Buchtipps Teil 1
Was zu lesen für die Feiertage
Axel Honneth empfiehlt Theodor W. Adorno: Probleme der Moralphilosophie, Suhrkamp Verlag 2010.
Die Schwierigkeiten, vor die Adorno seine Leserinnen und Leser mit dem ihm eigenen Stil immer wieder stellt, verschwinden wie durch Wunderhand, wenn man sich seiner inzwischen veröffentlichten Vorlesungen annimmt. In seinen Vorlesungen über Probleme der Moralphilosophie gelingt es ihm in freigehaltener Rede, seine Zuhörer leicht verständlich und erfahrungsnah über die vielen Komplikationen zu unterrichten, die der Versuch mit sich bringt, nach allgemeinen Maßstäben moralisch richtigen Handelns zu suchen. Wer sich darüber Klarheit verschaffen möchte, sollte unbedingt zu diesem großartigen Buch greifen.
Christine Wenona Hoffmann empfiehlt Jean Said Makdisi: Teta, Mother, and Me, Three Generations of Arab Women, W. W. Norton & Company 2005.
Jean Said Makdisis "Teta, Mother, and Me" bietet eine vielschichtige autobiografische Reflexion über weibliche Identität, Erinnerung sowie über die Verflechtung von Religion, Geschichte, Politik und Geschlechternarrativen im östlichen Mittelmeerraum. Das Werk eröffnet wertvolle Einsichten in die Erfahrungen dreier Generationen und zeichnet deren Erleben, Identitätsbildung und Glaubenswege unter den Bedingungen von Kolonialismus und Krieg nach. Makdisis präzise Erzählkunst verbindet persönliche Geschichte mit kulturkritischer Analyse – ein beeindruckendes und bis heute hochaktuelles Zeugnis interkultureller und interreligiöser Selbstverortung.
Helen Ahner empfiehlt: Rebecca F. Kuang: Babel, Eichborn Verlag Köln 2022.
Wissen ist Macht und Sprache schafft Wirklichkeit. Diese Grundwahrheiten verarbeitet Rebecca F. Kuang im Fantasy-Roman "Babel" zu einer fesselnden Fabel über akademische Aufstiegsversprechen, koloniale Ausbeutungsverhältnisse und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Vier Außenseiterinnen und Außenseiter kämpfen im England des 19. Jahrhunderts um ihren Platz an der magischen Eliteuniversität. Schließlich zetteln sie eine Revolution an. "Babel" lädt mit seinem ausgeklügelten Plot zur kritischen Auseinandersetzung mit Wissenschaft ein – und dazu, sich in den Seiten einer wirklich guten Geschichte zu verlieren.
Sandra Richter empfiehlt Max Goldt: Aber?, dtv Verlag 2025.
Die Moralistik ist eigentlich eine französische Erfindung, und schon im Alten Reich gab es kein rechtes Gegenstück. Aphoristiker wie Johann Christoph Lichtenberg beließen es bei kurzen, einprägsamen Sätzen. Max Goldt nimmt die Herausforderung an und trit den Nerv der Gegenwart. "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken", schreibt er zur Warnung, und das stimmt: Goldt will nicht einfach bestimmte Lehren verbreiten, sondern zum Widerspruch, zum eigenen Urteil anregen. Sein "Aber?" ist programmatisch in einer Zeit, die wie wenige durch moralische Rechthaberei gekennzeichnet ist.
Diese Buchempfehlungen sind zuerst in der Dezember-Ausgabe von Forschung & Lehre erschienen.