Frau liest mit hochgelegten Beinen am Kamin ein Buch.
mauritius images / Alexander Raths

Buchtipps Teil 2
Was zu lesen für den Jahreswechsel

Endlich Zeit um etwas Interessantes zu lesen? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teilen ihre Empfehlungen für die Feiertage und danach.

31.12.2025

Laurenz Lütteken empfiehlt Christian Kaden: Des Lebens wilder Kreis. Musik im Zivilisationsprozeß, Bärenreiter Verlag 1993.

Laurenz Lütteken ist Direktor des Musikwissen­schaftlichen Instituts der Universität Zürich. privat

Das über 30 Jahre alte Buch von Christian Kaden (1946–2015) ist längst vergriffen und fast vergessen, es ist auch digital nicht verfügbar, nur noch antiquarisch. Es entstand viel früher, durfte in der DDR nicht veröffentlicht werden – und wurde dann, nach 1989, nochmals neu in Angriff genommen. 

Es handelt von der Frage nach dem Sinn, nach der Bedeutung der Musik für den Menschen unter dem Eindruck der Revolutionen von 1989/90. Jahrzehnte später, in Zeiten, in denen der beschworene "Zivilisationsprozeß" so bedroht ist wie lange nicht, lohnt die Lektüre mehr denn je. Das Buch, seine herausfordernden Fragen und Diagnosen sind von ungeahnter, von beunruhigender Aktualität.


Martin Korte empfiehlt Steven Pinker: Wenn alle wissen, dass alle wissen...: Gemeinsames Wissen und sein verblüffender Einfluss auf Geld, Macht und das tägliche Leben, S. Fischer Verlag 2025.

Martin Korte ist Professor für Zelluläre Neuro­biologie an der TU Braunschweig. privat

Der Harvard-Psychologe Steven Pinker setzt sich mit einer wichtigen, aber oft übersehenen Conditio humana auseinander: Kommunikationsakte finden vor dem Hintergrund komplexer, rekursiver Annahmen statt (Ich weiß x; du weißt, dass ich x weiß; ich weiß, dass du weißt... ad infinitum). Dieses Wissen um das Wissen der anderen ist sowohl das, was einen verständlichen Austausch ermöglicht, als auch das, was ihn erschwert. 

Kommunikation ist das Ergebnis einer langen Geschichte von Annahmen und Symbolen. Wir müssen unseren Verstand einsetzen, um zu Ergebnissen zu gelangen, die für alle Beteiligten gut sind, und um den verführerischen, aber potentiell selbstmörderischen Narrativen zu widerstehen, die nur uns selbst Vorteile versprechen.


Christoph Möllers empfiehlt: Lars Behrisch: Democracy’s Double Helix. Participation, Equality and Revolution in Early Modern Europe, Cambridge University Press 2025.

Christoph Möllers hat den Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Isolde Ohlbaum

Lars Behrisch hat mit "Democracy’s Double Helix. Participation, Equality and Revolution in Early Modern Europe" eine umfassende, hoch verdichtete Vorgeschichte des modernen demokratischen Verfassungsstaats verfasst. Deren These lautet, dass die moderne Demokratie sich dem keineswegs notwendigen und kaum vorherzusehenden Zusammenfinden zweier Entwicklungsstränge in der amerikanischen und französischen Revolution verdankt: einer Praxis der Beteiligung bestimmter Eliten an monarchischer Herrschaft – und der Idee universeller Gleichheit.


Gyburg Uhlmann empfiehlt Frank Hohler: Das Päckchen, Luchterhand Literaturverlag 2017.

Gyburg Uhlmann ist Professorin für Klassische Philologie an der Technischen Universität Nürnberg. privat

Franz Hohlers "Das Päckchen" ist literarische Spurensuche, Kriminalgeschichte und Hommage an das Buch als greifbares Objekt des Wissens. Ein Zürcher Antiquar entdeckt ein verloren geglaubtes lateinisch-althochdeutsches Glossar und begibt sich auf eine Reise, die ins 8. Jahrhundert führt. 

Ein Roman über das Faszinosum Buch und darüber, welche Schicksale und Geschichten Bücher uns erzählen und verbinden können. Kurzweilig und für alle Bücherfreunde ein Wohlfühlbuch.


Diese Buchempfehlungen sind zuerst in der Dezember-Ausgabe von Forschung & Lehre erschienen.