Mischwald
picture alliance/imageBROKER

Nachhaltigkeit Was sich in der Waldnutzung ändern muss

Klimawandel und Hitzebrände rücken den Wald stärker in das öffentliche Bewusstsein. Professor Thomas Knoke über den Lebensraum und seine Zukunft.

Von Katrin Schmermund 05.08.2018

Forschung & Lehre: Herr Knoke, Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie der Wald nachhaltig genutzt werden kann. Was bedeutet "nachhaltig" für Sie?

Thomas Knoke: Unter Nachhaltigkeit verstehe ich, dass wir den Wald so gestalten, dass wir uns auf Dauer keine Optionen verbauen. Schließlich wissen wir nicht, welche Anforderungen künftige Generationen an den Wald stellen. Dazu gehört auch, dass wir einen möglichst robusten Wald haben, der zum Beispiel ungünstigen klimatischen Verhältnissen und dem Befall von Insekten trotzen kann oder eine so große Baumvielfalt bietet, dass etwa der Einkommensverlust durch den Preissturz für eine Baumart durch den Verkauf einer anderen  ausgeglichen werden kann.

F&L: Welcher Typ von Wald erfüllt diese Ansprüche am besten?

Thomas Knoke: Ein Wald, der sehr viele Ansprüche erfüllen kann, ist der Mischwald in Form des Dauerwaldes. Nur ein solch diverser Wald kann Unwägbarkeiten gut abpuffern und viele Funktionen erfüllen. Wenn man dagegen alles auf eine Karte, in diesem Fall auf eine Baumart setzt, hat man ein höheres Risiko. Die Fichte wird beispielsweise vor allem bei trockener Witterung, wie wir sie im Moment haben, sehr stark vom Borkenkäfer befallen. Solch ein Befall ist in einem naturnahen Mischwald geringer. Es gibt in jüngster Zeit aber auch immer wieder Zweifel, ob der Dauerwald für die Biodiversität wirklich so gut ist.

Prof. Dr. Thomas Knoke
"Man muss in der Waldwirtschaft lokal praktizieren, aber global denken", sagt Professor Dr. Thomas Knoke. An der TU München leitet er das Fachgebiet für Wald­inventur und nachhaltige Nutzung. TU München

F&L: Welche Nachteile hat er?

Thomas Knoke: Ein Mischwald oder auch Dauerwald aus Schatten ertragenden Baumarten kann recht monoton sein, wenn er auf großen Flächen vorkommt. Lebensräume für Licht liebende Arten sind hier rar. Eine Mischung aus unterschiedlich bewirtschafteten Wäldern, in denen es auch freie Flächen gibt, könnte mehr Nischen für Tiere und Pflanzen bieten.

F&L: Für Sie spielt die Wirtschaftlichkeit des Waldes aber immer eine Rolle, wenn Sie von Nachhaltigkeit sprechen?

Thomas Knoke: Natürlich. Es sollte nicht vergessen werden, dass mehr als eine Million Arbeitsplätze laut Deutschem Forstwirtschaftsrat in der Forst- und Holzindustrie stecken. Wie stark wirtschaftliche Faktoren im Vordergrund stehen, hängt jedoch auch bei meiner Forschung über die Gestaltung von Wäldern von deren Besitzart ab, ob sie in privater oder öffentlicher Hand sind. Die öffentlichen Wälder berücksichtigen die Ansprüche der Bevölkerung in Richtung Erholung und Ästhetik, Kohlenstoffspeicherung und Biodiversität oft stärker. Beim Privatbesitz geht es dagegen mitunter mehr um die direkte wirtschaftliche Produktionsfunktion eines Waldes.

F&L: Über die gesamte Waldfläche betrachtet: Für wie nachhaltig halten Sie den Wald in Deutschland aktuell?

Thomas Knoke: Schaut man nur auf Deutschland, wirkt die Entwicklung sehr positiv: Es wächst bei weitem mehr nach als geerntet wird. Jedoch muss man Waldwirtschaft zwar lokal praktizieren, aber global denken. Wenn wir uns die deutsche Holzbilanz anschauen, sehen wir, dass wir den Großteil unseres Holzbedarfs durch Einfuhren aus dem Ausland decken. Dies gilt nicht nur für Holz. Andere Regionen müssen also Umweltschädigungen in Kauf nehmen, damit bei uns die Nachfrage gedeckt wird, zum Beispiel nach Zellstoff, aus dem etwa Papier hergestellt wird, oder nach Palmöl, das in zahlreichen Nahrungsmitteln, Waschmitteln oder auch Kosmetika vorkommt.

F&L: Müssen wir stärker auf alternative Materialien umsteigen?

Thomas Knoke: Alternative Materialien sind nicht unbedingt besser als Holz. Beispielsweise ist die Produktion von Stahl, Beton und Glas mit wesentlich höheren Umweltbelastungen verbunden als die Produktion von Holz. Wir müssen vor allem sparsamer und verantwortungsvoller mit unseren Ressourcen umgehen. Erst dann macht es Sinn, über einen stärkeren Naturschutz durch eine Reduktion der Holznutzung zu reden.

F&L: Der Import von Holz aus dem Ausland ist günstiger und von den Folgen der massenhaften Rodungen in Regionen wie Südamerika oder Afrika bekommt man nur etwas mit, wenn man dafür aufgeschlossen ist – und selbst dann ist es weit weg. Wie optimistisch sind Sie, dass sich an dem Grundproblem unseres hohen Verbrauchs etwas ändert?

Thomas Knoke: Ich glaube, dass positive Entwicklungen möglich und im Gange sind. Die Forschung ist beispielsweise auf nachhaltigere, auch effizientere Ressourcennutzung gerichtet und Schulen sowie Universitäten stellen viel stärker auf Umweltbelange ab als früher. Dabei tragen internationale Studiengänge nicht nur zum nachhaltigen Ressourcenmanagement in Deutschland bei, sondern zur Verbesserung der Wald- und Ressourcenbewirtschaftung weltweit.

F&L: An welcher Stelle sollte man Holz insbesondere einsparen?

Thomas Knoke: Holz ist ein hochwertiger und sehr umweltfreundlicher, weil nachwachsender Rohstoff. Seine volle Stärke kommt dann zur Geltung, wenn Holz höherwertig und dauerhaft eingesetzt wird, beispielsweise im Bausektor oder als Möbel. Solche Verwendungen sind aus ökologischer Sicht gegenüber der Nutzung von Holz als Brennstoff zu bevorzugen.

F&L: Welche Länder in Europa machen es besser als Deutschland?

Thomas Knoke: Die skandinavischen Länder schaffen es, Schutz und Nutzen intelligent zu kombinieren: Effiziente Waldwirtschaft wird gekoppelt mit Stilllegungskonzepten für bestimmte Waldbereiche, die unberührt bleiben sollen und in denen sich Pflanzen und Tiere ungehindert entwickeln können. Auch entwickeln diese Länder ihre Produkte stärker mit biologischen Ressourcen aus dem eigenen Land und exportieren diese dann. In Finnland trägt die Forst- und Waldwirtschaft zum Beispiel über 20 Prozent zum Gesamtexportwert bei.

F&L: Woher rühren diese Unterschiede?

Thomas Knoke: Ein Hauptgrund sind kulturelle Unterschiede. In den skandinavischen Ländern ist die Bedeutung der Wälder in ihren vielseitigen Facetten stärker im Bewusstsein der Menschen verankert. In Deutschland sehe ich dagegen eher eine Spaltung in grob zwei Meinungsgruppen: die ländliche und die städtische Bevölkerung. Die städtische Bevölkerung macht sich um Naturschutz und Biodiversität viele Gedanken und glaubt zunehmend, dass ein stillgelegter Wald viel wertvoller ist als ein genutzter Wald. Die ländliche Bevölkerung sieht die Wälder dagegen auch als Beitrag zum Lebensunterhalt und ist stärker an ihrer wirtschaftlichen Nutzung interessiert. Viele leben zumindest teilweise von der Forst- und Holzwirtschaft. Für große Teile aus der urbanen Bevölkerung spielt die Nutzfunktion des Waldes keine Rolle, weil die Ressourcen aus dem Super- oder Baumarkt kommen. Sie sind da, ob der Wald bei uns stillgelegt wird oder nicht – schließlich kommt der Großteil des Holzes aus dem Ausland.

F&L: Wen würden Sie in Deutschland als die derzeit einflussreichsten Akteure für die Gestaltung der Wälder beschreiben?

Thomas Knoke: Die Forstbranche ist es eher nicht, dagegen prägen oft Greenpeace, der World Wide Fund For Nature (WWF), der Naturschutzbund Deutschland und populäre Autoren wie Peter Wohlleben die Debatte. Sie haben derzeit einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung und damit indirekt auch auf die Art der Waldbewirtschaftung. Die Unterstützung für mehr unberührte Wälder in Deutschland dürfte deswegen – vor allem in der urbanen Bevölkerung – zunehmen.

F&L: Warum haben diese Interessenvertreter Erfolg?

Thomas Knoke: Der Alltag vieler Menschen ist durch Technik und Hektik geprägt. Der romantisierte Wald, dessen Gefahren ausgeblendet werden, wird zur Sehnsucht. Dabei geht vieles an der Realität vorbei. Bei Wohlleben kuscheln die Bäume und leben in völliger Harmonie. Dabei gibt es kaum einen härteren Konkurrenzkampf als unter Bäumen, die um Platz und Nährstoffe kämpfen.
Ich finde es nicht schlecht, ein Bewusstsein für die Schönheit der Natur zu schaffen, aber es bringt wie gesagt nichts, wenn wir auf der einen Seite Nationalparks und andere möglichst unberührte Wälder schaffen und gleichzeitig so viele Rohstoffe konsumieren, dass anderorts Urwald gerodet werden muss, um unseren Lebensstandard zu ermöglichen. Damit betrügen wir uns selbst.

F&L: Oft wird mehr "Wildnis" für den Wald gefordert. Können wir heutzutage überhaupt noch von wilden Gebieten sprechen?

Thomas Knoke: In Deutschland und in vielen anderen industrialisierten Ländern gibt es streng genommen an fast keinem Ort noch echte Wildnis. Jeden Fleck haben wir in irgendeiner Form schon einmal berührt. Eine tatsächliche Wildnis müssten wir über Jahrhunderte wieder aufbauen. Dazu müsste man bestimmte Waldbereiche möglichst ganz dem menschlichen Einfluss entziehen. Das würde auch bedeuten, dass Menschen diese Orte kaum oder gar nicht betreten dürften. In anderen Ländern kommen noch ausgedehnte Urwälder vor, zum Beispiel in Brasilien, wo es laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen mehr als 1.000 verschiedene Baumarten gibt. Unsere Wirtschaftswälder enthalten meist maximal zehn verschiedene Baumarten. Es wäre viel zielführender, sehr biodiverse Gebiete wirksam zu schützen und bei uns mehr Holz aus Eigenproduktion zu verwenden.

0 Kommentare