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Sommerzeit
Warum Urlaub nicht perfekt sein muss

Menschen erhoffen sich von ihrem Urlaub Erholung und eine Auszeit von der Routine. Wie wichtig ist der Abstand zum beruflichen Alltag?

Von Gerhard Blasche 18.08.2025

Der Urlaub ist ein wissenschaftlich gut untersuchtes Phänomen. Neben der touristischen Auseinandersetzung begann sich die Forschung mit Ende des 20. Jahrhunderts vermehrt für die Urlaubswirkung zu interessieren. Inwieweit fördert Urlaub tatsächlich die Arbeitsfähigkeit, das Wohlbefinden und die Gesundheit? Eine der ersten diesbezüglichen Studien (Lounsbury & Hoops, 1986) stellt fest, dass "eine der am weitesten verbreiteten organisatorischen Maßnahmen, die augenscheinlich eine direkte Auswirkung auf arbeitsbezogene und die nicht-arbeitsbezogene Belange haben müsste, seltsamerweise bislang als Forschungsthema praktisch ignoriert wurde – der Urlaub von der Arbeit". Seitdem gab es eine Vielzahl von Arbeiten, die mittlerweile in drei Metaanalysen zusammengefasst wurden, eine beeindruckende Anzahl im Vergleich zu anderen sicherlich relevanteren Erholungsmaßahmen – wie der Arbeitspause, mit deren schon deutlich länger untersuchten Wirkung sich bislang lediglich zwei Metaanalysen befassen. Was erklärt dieses augenscheinlich große Interesse am Urlaub?

Warum Urlaub machen?

Urlaub – im Sinn einer bezahlten Auszeit – wurde in Deutschland und Österreich zum Beginn des 20. Jahrhunderts für die Masse der Erwerbstätigen eingeführt, anfänglich mit einer Dauer von wenigen Tagen. Die Urlaubsdauer wurde seitdem im Verlauf der Zeit schrittweise erhöht. Ein Grund für die gesetzliche Verankerung des Urlaubs war das Bestreben, die Arbeitskraft zu erhalten. Ein weiterer, nicht ausgesprochener Grund war vermutlich auch, den einfachen Erwerbstätigen das bislang den Wohlhabenden reservierte Privileg der frei verfügbaren Zeit zu gewähren; in diesem Sinn war der bezahlte Urlaub nicht nur eine Maßnahme der Erholung, sondern auch ein Statussymbol. Urlaub hat sich mittlerweile als wesentlicher Bestandteil der Kultur eta­bliert, sowohl wirtschaftlich im Sinne der Tourismusindustrie als auch – aus der Per­spektive des einzelnen Menschen – als besonderes Ereignis im Jahresverlauf.

Was dieses "besondere Ereignis" charakterisiert, hat die Freizeitforschung zutage gefördert, indem sie sich mit den Motiven auseinandergesetzt hat, die Menschen mit Urlaub verbinden. Eines dieser Motive ist der Wunsch, dem Alltag zu entfliehen, die Sorgen zurückzulassen. Man könnte sagen, dieser Wunsch entspricht der alten Sehnsucht der Menschheit nach dem "verlorenen Paradies" oder dem "Golden Zeitalter", "einer Zeit, in der die Menschen friedlich in die natürliche Umwelt eingebettet waren und keinen Streit, keinen Krieg, keine Mühsal, keine Scham und keine Not kannten" (Blasche, 2020). Ein zweites, damit verbundenes Motiv ist Entspannung, der Wunsch nach Unbeschwertheit, Verpflichtungslosigkeit und Selbstbestimmung, der Wunsch, innerlich zur Ruhe zu kommen. Weitere Motive sind die Entdeckung und das Erleben von neuen Orten und Ereignissen, der Aufenthalt in der Natur, die Möglichkeit für unbeschwerten sozialen Kontakt sowie die Statuspflege.

Wie Urlaub auf Körper und Psyche wirkt

Was bewirkt nun ein Urlaub? Die Forschung bezieht sich hierbei sowohl auf subjektive, psychologische Variablen wie etwa Stimmung, Zufriedenheit, Ermüdung oder körperliches Wohlbefinden als auch – in einem geringeren Umfang – auf biologische Kenngrößen oder sogar Gesundheitsindikatoren wie die Lebenserwartung. Unmittelbar führt ein Urlaub zu einer Steigerung des emotionalen und körperlichen Wohlbefindens sowie zu einer Abnahme der Ermüdung – wir fühlen uns während eines Urlaubs wohl, entspannt und gut gelaunt. Gleichzeitig kommt es zu einem anhand biologischer Kennwerte beobachtbaren Stressabbau, der unter anderem in einer (geringfügigen) Abnahme des Blutdrucks, aber auch in einer Abnahme der Inzidenz von Herzinfarkten sichtbar wird. Allerdings kommt es – nicht wirklich überraschend – nach dem Urlaub zu einem raschen Abklingen dieser Urlaubseffekte. Spätestens drei Wochen nach dem Urlaub sind die Ausgangswerte weitestgehend wieder erreicht, jedenfalls bei den subjektiven Indikatoren. In Bezug auf langfristige Urlaubseffekte zeigt sich, dass Personen, die in den letzten zwölf Monaten im Urlaub waren, eine geringfügig bessere Stimmung aufweisen als jene, die keinen Urlaub gemacht hatten. Allerdings dürfte dieser Effekt eher mit den positiven Urlaubserinnerungen zu tun haben als mit Erholungseffekten. In epidemiologischen Studien zeigt sich überdies ein kleiner Zusammenhang zwischen der Jahresurlaubsdauer und der Lebenserwartung: Personen, die über einen längeren Zeitraum weniger oder keinen Urlaub in Anspruch nehmen, haben ein leicht erhöhtes Mortalitätsrisiko. Allerdings ist unklar, inwieweit dieser Zusammenhang nicht auf andere Einflussvariablen wie Arbeitsbedingungen, Persönlichkeit oder Gesundheits- beziehungsweise Erholungsverhalten zurückzuführen ist. Es ist unwahrscheinlich, dass ein relativ seltenes Ereignis, wie es Urlaube sind, einen so nachhaltigen Effekt haben könnte.

"Urlaub kann als effektive Akutmaßnahme zur Steigerung des Wohlbefindens betrachtet werden, die insbesondere jenen zugutekommt, die sich im Alltag mehr erschöpfen."

Grundsätzlich gilt, dass ein Urlaub die interindividuellen Unterschiede im Wohlbefinden, die im Alltag bestehen, verringert. Personen mit einem habituell schlechteren Wohlbefinden gleichen während eines Urlaubs ihr Wohlbefinden an jene mit einem besseren Wohlbefinden an. Dies gilt etwa für Geschlechtsunterschiede bezüglich Erschöpfung (Frauen haben im Alltag ein höheres Erschöpfungsausmaß), die sich im Urlaub ausgleichen, sowie den Wohlbefinden mindernden Einfluss von Arbeitssucht oder selbstkritischem Perfektionismus (Letzteres bei Akademikerinnen und Akademikern). Im Urlaub kommen diese Unterschiede nicht zum Tragen. In diesem Sinn kann der Urlaub als effektive Akutmaßnahme zur Steigerung des Wohlbefindens betrachtet werden, die insbesondere jenen zugutekommt, die sich im Alltag mehr erschöpfen.

Im Urlaub arbeiten?

Lässt sich der Effekt des Urlaubs auf das Wohlbefinden beeinflussen? Ja, in einem gewissen Umfang. Dem Urlaubseffekt abträglich ist, sich real oder auch nur gedanklich mit der Arbeit zu befassen, vor allem dann, wenn dies als Verpflichtung wahrgenommen wird. Förderlich hingegen sind Aktivitäten, die ein Gefühl von Entspannung auslösen sowie die Gestaltung des Urlaubs gemäß eigenen Vorstellungen im Sinne der Selbstbestimmung. Bezüglich konkreter Aktivitäten fördern (moderate) körperliche Aktivität und soziale Interaktion das Wohlbefinden, aber nur dann, wenn diese Aktivitäten auch Freude bereiten. Unterm Strich gilt, je größer die Urlaubszufriedenheit, das heißt, je mehr wir während des Urlaubs jenen Dingen nachgehen können, die Freude bereiten und je zufriedenstellender die Umgebungsfaktoren sind, desto ausgeprägter ist die Erholung.

Gelten diese Faktoren nun auch für Wissenschaftlerinnen beziehungsweise Wissenschaftler oder Künstlerinnen beziehungsweise Künstler, die oftmals für ihre Arbeit brennen? Brauchen diese Berufsgruppen überhaupt einen Urlaub? Für die Erholung entscheidend ist das Motiv für eine Handlung. Wenn eine intrinsische Motivation vorliegt, das heißt, wenn wir einer Aktivität nachgehen, weil diese Freude bereitet und nicht aufgrund eines externen Vorteils, dann kann diese Handlung zur Erholung beitragen. So gesehen spricht nichts dagegen, seinen akademischen Ideen auch im Urlaub im gewissen Umfang Raum zu geben. Allerdings geht Freizeit dann mit dem größten Wohlbefinden einher, wenn die Vielfalt unserer Aktivitäten groß ist. Insofern sollte eine allfällige akademische Beschäftigung nur einen kleinen Teil der Urlaubsaktivitäten ausmachen, wenn überhaupt. Denn der Urlaub lebt auch davon, den Alltag in den Hintergrund treten zu lassen.

Der perfekte Urlaub

Der Eindruck, dass der Urlaub "ein überstrapaziertes Kulturgut" ist, mag idiosynkratisch und im Fall des Autors den jährlich wiederkehrenden Presseanfragen zum Thema geschuldet sein, die ihn im Frühsommer ereilen. Gewiss sind Urlaube wichtige Zäsuren im Jahresgang, während denen wir eine Zeit lang das Leben feiern können und an die wir auch gerne zurückdenken. Aber gleichzeitig ist all diesen Anfragen gemein, es möge der Experte sagen, wie denn ein Urlaub bestmöglich gelingt, wie man "den perfekten Urlaub" gestaltet (an diesem Punkt fehlen einem oft einen Moment lang die Worte). So als ob wir auch diesen Lebensbereich optimieren müssten, um Glück, Gesundheit oder Arbeitsleistung zu maximieren. Dabei lebt das Kulturgut Urlaub doch vorwiegend davon, eine unbeschwerte Zeit zu sein, bei der wir den gegenwärtigen Augenblick würdigen, ohne einem Plan gerecht werden zu müssen. In diesem Sinn erscheint es wichtig, dem Urlaub diese seine Unschuld zu bewahren und nicht mit Anweisungen und Analysen zu überstrapazieren, gerade weil der Urlaub auch ein überaus geschätztes Kulturgut ist.

Vom Autor ist kürzlich erschienen: Erholung 4.0, Facultas/Maudrich Wien 2020.