschungseinrichtungen bieten", berichtet Strowa.
Spannungen USA-Kanada
Neben den USA fällt auch Kanada in den Zuständigkeitsbereich von Strowa. Wie schon während der ersten Amtszeit Trumps (2017-2021), habe sich das Interesse deutscher Hochschulen an Kanada aktuell erhöht. "Hier gibt es noch sehr viel Kooperationspotential", berichtet Strowa. Spannungen zwischen den USA und Kanada hätten jedoch keine nennenswerten Auswirkungen auf die laufende Arbeit des DAAD und die akademische Zusammenarbeit. Einzelne Hochschulangehörige mit DAAD-Bezug zeigten sich zurückhaltender bei Reisen in die USA, teilweise auch auf Empfehlung ihrer Institutionen. Insgesamt sei die Zusammenarbeit im Hochschul- und Wissenschaftsbereich jedoch weiterhin stabil.